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Hiezu; Illustriertes Sonntagsblatt und mährend der Saison: Amtliche Fremdenlistq.

Nr. 22 I

Dienstag, den 21. Februar 1911

47. Jahrgang.

kuMcbau.

Stuttgart, 17. Febr. Der Staatsverband der Bäckermeister in Newyork wird zu dem im August hier stattfindenden 16. Verbandstag des Zentral- verbands deutscher Bäckerinnungen eine offizielle Vertretung entsenden. In Verbindung damit findet eine Deutschlandfahrt deutsch-amerikanischer Bäcker­meister statt. Die Teilnehmer treffen am 16. Juli in Hamburg ein. Es werden dann der Reihe nach Berlin, Dresden, Wien, München, Nürnberg und Stuttgart besucht. Die Abreise nach Amerika erfolgt Ende August.

Stuttgart, 12. Febr. In Württemberg er­scheinen z. Zt. 197 politische Zeitungen. Davon haben 11 eine Auflage von über 10 000, von 5000 bis 10000 haben 19 Blätter. Der Papierver­brauch der würtlemb. Zeitungen beläuft sich auf 7ffs Millionen Kilo im Jahr.

Stuttgart, 20. Febr. Der wegen Beleidigung des Bischofs Dr. v. Keppler und der kath. Geist­lichkeit zu 2 Monaten Gefängnis rechtskräftig verurteilte verantwortliche Redakteur des Simplizissi- mus, Gulbransson, hat Strafaufschub bis 1. März erhalten, außerdem wurde ihm vom württ. Justiz­ministerium gestattet, seine Strafe in Bayern zu verbüßen.

Stuttgart, 17. Febr. (Schwurgericht.) Der ledige, 31 Jahre alte Patentingenieur Alfred Ganz von hier hatte sich heute wegen Fälschung öffent­licher Urkunden, Wechselfälschung und Betrugs vor den Geschworenen zu verantworten. Der Angeklagte gründete vor 4 Jahren ein Patentbüro, nachdem er bei einem Elektrizitätsunternehmen den größten Teil seines Vermögens eingebüßt hatte. Um Kredit gewährt zu bekommen, legte er hiesigen Banken von ihm angefertigte Bürgschaftserklärungen vor, die er mit dem Namen seiner Mutter und seiner »ermöglichen Tante und mit einer notariellen Beglaubigung versehen hatte. Die Banken wurden hiedurch getäuscht und bestimmt, ihm laufenden Kredit einzuräumen. Bei der einen Bank hob er 12 000 Mk. und bei der anderen 25000 Mk. ab. Einen Angestellten bewog er durch Vorlegung einer weiteren auf diese Weise gefälschten Bürgschafts­erklärung, ihm ein Darlehen von 10 000 Mk. zu gewähren und einen Kaufmann bestimmte er, auf gefälschte Wechsel 9600 Mk. zu geben. Den Bürg­schaftserklärungen fügte er einen amtlichen Stempel bei. Mm 15. Febr. vor. Js. ging der Angeklagte mit 1500 Mk., die er von einem Bankier auf gefälschte Wechsel bekommen hatte, nach Italien flüchtig. Seine Mutter hatte einen Teil der Gelder ersetzt, sie hat für ihren Sohn fast ihr ganzes Vermögen geopfert. Eine Bank ist um 20000 Mk. und der Kaufmann um 10000 Mk. geschädigt. Der Angeklagte machte geltend, er habe nicht die Absicht dauernder Schädigung gehabt. Das Geld will er zn Einlagen bei industriellen Unternehmungen und zur Einlösung von Wechs ln verwendet haben. Die Geschworenen sprachen ihn im Sinne der Anklage schuldig unter Zubilligung mildernder Umstände. Das Urteil lautete sodann auf 2 Jahre 6 Monate Gefängnis, abzüglich 10 Monate Unter­suchungshaft. Bei der Strafbemessung wurde berücksichtigt, daß der Angeklagte eine psychopathische Persönlichkeit ist.

