WISSENSCHAFT-LITERATUR • KUNST
Bayreuth ohne Tradition
Erwartungsvoll sah man in diesem Sommer der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele entgegen, haben sie doch schon nach dem verlorenen ersten Weltkrieg einen der wenigen Kulturmittelpunkte gebildet, die uns Deutschen noch geblieben waren, und ließen sie hoffen, daß sie nun auch nach der noch weit schlimmeren Katastrophe des letzten Krieges dazu beitrügen, unsere große deutsche Kunst, die bis Anfang des Jahrhunderts das bedeutendste Ansehen in der Welt genoß, wieder zu Ehren zu bringen.
Was man von Bayreuth erwartete, das war: das Kunstwerk Wagners, das so lange an unseren Opembühnen den mannigfachsten Verstümmelungen und Verfälschungen ausgesetzt war, wieder in seiner reinen, durch die dortige Tradition geheiligten Gestalt zu sehen. Sollten doch die Bayreuther Aufführungen von jeher beispielgebend wirken, den Opembühnen vor Augen führen, wie der von Wagner gewollte Darstellungsstil seiner Werke beschaffen sein soll.
Um so merkwürdiger berührte der Ausspruch von Wieland Wagner, dem Enkel des Meisters, dessen Initiative man in der Hauptsache das Wiedererstehen der Festspiele verdankt, daß es für das neue Bayreuth das Wort Tradition nicht mehr gebe. Wie das gemeint war, ließen dann seine Inszenierungen des „Par- sifal“ und des „Nibelungenrings“ deutlich erkennen, während der szenische Leiter der „Meistersinger von Nürnberg“, Rudolf Hartmann, Im großen und ganzen glücklich an der Überlieferung festhielt.
Die Gegnerschaft gegen jegliche Tradition kann freilich insofern als „zeitgemäß“ gelten, als sich heute sämtliche Künste, die Musik, die Dramatik und die Malerei, von der Kunst des 19. Jahrhunderts distanzieren, die Romantik in Acht und Bann tun und um neue Wege und neue Stile bemüht sind. Mit diesen Zeitströmungen und Zeitmoden hat aber Bayreuth nicht das mindeste zu tun. Seine Aufgabe kann einzig und allein darin bestehen, das Vermächtnis Wagners zu wahren, immer wieder den Stil seiner Werke neu zu erarbeiten, dessen Grundzüge für alle Zeiten feststehen. Dabei soll Tradition durchaus keine Erstarrung bedeuten, wie man vielfach behauptet, die Aufführungen sollen keineswegs „museal" wirken. Im Gegenteil: alle Fortschritte der
Liebeslieder vom Nil
Altägyptische Liebeslieder mit Märchen und Liebesgeschichten. Eingeleitet und übertragen von Siegfried Schott, Verlag Artemis, Zürich 1950, 240 S„ 24 Bildtafeln, 4 Vignetten, 12.80 DM.
