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Enztalbote)

Amtsblatt für Wildbad. Chronik und Anzeigenblatt

für das obere Enztal.

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Druck der Buchdruckerei Wildbader Tagblatt; Verlag und Schristleitung: Th. Gack in Wildbab.

Hummer 284

Fernruf 179.

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Miläbsä, Montag, äcn 6. verember 1920°

Fernruf 17S.

54.1skrgan8

Neichsnoispftr und Zwangs- ' Wirtschaft.

Berlin. 2? Ten

Bei der Beravnig der beschleunigten Einnehung des Reichsnotopfers im Stenerausschnk des Reichstags be­tonte Reichsbanlpräsident von Hoven stein, die schärfsten Mosmabmen innssen erarifsen werden, um der Papiergeldwirffchnt zir steuern. schwebend? Schuld werde sich in diesen! Jahr uni - 6 0 Milliarden steigern. Tie Preise seien am dem Weltmarkt gegen die Vorkriegszeit um das Drei rache, in Deutschland, gemessen nach nnrerem Geld, um da? Siebenfache gestiegen und dis Valuta sei noch erbeblich stärker ge­sunken, als die Preise gestiegen seien lim Verhältnis um das Zwölf- bis Sech-ehntache). Eine Mark sei gegenüber dem Dollar noch 6 Pfg. wert. Wenn un­sere Preise den Auslandspreisen auf der Grundlage unserer ietzigen Valnta sich-

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Preissteigerung gegenüber dem Frieden die Folge sein.

Damit würden wir uns österreichischen und russischen Verhältnissen nähern und in ein bis zwei Jahren am Ende unserer Volkswirtschaft nn- befinden. Stärker, als die Preissteigerung sei der Geldumlauf in Deutschland gestiegen. Das Steigen der schwebenden Schuld sei vor allem durch die Besatzungskosten bedingt, die. für die. englische Besatzungsarmee nach eng­lischer Mitteilung ans etwa 1 Milliarde Papiermark, für die amerikanische auf 0,6 Milliarden Papiermark und für die französische und die belgische auf 4-^5 Milliarden Papiermark monatlich zu schätzen feien. Gegen die steigende Papiergeldflut seien durch­greifende Maßnahmen erforderlich, wenn der. Reichs­bankkredit, der allein unsere Wirtschaft noch aufrecht er-' halte, nicht erschüttert werden solle.

' Ms wirksamsten Hemmschuh habe die Reichsbank schon seit Monaten eine Zw angs anleihe ins Auge ge­faßt, die in Verbindung mit dem Reichsnotopfer gebracht werden müsse. Durch die Zwangsanleihe werde das uns verloren gegangene Vertrauen des Auslands am ehesten uns wiedergegeben. Ta die Zwangsanleihe vom Reichs- labinett nicht genehmigt worden sei, müsse die Vorlage über die beschleunigte Erhebung des Reichsnot­opfers Gesetz werden.

*

Zu dem Bgrschlag des Reichsbaukprösidenten we­gen einer Zwangsanleihe erfährt dieKreuzzeitung" noch folgendes:

Tie Ausführungen des Reichsbankpräsidenten mach­ten im Steuerausschuß einen außerordentlich tiefen Ein­druck. Nach dem Plan Havensteins über die Zwangs­anleihe soll jedes Vermögen in der Höhe von einem Viertel zur Anleihe herange­zogen werden. Betriebsvermögen soll nur mit einem .Achtel zur Anleihe herangezogen werden. Tiefe soll mit vier vom Hundert verzinst werden. Tie Ausgabe sv.l zum Nennwert erfolgen. Tie Anleihe soll von der Kapitalertr a gs steuer befreit bleiben.

Hel ff er ich beantragt die Vorlage des Havenstein- fchen Entwurfs. 'Ter Reichsfinanzminister Wirth war dagegen. Es handle sich hier nur um einen Plan. Helf- ferich bestand auf der Vorlage des Plans, die auch beschlossen wurde. Darauf erklärte der Reichs- snianzminister, es sei zwischen dem Kabinett und den Regierungspparteien schon über den Havensteinschen Ent­wurf beraten worden. Tie Mitglieder der Regierungs­parteien, Ternburg (Dem.) und Becker-Hessen (TVP.), erklärten, daß sie noch keine Kenntnis von diesem Plan erhalten hätten. Darauf teilte Keil (S.) mit, daß ihm der Plan bekannt sei. Es stellte sich in der Erörterung heraus, daß nur das Zentrum und die Sozialdemokratie von diesem Plan in Kenntnis gefetzt worden waren. Ter Reichsfinanzminister erklärte, daß er im Grunde für den Havensteinschen Vorschlag gewesen, aber seinerzeit überstimmt worden sei.

Zur MiLchkühelieferung an . Frankreich.

