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Amt heute in diesem Weißbuch oorlegt, ergänzt und be­kräftigt auf das glücklichste das. was in de« Dokumenten des englischen Blaubuches nur zwischen den Zeilen zu lesen war: Den unbeirrbaren Willen der west­lichen Demokratien, dem nationalsoziali- pischenDeutschlanddurchKriegdenEaraus zumachen. Und dies lange vor dem deutschenUeberfall" auf Prag, der nach Chamberlain angeblich der britischen Politik die entscheidende Wendung gegeben hatte.

Die polnischen Botschafter im Ausland, deren Berichte an Herrn Beck den Hauptinhalt des neuen Weißbuches aus­machen, waren zum Teil recht klar blickende Leute. Sie kannten ihre Pappenheimer in Paris und London und wuß­ten besser als das aufgeblasene Pack in Warschau, was sie von den Hilfeversprechungen eines Chamberlain und Dala- dier zu halten hatten! Durch ihre Berichte zieht wie ein roter Faden die wohlbegründete Angst, daß Polen ihr Polen die Zeche für die infernalische Wut der Welt- plutokratie gegen die jungen Mächte Europas zu zahlen haben würde. Mit größtem Mißtrauen verfolgten sie z. B. die Gewissensbisse, die den alten Chamberlain im An­fangsstadium seiner Einkreisungspolitik noch plagten, bevor er aus dem Geschobenen der Hauptantreiber zum Kriege wurde. Nicht minder interessant sind jene Doku­mente, die den brutalen Druck der Briten auf die kleinen Neutralen illustrieren. Die Stücke 2 und 15 wird man zum Beispiel in Lissabon und Stockholm nicht ohne Interesse lesen.

Geradezu verblüffend aber ist das, was die polnischen Botschafter über dieRollederllSA. -Botschafter Bullitt, Kennedy und Biddle der Warschauer Ne­gierung zu melden hatten. Diese drei Herren vor allem aber Mr. Bullitt in Paris haben geradezu ihre Ehre Larein gesetzt, die scheinbar noch widerstrebenden Elemente der Londoner Regierung den polnischen Wünschen gefügig zu machen und Europa dem Kriege näherzubringen. Was in aller Welt hat diese Herren aus dem fernen Amerika dazu veranlaßt, sich nicht nur zu heftigen Vorkämpfern derpolnischen Ansprüche zu machen, sondern sogar die Polen selbst noch anzufeuern, wenn diese Schwäche­anwandlungen zeigten?

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Berlin, 30. März Aus der vom Auswärtigen Amt der Oeffent- lichkeit in einem neuen Weißbuch übergebenen Reihe amtlicher polnischer Originaldokumente, die außerordentlich aufschlußreich für die Vorgeschichte des Krieges find, veröffentlichen wir die Dokumente Nr. 1, 5, 6, 8,10 und 16.

Dokument 1

Telegramm des britischen Botschafters in Warschau, Sir Howard Kennard, nach London vom 2. April 1835

Folgendes von Mr. Eden:

Ich hatte heute Nachmittag eine U n t e rr e L. ii g m i t M a r - schall Pilsudski. Die Unterhaltung war nicht leicht zu füh­ren, weil ein großer Teil der Bemerkungen des Marschalls, die er alle auf französisch machte, weder für mich noch für die beiden mit anwesenden polnischen Minister verständlich war. Ein be­trächtlicher Teil seiner Bemerkungen bestand aus Erinnerungen, wobei er sich nach meinen Kriegserlebnissen erkundigte und der . britischen Armee im Kriege Anerkennung zollte.

Das politische Hauptthema, soweit es sich herausschälen ließ, war, daß er seinen Pakt mit Deutschland und Rußland habe, daß die Politik des letzteren Landes immer sehr schwer zu durchschauen sei, daß andere Nationen dies oft nicht verstünden, und daß Mr. Lloyd George im besonderen ein Schulbeispiel solcher irriger Be­urteilungen sei. Als Beleg hierfür bezog er sich auf die von Lloyd George an Denikin gewährte Unterstützung. Er, der Marschall, habe immer gewußt, daß Denikin niemals eine Aussicht auf Er­folg gehabt habe, aber Mr. Lloyd George habe die Lage in trauriger Weise falsch eingeschätzt. Der Marschall schien zu wün­schen, daß sich Großbritannien mit seinen Kolo­nien beschäftigen solle, statt das schlechte Beispiel von Lloyd George nachzuahmen. Wie z. V., so fragte er, ist die poli­tische Lage in Jamaika? Ich entgegnete, daß, wenn Europa nur so wenig Bedeutung hätte wie Jamaika, wir keine Sorgen zu haben brauchten. Ich frug den Marschall, ob er der Auffassung sei, daß es für Großbritannien keine Alternative zwischen Isolie­rung... gäbe. Der Marschall antwortete, daß seiner Meinung nach eine solche Alternative nicht bestehe. Ich sagte ihm meiner­seits, daß wir nichts lieber wünschten, als Europa seinen eige­nen Schwierigkeiten zu überlasten; wir hätten aber die Erfah­rung gemacht, daß diese Schwierigkeiten die unangenehme Eigen­schaft hätten, unser eigenes Land hineinzuziehen. Der Marschall widersprach nicht.

Ich hatte den Eindruck eines jetzt physisch sehr geschwächten Mannes, der trotz seiner... In jedem Falle ließ er sich nicht in eine Erörterung der politischen Tagesfragen verwickeln. So wie er die Stellung seines eigenen Landes unter den gegenwärtigen Verhältnissen ersaßt zu haben scheint, ist es die eines Landes, das an den Pakten mit jedem seiner großen Nach­barn fe st hält und es ablehnt, sich auf eine Aenderung seiner Stellung einzulasten oder irgend welche Ereignisse ins Auge zu fasten, die es nötigen könnten, die eingenommene Haltung zu revidieren.