Diese Liebeslieder (in der von Karl Hoenn herausgegebenen ausgezeichneten Sammlung „Die Bibliothek der Alten Welt“ erschienen) versetzen den Leser sogleich in den Zauber ägyptischer Landschaft und machen ihn mit lyrischen und erzählerischen Zeugnissen einer reizvollen, leider wenig bekannten Literatur bekannt, die zumeist von Frauen geschaffen wurde. Der Mainzer Ägyptologe S. Schott schrieb ein Vorwort, das uns das Ägypten der Pharaonen mit seiner Poesie und positiven Lebensphilosophie zurückruft und uns zugleich erkennen läßt, was von der Wissenschaft seit der Entzifferung der Hieroglyphen im vergangenen Jahrhundert geleistet worden ist. Den Liebesliedern und Gedichten folgen Märchen und diesen eine Reihe wertvoller Anmerkungen und Hinweise. Die Märchen weisen auf die primitivkulturliche Vergangenheit der Landschaften am Nil hin, auf jene Zeit, da das mythische Weltbild noch das Leben der Menschheit bestimmte. So ist diese Sammlung eine willkommene Ergänzung zu den Veröffentlichungen Adolf Ermans und den Kulturgeschichten, die über Altägypten vorliegen. Die prachtvollen Wiedergaben altägyptischer Zeichnungen ergänzen aufs beste die Vorstellung, die von der Welt am Nil durch die Lektüre dieses Buches gewonnen werden kann. W. Nölle
Technik, der Beleuchtung, der Dekorationskunst sollen so weit als möglich verwertet werden. Auch im Kostümlichen, zum Teil auch in der Gestik lassen sich manche Änderungen vertreten. Nicht geändert werden darf aber das Prinzip des Stiles, bei dem man auf das „Illusionstheater“ auf keinen Fall verzichten kann. Immer wieder betont Wagner, daß sein Ziel die Schaffung eines Dramas sei, zu dessen Verdeutlichung alle Künste, die Musik, die Darstellung und die bildenden Künste mitzuwirken haben, eines Bühnenwerkes, in dem Wort, Ton und Bild eine untrennbare Einheit bilden.
Die Sänger sollen — ebenfalls eine Tradition — zugleich auch Schauspieler sein. Es darf keine konventionellen Opernposen mehr geben, sondern natürliche Bewegungen, die stets etwas ausdrücken und mit der Sprache des Orchesters übereinstimmen. Denn auf den Menschen kam es Wagner an, auf menschlich überzeugende Darsteller die den Sinn seines Dramas verlebendigen konnten. Das haben auch intelligente Sänger klar erkannt. So schreibt der jetzt in Tübingen lebende Kammersänger Theodor Scheidl, der viele Jahre in Bayreuth mitgewirkt hat, in seinen „Erinnerungen“: „Für jede Sängerin, für jeden Sänger ist es von jeher eine besondere Ehrung-gewesen, als ausübender Künstler zu den Festspielen zugezogen und in die Bayreuther Tradition eingeweiht zu werden.“
In Bayreuth hat man sich diesmal, was den „Parsifal“ und den „Ring“ betrifft, bedauerlicherweise nicht an Wagners Mahnung gehalten. Die Inszenierung des „Parsifal“ stellte jedenfalls das „Revolutionärste“ dar, was jemals bei der Wiedergabe eines Wagnerwerkes versucht wurde. Ein Gazeschleier verhüllte während der ganzen Aufführung die Bühne, durch den nur, durch wechselnde Belichtung ermöglicht, an der Rampe einiges von der Handlung sichtbar wurde. Zu sehen waren weder der „heilige See“ noch die Waldesmorgenpracht“, weder Klingsors Zaubergarten noch die Karfreitags-Blumenaue. Beim Gralstempel begnügte man sich mit leiser Andeutung, wobei die mönchisch gekleideten Ritter meist unsichtbar blieben.
Vielleicht hat man geglaubt, den „Parsifal“ damit als eine Art „Mysterium“ erscheinen zu lassen. Allein bei der engen Bindung des Wortes an die Szene ist es ganz unmöglich, auf das Bühnenbild zu verzichten, auf das ja die Dichtung Bezug nimmt.
Dieselbe Tendenz möglichster Nüchternheit und fast allgemeiner Mißachtung der Wag- nerschen Vorschriften und des notwendigen Zusammenhangs von Wort und Ton war auch für die Inszenierung des „Ringes“ bezeichnend. Auch hier glaubte man, auf die wohlbegründete „Tradition“ verzichten zu können.
; v“»
S'TSsüs
wmm
4 -css .*!
mmm
S'
:S?SSSSSS3SS¥
mmmm
»s
Mmm
**
jW !