Professor Tr. Gertand in Jena empfiehlt der deutschen Negierung Nachprüfung folgender Tatsachen:

Tie Gesellschaft Paris-Meditcrranee soll einen Preis von 24 000 Frauken nusgesetzt haben für den besten Vorschlag zur Einrichtung von Molkereien. Weitere Preise sollen von der Gesellschaft ausgesetzt sein für wertvolle Neuerungen im Betrieb der Molkereien, und cs soll eine Kommission in. die Schweiz zum Studium der Milch- und Käsewirtschaft gesandt sein. Die gs- nanntc Gesellschaft hat einen Landwirtschaftsdienst ge­gründet, scheinbar in Verbindung mit der Zentralverwal- tnng von Paris. Ter ausgesprochene Zweck aller dieser Unternehmungen ist nun nicht Hebung der Viehwirtschast im Interesse der Ernährung der eigenen Bevölkerung, son­dern Hebung der Viehwirtschast um Milch- und Käs s-, aus fuhr zur Besserung der franzsischen Valuta in größerem Umfang zu beleben. Also: Frankreich führt heute bereits Milch und Käse aus. Frankreich will diese Ausfuhr erweitern, und in diesem Augenblick verlangt Frankreich und die Entente von uns 800 000 Milch­kühe. Ich hoffe, man wird die ganzen Verhältnisse nach- prüsen und feststellen, ob wir wirklich um der fran­zösischen Ausfuhr willest das Leben unseres Volks aufs Spiel fetzen müssen. Jedenfalls aber müssen wir den PariserTemps" aus eines aufmerksam machen: neben dem französischen Imperialismus und Militarismus kennen wir auch einen französischen Kapitalismus^ der heute Deutschland verderben will.

Genau so, wie wir darüber zu wachen haben, daß Frankreich die deutsche sogenannte Wiedergutmachungs- Kohle nicht dazu benutzt, um sich durch Ausfuhr von Kohlen noch besonders an unserer Fronarbeit zu bereichern, müssen wir auch darauf achten, daß die französische Ausfuhr von Milcherzeugnissen nicht auf unsere Kosten geschieht. Durch die Steigerung seiner Aussn.hr von Kohlen, Milcherzeugnissen usw. zeigt Frank­reich aber, daß es der sogenannten Wiedergutmachung durch Kohlen und Viehlieferung überhaupt nicht b? darf und insolgedesseU keinen Anspruch darauf er- lcbcn darf, wenn cs nicht die Absicht Haft Deutsch­land zum. Sklaven für Frankreich zu machen.

Weshalb die Franzosen gerade Milchkühe ver­langen, geht aus folgender Zuschrift an dieAllg. Fleischer-Ztg." hervor:

Von einem aufmerksamen Arbeiter im Häutelagev meiner Firma werde'ich aufmerksam gemacht ans einen knickt unwichtigen Gesichtspunkt zur Benrtcilng der Ab­lieferung von Milchkühen. Meine» Firma bezieht er- bebliche Mengen von Kalbfellen ans allen Teilen der West. Es siel bei der Durchsicht der Rohware einem der Sortierer aus, daß ivir in Deutschland bei den Kälbern ungefähr 25 Prozent von weiblichen Tieren vorsinden, in der Schweiz nur ungefähr 15 Prozent, in Frankreich dagegen in den meisten Fällen über 40 Prozent. Hieraus zog der erwähnte Arbeiter den rich­tigen Schluß, daß"in der Schweiz alle geeigneten weib­lichen Kälber zur Nackzncht aufgezogen werden. Der Ueberschuß an Muttertciioern erklärt sich daraus, daß wie schon die Feile beweisen - - ein größerer Prozentsatz schlecht ernührwr, schwacher und Zur Nachzucht unbrauch­barer Tiere abgeschlachiet werden muß. Ju Frankreich dagegen sind, dein Fell nach zu beurteilen, die Jung­kälber in dem besten Ernährungszustand und werden monatelang mit Milch gefüttert, während bei uns Kinder aus Mangel an Milch dahinsiechen. Ter französische Bauer ist einfach zu faul so urteilt der Mann sehr richtig in gleicher Weise die weib­lichen Kälber zu Milchkühen heranzuzieh-en, wie dies in der Schweiz geschieht, und wie dies in Deutschland mangels geeigneten VielsiutterS nicht in genügender Weise geschehen kann. Stattdessen sucht man den bequemeren Weg. Deutschland die dort dringend benötigten Milch­kühe zu rauben."

Die Hei inge vor» Stcttm.

Aus Norwegen fährt Anfang Juli der deutsche Damp- ! ferRußland" ab, schwer beladen mit 5000 Tonnen He- ringen; sein Bestimmungsort ist Königsberg. 5000 !

Tonnen Heringe: das ist nicht nur ein großes Vermögen heute, das bedeutet, bei der gegenwärtigen Ernährungs- kage, die Stillegung des Hungers einer ganzen Stadt.