Die reiche Sammlung von Sauriern aus den Holzmadener Schiefern, die das Stuttgarter Naturalienkabinett ziert, ist jüngst durch ein wert­volles Geschenk erweitert worden. Es ist ein nur einhalb Meter langer junger Ichthyosaurus, der im Lias so gut erhalten und gebettet war, daß nicht bloß das Skelett des kaum ausgeschlüpften Tieres fast ohne jede Verletzung ist, sondern auch die Umrisse der Hautbekleü ung noch sichtbar sind. Das in dieser Entwicklungsstufe sehr seltene Stück

wird noch interessanter dadurch, daß das Tier noch embryonale Merkmale trägt, die entwicklungs­geschichtlich die Verbindung mit den Stammformen der Fischsaurier auf .Spitzbergen und Kalifornien beweisen.

Wie vom Landeskomitee für den Blumen­verkaufstag mitgeteilt wird, ist schon vor längerer Zeit die Ausgabe einer künstlerischen Postkarte in Aussicht genommen worden. Die Karte wird nach einem Entwurf von Kunstmaler Peter Schnorr in der Hofkunstanstalt von Eckstein nnd Stähle in Farbendruck angefertigt und soll in einer Anzahl von einer Million Exemplare im ganzen Land am jeweiligen Blumentag zum Verkauf kommen. Das Komitee hat auch bei den maßgebenden Behörden angeregt, 50 000 Exemplare mit aufgedruckter Fünf- Pfennig-Marke versehen zu lassen.

Calw. Während anläßlich der verschiedenen in der letzten Zeit vorgekommenen nächtlichen Einbrüche, deren Urheber trotz der herbeigeholten fremden Polizeihunde noch unentdeckt sind, ängstliche Gemüter manchfach beunruhigt sind, so hat sich andererseits bereits der Witz und Humor der Sache bemächtigt. So erschien am letzten Samstag Abend auf der Fastnachts-Redoute einer hiesigen Gesellschaft ein behäbiger, in Figur und Maske gleich köstlicher Polizist in- der Tracht der Biedermayerzeit, in der 'Hand eine mächtige, brennende Laterne, an der Leine den getreuen, laut bellenden Hund, auf dem über der Brust gekreuzten, breiten weißen Säbel­bandelier die Warnung:Achtung! SherlokI" und am hohen Mützenrand mit großen Buchstaben die Worte:Sagt mir, wie der Spitzbube heißt und wo er ist, dann Hab ich ihn auch gleich am Wisch." Man sieht, der Humor und die den Calwern von altersher nachgesagte gutmütige Spottlust isi auch in unserer materiellen Zeit noch nicht aus­gestorben.

VomSchwarzwald,5. Febr. Seit längerer Zeit werden in Japan Uhren, die den Schwarz­wäldern in Gehäuse, Glasreif und Rückwand nach- gebildet sind, in großen Massen hergestellt. Da dort die Arbeitslöhne viel geringer sind, so können auch die dortigen Fabriken zu bedeutend billigeren Preisen, 1015 Prozent, verkaufen. Nicht nur das eigene Land, sondern auch China, Amerika, selbst England sind zum Teil schon Absatzgebiete Japans geworden.

Vöhrenbach, 18. Febr. Die älteste Frau unserer Gegend, Jakobine Kleiser in Linach, die im Monat November ihren 100. Geburtstag feiern konnte, ist vorgestern aus dem Leben geschieden. Sie war nur kurze Zeit krank gewesen.

Heilbronn, 16. Febr. Die bürgerlichen Kol­legien hatten sich heute wieder mit den Plänen für das neue Stadttheater zu befassen. Nach den Plänen des Prof. Theod. Fischer hat sich die Bau­summe von 600000 Mk. auf 700000 Mk. erhöht. Von den fehlenden 100 000 Mk. sollen nun durch Verkleinerung des Baues 45000 Mk. erspart werden, während die übrigen 55 000 Mk. durch einen Auf­ruf an die Bürgerschaft aufgebracht werden sollen. Damit ist die Theaterfrage endgiltig gelöst und der Bau dürfte in aller Bälde begonnen werden.

Neckargartach, 17. Febr. Auf dem Neckar innerhalb der Zeile unter der Brücke vergnügte sich die Jugend auf dem schon ziemlich morschen Eise. Drei Knaben im Alter vcn 6 Jahren, die beieinander standen, brachen plötzlich zusammen ein, wovon einer unter dem Eise verschwand. Die 13 Jahre alte Helene Butterstein eilte rasch besonnen hinzu, legte sich auf das morsche Eis und rettete mit Eigener Lebensgefahr alle drei Knaben vom Tode des Er­trinkens. Einen der Knaben, der unter dem Eise verschwunden war, konnte sie nur an den Finger­spitzen erreichen und hervorziehen. Die Knaben, sie sich inzwischen wieder erholt hatten, brachten

heute freudestrahlend ihrer LebensretterinUn Zeichen des Dankes.