*1111
mMäm:
Symbol der Hoheit ist der prachtvolle bronzene Löwe, den der Wellen Herzog Heinrich im Jahre 1166 in Braunschweig aufstellte. Die gespannte Kraft scheint von den zurückgestemmten Pranken des unrealistischen und doch wahrhaft begriffenen Raubtieres bis in den drohenden Rachen hinein sich zu ballen. Das Antlitz nach Osten gerichtet, ist der Löwe das Denkmal eines Mannes, dessen Kraft sich einst dem germanischen Osten zuwandte und ihn für Deutschland zurückgewann. Die Aufnahme wurde dem im Frankfurter Umschau-Verlag erschienenen Bildband „Deutschland “ (Süden — Westen — Norden, ein Bildband von deutscher Landschaft, ihren Städten, Dörfern und Menschen) — Frankfurt 1951, 200 Abb., 36 S. Text, 24.50 DM — entnommen.
-jtä
Es bedarf wohl kaum der Beweise im einzelnen, daß bei diesen willkürlichen Stiländerungen ein fundamentaler Irrtum vorliegt. Darüber waren sich fast alle Festspielbesucher einig, die Wagners künstlerische Absichten kannten. Es wäre in hohem Grade bedauerlich, wenn erst ein auf die Dauer unvermeidlicher Boykott der Wagner-Freunde die jetzigen Leiter Bayreuths darüber belehren müßte, daß sie sich auf falschem Wege befinden. Wolfram
Über die Kunst, eine Frau zu sein
In „Zurück zu Methusalem“ läßt Bernard Shaw den Adam sagen: „Du sollst nicht soviel über mich nachdenken, Eva! Immerzu spionierst du hinter mir her. Nie kann ich allein sein. Immer willst du wissen, was ich gemacht habe. Das ist zu lästig. Versuche doch, eine eigene Existenz zu führen ..“ und Eva antwortet ihm: „Ich muß doch über dich nachdenken, Adam. Du bist faul, du bist schmutzig, du vernachlässigst dich; du träumst immerzu, du würdest verdorbene Speisen essen und abstoßend werden, wenn ich nicht immer auf dich aufpassen und mich mit dir beschäftigen würde ...“ Jede Frau wird sich in ihrem Leben einmal mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Unter Schmerzen wird sie lernen, daß sie nicht aufgehen darf in dem Manne, der sie liebt, wenn sie nicht seine Liebe verlieren will; daß sie ihn mit ihrer Fürsorge umgeben soll und dennoch nicht stehen bleiben darf in ihrer eigenen Entwicklung; daß sie — und je fraulicher sie ist, desto mehr wird es sie dazu treiben — geben und immer wieder geben
muß, aber darüber nicht das Nehmen vergessen darf, will sie nicht am Ende, wenn die Ihren ihrer Fürsorge nicht mehr in dem Maße bedürfen, weil die erwachsenen Kinder das Haus verlassen haben, verbraucht und ausgeleert dastehen, eine Last für ihre Umgebung.
Die Töchter müssen für eine doppelte Aufgabe erzogen werden, wozu die Pflege ganz verschiedenartiger, ja vielfach einander widersprechender Eigenschaften nötig wird: sie sollen sich später einmal in einem Beruf bewähren, im Falle der Verheiratung aber gute Hausfrauen und Mütter sein. Es zeigt sich also, daß die veränderten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse das Leben der Frau in mannigfacher Weise kompliziert haben. Zumal auch die verminderte Kinderzahl und die Verlängerung der Lebensdauer in den Frauen Kräfte freigemacht und erhalten haben, über die ihre Mütter und Großmütter in diesem Maße nicht verfügten.