Der Kapitän dieses wertvollen Dampfers erfährt auf der Fahrt nach Ostpreußen, daß in Königsberg wieder einmal ein Hafenarbeiterstreik ausgebrochen ist. Und er nimmt einen anderen Weg, denn er kennt seine Leute, fürchtet für seine Ladung. Er fährt, die Heringe zu ret­ten, nach Stettin. Am 15. Juli läuft der Damp­ferRußland" im Stettiner Hafen ein.

Vor allem die Heringe entladen, gleichgültig, ob sie ihren Besteller erreichen. Hunger ist heute überall, und

5000 Tonnen Heringe sinh überall willkommen.

denkt der Kapitän.

Der Dampfer liegt zwei Tage im Hafen und wird nicht ausgeladen. Tenn in Stettin ist es ruchbar ge­worden, daß die .Heringe nach Königsberg bestimmt wa­ren, und daß in" Königsberg gestreikt wird- .Und in Stettin weiß inan, was man derSolidarität" schul­dig ist. Die Hafenarbeiter beraten und beschließen: wir laden nicht aus!

Der Dampfer liegt eine Woche im Hafen und wird nicht ausgeladen. Wir haben fast keinen Schiffraum mehr, und hier liegt ein Dampfer tatenlos, hier liegt eine ganze Schiffsmannschaft tatenlos.

Der Dampfer liegt vierzehn Tage im Hafen und wird nicht ausgeladeu. Ae Heringe in seinem Bauch, 5000 Donnen Heringe, werdenlebendig", vom Dampfer her weht über den Hafen ein Hauch verfaulender Fische. §

Der Dampfer liegt drei Wochen im? Hafen und ans seinem Bauch steigt ein entsetzlicher Gestank. Das sind 5000 Tonnen Heringe, die verfaulen. 5000 Donnen He­ringe gehen Deutschlands Ernährung verloren, ein gan­ges Schiff rostet und verkommt in Fäulnis.

Der Dampfer liegt vier Wochen im Hafen und hat neue Ladung bekommen: Millionen von Fliegen, die sich an den faulen Fischen gütlich tun. Und genuß-geschwollen verbreiten sich die fetten Insekten über die Stadt, tragen das Gift der Fäulnis in alle Schiffe im Hafen, in alle Straßen, alle Wohnungen, auch in die der Hafenarbeiter.

Der Dampfer liegt . . . Und der Magistrat der Stadt Stettin berät; er schickt einen Kreisarzt auf das stinkende Schiff: die Schiffsbesatzung zeigt ihm gefährliche Beulen, von Insektenstichen. Der Kreisarzt besichtigt die Heringe, eine Unzahl dicker Fliegen umschwirrt ihn, und er stellt fest: Seuchengesahr! Wenn diese Millionen Fliegen von den verfaulenden Heringen hinüberfliegen zu Menschen, in die Stadt hinein, wenn sie ihr Gift in Menschenblut spritzen . . Seuchengefahr! Da rafft sich der Magist­

rat auf Magisträte müssen sich immeraufraffen"« bevor sie eine Entscheidung fällen! und gibt Wei­sung aus städtische Arbeitsamt: sucht Arbeitslose! Es gibt Tausende Erwerbslose in Stettin, und ein paar Hundert melden sich wirklich. Der Kapitän atmet auf, der Magistrat atmet auf, die Stadt atmet auf . . . Trotz­dem man den Arbeitslosen 54 Mark für den Acht­stundentag bezahlen muh.

Stinkend liegt der Dampfer im Hafen, nun seit sie­ben Wochen. Die Arbeitslosen rücken an. Aber ange­sichts des stinkenden Dampfers halten die Erwerbslosen schnell noch eineBetriebsversammlung" ab und be­schließen, sichsolidarisch" zu erklären. Und ziehen ab, trotz 54 Mark Tagelohn, trotz verfaulender Schiffsladung, trotz Seuchengefahr!

Der DampferRußland" liegt, nun seit sieben Wo­chen, weiter im Hafen; die Heringe verfaulen weiter, die Seuchengesahr wächst. DieTechnische Nothiife"wird endlich gerufen; sie hat sich schon vor sechs Wochen zur Verfügung gestellt; aber der Magistrat hatte abgewinkt.

24 Mann melden sich, die trotz Gestanks und Insekten­plage, trotz Seuchengefahr und drohender Hafenarbeiter den Dampfer entladen und retten wollen, was noch zu retten ist. Der Kapitän atmet auf . . .

Aber bevor die Arbeit noch! begonnen ist, sind die Hafenarbeiter beim Magistratvorstellig" geworden; er beginnt neue Verhandlungen und die Technischen Not- Helfer müssen abziehen.

Und es wird verhandelt . . .

Am nächsten Tag kommt die Nachricht, daß in Kö­nigsberg der Hafenarbeiterstreik beigelegt ist. Da macht der verzweifelte Kapitän sein Schiff reisefertig und segelt davon. Die ganze Ladung ist verloren und muß ins Meer versenkt werden.