Biberach, 17. Febr. Gestern nachmittag ist die Frau Stadtrat Nannette Kibel, die am 24. Januar d. Js. ihr 100. Lebensjahr zurückgelegt hatte, verschieden. Ihr Tod glich einem ruhigen, friedlichen Einschlummern. Mit ihr ist nun die älteste Person der Stadt und vielleicht des ganzen Landes gestorben.

Ulm, 18. Febr. Eine Versammlung der Fort­schrittlichen Volkspartei hat als Kandidaten für den 14. Reichstagswahlkreis den Rechtsanwalt Hähnle aufgestellt.

Friedrichshafen, 17. Febr. An Anglieder­ung an den Luftschiffbau Zeppelin G. m. b. H. ist jetzt der Luftfahrzeug-Motorenbau G. m. H. in Friedrichshafen in das Handelsregister eingetragen worden. Das Stammkapital beträgt 50 000 Mk. Zu Geschäftsführern sind Karl Maybach Ingenieur und Kaufmann Theodor Winz bestellt. Die Ge­sellschaft befaßt sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Motoren für Luft- und Wasserfahr­zeuge. Die räumliche Verbindung gerreicht zweifellos den beiden Industrien, dem Luftschiff- wie dem Motorenbau, zum Vorteil. Beide sind ^ aufs engste miteinander verbunden und auf einander angewiesen. Die Ausprobierung der Motore wird zweckdienlicher in der Luftschiffwerft und am Luftschiff selber unter der Kontrolle des beiderseitigen Konstruktions­personals vorgenommen. Und wie oft schon ist die Fortsetzung der Flugversuche, der Beginn einer geplanten Fahrt durch die Verschickung eines reparaturbedürftigen Motors in die Fabrik hintan- gehalten worden. Der Maybachmotor hat bei den Zeppelinlustschiffen erstmals bei derDeutschland" Verwendung gefunden, wo er in Verbindung mit Stahlbandantrieb in die vordere Gondel eingebaut war. In der Hinteren Gondel waren zwei Daimler- motore mit Kurbelwellen. Der Motor ist sechs­zylindrig und hat einen ziemlich ruhigen Lauf. Daß er sich gut bewährte, zeigt die Angliederung der Maybachmotorenindustrie an die Zeppelin'sche Werft. Doch werden neben diesem Motor auch die vierzylindrigen Daimlerfabrikate in die zur Zeit im Bau befindlichen Luftschiffe einmontiert werden. Mit den Flugversuchen wird voraussichtlich nicht mehr in diesem Monat, doch sicherlich im März begonnen werden.

Pforzheim, 18. Febr. Das hiesige Schöffen­gericht bestätigte die Verurteilung des Geschäfts­führers des Metallarbeiterverbands wegen Ausgabe von Streikmarken während des letzten Streiks als verbotene Sammlung.

Pforzheim, 16. Febr. Wie verlautet, halber deutsche Metallarbeiterverband im Laufe des letzten Goldarbeiterstreikes die Lumme von 530000 Mk. an Streikunterstützungen ausbezahlt.

Der Karnevalverein in Neustadt a. d. H. hat dieser Tage einen Kinder-Maskenball für Er­wachsene angekündigt, zu dem nur Eintritt hat, wermindestens drei Grumbeere" (Kartoffeln) ab­gibt, gleichviel ob Narr oder Närrin. Nach dem MottoJe mehr je lieber" sind der Wohltätigkeit nach oben hin keine Grenzen gesetzt, wer einen Zentner tragen kann, bringt ihn ebenfalls an, die ganze Kartoffelsinnahme aber soll einem gemein­nützigen Zweck dienen. Wer seine drei Kartoffeln vergißt, oder gar keine zusammenbringt, weil am Weinstock keine wachsen, der hat 50 Pfg. Strafe zu zahlen. DerGrumbeere-Tog" findet allge­meinen Anklang. Die gesammelten Kartoffel werden natürlich an Bedürftige verteilt.

Bonn, 15. Febr. Der flüchtige Obertele- graphenafsistent Huttanus, der V5 000 Mk. amtliche und 32000 Mk. private Gelder unterschlagen hat, ist in Marseille verhaftet worden.

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