Es ist darum nicht verwunderlich, daß ein Buch mit dem bezeichnenden Titel: „The Art
of Being a Woman“ (Die Kunst, eine Frau zu sein) erscheinen konnte, in dem die Verfasserin Amabel Williams-Ellis zu den hier angedeuteten Probleme in lockerer esaystischer Form Stellung nimmt. Als Hausfrau, Mutter und Schriftstellerin scheint sie im besonderen Maß dazu berufen. Ihre Gedanken und Vorschläge wirken auch niemals blaß und theoretisch. Sie sind vielmehr unmittelbar aus der Wirklichkeit geschöpft und halten sich dem sprichwörtlichen englischen common sense entsprechend im Rahmen des Möglichen. Auch hütet sie sich, in eine Kasuistik zu verfallen uncL Rezepte zu geben. Sie will nur die Frauen dazu bringen, der Problematik mutig ins Auge zu sehen, und Wege zeigen, die aus ihr herausführen. Auf keinen Fall soll die ehemals berufstätige Frau den Kontakt mit ihrem früheren Arbeitsgebiet verlieren; es kann ihr einmal wieder zur Quelle der Erneuerung in dem aufreibenden Einerlei des Hausfrauendaseins werden und außerdem die Möglichkeit geben, eine neue sachliche und nicht nur kreatürliche Beziehung zu den heranwachsenden Kindern anzuknüpfen. Es habe sich immer wieder gezeigt, sagt sie weiter, daß diejenigen Menschen seelisch am gesundesten sind, die in dem reichten Verhältnis des Gebens und NehmenS zu ihrer Umwelt stehen. Einseitiges Opfer, selbst wenn es unverlangt und freudig gebracht wird, erzeugt auf die Länge gesehen Erbitterung und nützt daher keinem der Beteiligten. Und eine ungelebte Existenz führt die Frau oft zur Flucht in die körperliche oder seelische Krankheit. Bezeichnenderweise ist das Buch „Fünf Männern und zwei kleinen Buben“ gewidmet, denn diese können sehr viel dazu beitragen, daß eine rechte Frau zu werden, keine Kunst mehr zu sein braucht. -s.
Monarchie — Republik — Diktatur
Die Französische Revolution wird immer zu der Menschheit großen Gegenständen zählen. Der vormals in Tübingen, jetzt in Mainz lehrende Professor Martin G ö h r i ng hat bei J. C. B. M o h r Tübingen den zweiten Band seiner auf drei Bände berechneten Geschichte der grande rävolution herausgebracht. Wieder sind es die hohen Tugenden überparteilicher Forschung und genauester Kenntnis der französischen und angelsächsischen Literatur über diesen Gegenstand, die auch den zweiten Band zu einem hohen Genuß für den Leser machen. Wahrhaftig, was sich zwischen 1789 und 1794 in Frankreich abspielte, trägt in sich alle klassischen Zeichen einer gesetzmäßig verlaufenden großen Umwälzung in einem modernen Staatswesen.
Vom „tourbillon älectrique“ schien am 4. August 1789 die alte Feudalität hinweggefegt. Die Nationalversammlung amtete als Konstituante. Sie und nicht mehr der König gab dem Land künftig Gesetze. Sie beanspruchte mit ihren 1200 Abgeordneten, von denen 900 für die Revolution waren, nach Rousseauschen Grundsätzen volle Souveränität. Adel, Geistlichkeit und Dritter Stand arbeiteten in einer Versammlung miteinander neue Gesetze aus, die der König und seine Minister als die Träger der Exekutive zu genehmigen hatten. Ein von geschlossenen Parteien regiertes Parlament war die Konstituante nicht. Männer von Rang und Ansehen beherrschten sie. Mirabeau und das Triumvirat.
Göhring schildert in einem eigenen Kapitel, wie die Konstituante im Anschluß an amerikanische und englische Vorbilder als dringlichste Aufgabe die Schaffung einer Verfassung mit der berühmten Erklärung der Menschenrechte bravourös in vielen Sitzungen zustande brachte. Als Verfassung enthielt sie die Grundforderungen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts: Freiheit allen Menschen, Gleichheit aller vor dem Gesetz, staatliche Vereinigung der Menschen zur Sicherung des Eigentums.
Doch das war Theorie, glühendes Bekenntnis. Wie konnte es im Alltag verwirklicht werden? Die Beratungen in Versailles zielten auf eine Neuordnung und Beruhigung. Doch da griff die Hauptstadt wieder ein: König und Parlament
mußten nach Paris und, von da ab standen die Sitzungen unter dem ständigen Druck der wildbewegten Massen. Die führenden Köpfe wehrten sich gegen den Despotismus der Straße. Man schuf schleunigst zur Abwehr ein Zensuswahlsystem, d. h. von den 24 Millionen freien Bürgern konnten nur 4,3 Millionen, weil sie Vermögen hatten und Steuern zahlen mußten, Aktivbürger werden, die große Masse blieb entmün.- digt. Doch auch das war Theorie. Der eigentliche Kampf innerhalb der Konstituante drehte sich um die Eroberung der Exekutive. Mirabeau versuchte vergeblich das Gesetz zu Fall zu bringen, nach dem es Abgeordneten verwehrt war, Minister zu werden. Er plaidierte dafür, um zu zeigen, daß die Jakobiner aufhören, Jakobiner zu sein, wenn sie regieren dürfen. Er hat sich geirrt. Persönliche Freundschaften zerbrachen, die radikalen Klubs, darunter die Jakobiner, zerstörten immer wieder die Forderungen der Gemäßigten. Wer gestern auf dem Kapitol stand, konnte morgen vom Tarpejischen Felsen gestürzt werden.
Die entscheidendsten Sitzungen behandelten das Finanzproblem zur Abwehr des drohenden Staatsbankrottes. Die Versammlung griff zu zwei Maßnahmen: Da eine Patriotensteuer nichts einbrachte, gab man Papiergeld aus und enteig- nete den riesigen Grundbesitz der Kirche. „Es ist unpolitisch, daß große Körperschaften Grundeigentum besitzen“ meinte Dupont. Mit der Aufhebung des Zehnten ging Hand in Hand die Verstaatlichung der Kirche. Der kleine Klerus machte mit, Bischöfe und Äbte waren dagegen. Das Schisma war unvermeidlich. Ein Zivilverfassungsgesetz, das den Kult in staatliche Regie nahm und die Weihe nur durch konstitionelle Bischöfe erlaubte, schuf die erste große Opposition gegen die Revolution im Lande. Von nun an kämpften romtreuer Klerus gegen konstitionellen Klerus. Dagegen gewann die Revolution viele bäuerliche Anhänger durch eine radikale Aufteilung des Bodens. Die Aufhebung der an die Person gebundenen Leibeigenschaft und die entschädigungslose Aufhebung der dinglichen Gerechtsame kam erst in vielen Debatten zustande.
In eine neues Stadium trat die Revolution durch die von den Jakobinern — hier trat Robespierre zum erstenmal entscheidend auf — geforderte Auflösung der Konstituante. Am 1. Oktober 1791
zeigte die Legislative ein völlig verändertes Bild. Das alte Frankreich war ausgeschieden. Unter den Jakobinern beherrschten die Girondisten die 745 Abgeordneten. Es waren bürgerlich wohlhabende Männer, glühende Patrioten, glänzende Redner. Sie strebten eine Festigung der Verfassung, eine Stärkung des demokratischen Staatsbewußtseins eine Sicherung des Eigentums an. Unter ihnen nahm die Versammlung der Abgeordneten Züge eines heutigen Parlaments an. Die Sitzungen wurden feierlich eröffnet, die Gruppen rechts, links, Mitte, kristallisierten sich heraus. Girondistenfreunde kamen in die Regierung. Frauen, wie Madame de Stael und Roland beeinflußten von ihren Salons aus die Arbeit der Legislative. Aber die königstreuen Girondisten fielen im Kampf um die Rettung der Monarchie. Die Flucht des Königs ins Ausland mißlang. Preußisch-österreichische Heere drangen über die französischen Grenzen. Die Girondisten waren mit dem König Eiferer für den Krieg unter der Parole: „Tragen wir das Menschenrecht in die Hütten aller Nationen.“ Doch die Drohung der Emigranten, das Doppelspiel des Hofes, die Niederlage des schlecht organisierten und seiner alten Offiziere beraubten Heeres gab dem jakobinischen Radikalismus den stärksten Auftrieb. Wieder läuteten in Paris die Sturmglocken. Die alten Revolutionstruppen wurden gerufen. Sie hießen sich jetzt Sansculotten. Nationalgarden gesellten sich ihnen zu. Danton organisierte die Septembermorde, die Haussuchungen durch Kommissare, er schuf mit Carnot die Milizarmee der Revolutionäre. „Es ist Zeit, dem Volke zu sagen, daß es sich in Massen auf den Feind stürzen muß“. Bei Valmy endete die Invasion der fremden Royalisten. Frankreich war gerettet, der König verlor seinen Kopf, die Legislative verschwand.
Danton, Marat und Robespierre lösten das gi- rondistische Regime ab. Ein vitaler Realist, ein geborener Kommunedemagoge und ein „Unbestechlicher“. Mit dem Wort: „Könige sind in der moralischen Ordnung das, was Ungeheuer in der physischen Ordnung sind“, wird die Republik gegründet und die Monarchie für abgeschafft erklärt. Mit dem 21. September 1792 beginnt das Jahr I der „Neuen Ära“. Die Republik wird außenpolitisch aktiv. Der Feind Nummer I sind jetzt die Könige Europas und ihre Helfer. Damit nimmt die Revolution die Tradition der Mon
archie wieder auf. Um Kriege siegreich führen zu können, braucht die Republik innenpolitisch den Terror, den Schrecken. Der wahre Inhaber der Staatsmacht wird der Konvent. Die Exekutive wird in die Hände eines Exekutivrates gelegt. Das uneingeschränkte, direkte und allgemeine Wahlrecht wird eingeführt. Die Verfassung berücksichtigt sogar einen Volksentscheid. Der Eigentumsbegriff wird eingeschränkt. „Alles, was notwendig ist, das Leben zu erhalten, ist gemeinsames Gut, nur der Überschuß kann als Privateigentum gelten“, formuliert Robespierre. Volksvertreter werden als „Missionare“ in das Heer und in die Departements geschickt. Auch hier nimmt die Revolution wieder die Tradition der alten monarchischen Intendanten auf. Danton schafft ein Revolutionstribunal, dessen Urteil unwiderruflich ist. Ausübende und gesetzgebende Gewalt, deren Trennung als Haupterrungenschaft von der Konstituante verteidigt wurde, gehen jetzt immer deutlicher in die Hände von wenigen über. Die Diktatur zeichnet sich ab. Der Konvent sinkt zu einem Schatten herab. Die Girondisten, die tapfer das bürgerliche Ideal der Demokratie verteidigen, enden unter der Guillotine. Mit der Gründung des Wohlfahrtsausschusses schafft sich Robespierre ein terroristisches Regierungssystem. Jeder ist Verräter, der mit dem Feinde paktiert.
Da Danton für den Frieden mit dem Feind ist, fällt er. Diktatur auch auf dem Wirtschaftsgebiet. Höchstpreise, Namstergesetze, Polizeiapparat. Für die Durchführung sorgt ein Sicherheitsausschuß. Diktatur auch auf religiösem Gebiet. Der Kult der Vernunft wird als Staatsreligion eingeführt. Ein revolutionärer Kalender wird geschaffen. Hinter der Verehrung des „Höchsten Wesens" verbirgt sich der Nationalkult in extremster Form. Frankreich ist die Menschheit, die Tugend, die Seele der Republik. Alles Korrumpierende ist gegenrevolutionär. Am Höhepunkt seiner Macht, steht Robespierre bereits auch schon am Rande des Grabes. Das Land verlangte nach einer Auflockerung des Schreckens. Eine „Palastrevolution“ fordert die Häupter der letzten revolutionären Fanatiker: Robespierre, Saint- Just. Die Institutionen, die beide geschaffen haben, verschlingen auch beide. Folgerichtig hat der Atheist Saint-Just in der Todesstunde gerufen: „Ich verachte den Staub, aus dem ich gemacht bin .. .“ EMc