Dokument 5

Bericht des polnische« Botschafters in Paris, Jules Lukasiwiecz, an den polnischen Außenminister in Warschau

Paris, den 17. Dezember 1938.

Bett.: Stellung Frankreichs zu Osteuropa Vertraulich!

Wir geben aus diesem umsastenden Bericht einen Auszug:

In Ergänzung meiner telegraphischen Berichte, die ich die Ehre hatte Herrn Minister im Lause der letzten Wochen zu übersenden, gestatte ich mir, hiermit zusammenfassend meine Meinung über die Außenpolitik Frankreichs nach der Konie- renzvon München und dem Besuch Ribbentrops darrnleaen. Das wichtigste Ereignis dieses Zeitraumes war natürlich die von Minister Bonnet und Ribbentrop in Paris am 6. Dezember d. I. Unterzeichnete französisch-öeutscheDeklaration.

Der französische Wunsch, die Beziehungen zu Deutschland nach der Münchener Konferenz zumindest in dem Matze auszugleichen, wie das England durch die Verkündung des bekannten Lommu- »iquös Chamberlain-Hitler getan hat, war zweifellos deutlich »nd stark. Wie es scheint, ist die konkrete Initiative jedoch vom Kanzler Hitler in seiner Abschiedsunterredung mit Botschafter Francois-Poncet ausgegangen. Französischerseits wurde diese

Initiative sehr wohlwollend und mir unoerborgener Zufrieden­heit ausgenommen, ja sogar mit dem Wunsche einer sofortigen Realisierung. Als ich Ende Oktober nach Warschau reiste, kün­digte mir Minister Vonnet an, daß die Unterzeichnung und Ver­kündigung der Deklaration jeden Tag erfolgen könne.

Im Augenblick, da der Text der Deklaration endgültig fest­gelegt war, ergriff die deutsche Regierung die Initiative zu einem Besuch Mini st er Ribbentrops in Paris. Mi­nister Bonnet hat diese Initiative sofort günstig ausgenommen, wollte er doch sowohl mit Rücksicht auf die innere Lage wie die ausländische Propaganda der Deklaration einen möglichst feier­lichen Charakter verleihen und um dieses Ereignis herum eine Atmosphäre schaffen, die eine tiefere Entspannung der Beziehun­gen zum westlichen Nachbarn erwarten ließ. Wegen des General­streiks, der in Frankerich von den Organisationen und Arbeiter­parteien für den 30. November angekündigt worden war, mußte das beinahe schon festgesetzte Datum des Besuches des Ministers Ribbentrop einer Verzögerung von einigen Tagen unterliegen. Der Besuch kam am 6 Dezember in einer Atmosphäre ruhiger Courtoisie von seiten der Regierung wie der französischen poli­tischen Kreise zustande. Lediglich von der extremen oppositio­nellen Presse wurde er ungewöhnlich scharf kommentiert. Man gewann den Eindruck, daß die gewaltige Mehrheit der französi­schen politischen Welt an die Möglichkeit dauerhafter Resultate einer Entspannung mit Deutschland glauben wollte: das Miß­trauen war aber doch tiefer und stärker und hat im Endergebnis in den Gemütern überwogen. Zur Stärkung dieses Mißtrauens trug natürlich in bedeutendem Maße die italienische antisranzö- sische Kampagne bei, die auf deutscher Seite keine ernstere Re­aktion gefunden hat. Gegenwärtig, das ist kaum eine Woche nach der Abreise Minister Ribbentrops aus Paris, sind sogar die Echos dieses Besuches verstummt. Sie wurden durch eine neue Unruhe ersetzt, die sowohl durch die italienische Kampagne wie durch die Memel-Frage und die Angelegenheit der Ukraine ent­standen ist. Man kann mit völliger Sicherheit feststellen, daß die feierlich Unterzeichnete Deklaration die französische Meinung dort beruhigt hat, wo es am wenigsten notwendig war, nämlich in der Angelegenheit der französisch-deutschen Grenze. Sie hat da­gegen nichts Neues oder Beruhigendes auf dem Gebiete der ex­pansiven Tendenzen Deutschlands und Italiens gebracht, die die hiesige Meinung eigentlich am meisten aufregen. Man muß jedoch gleichzeitig betonen, daß, wenn es stch um die Stellung der fran­zösischen Regierung gegenüber dem Parlament, der Börse und der öffentlichen Meinung handelt, die Unterzeichnung der deutsch­französischen Deklaration zweifellos die Lage der Regierung gegenwärtig gestärkt hat und ferner die Gegensätze zwischen der Regierung des Ministerpräsidenten Daladier und den extremen Linkselementen mit den Kommunisten an der Spitze, hervorgeho­ben und vertieft hat.

Was die Beurteilung der Deklaration seitens der offiziellen politischen Faktoren angeht, so ist sie äußerst vorsichtig und wird von weitgehender Reserve gekennzeichnet. Aus der Unteredung, die ich über dieses Thema mit Botschafter Leger hatte, ging hervor, daß die französische Seite danach strebte, die fran­zösisch-deutsche Entspannung auf allgemein europäischer Basis zu behandeln, d. h. als Ausgangspunkt zu einer weiteren Befrie­dung der Beziehungen auf diesem Kontinent. Es ist für mich mehr als wahrscheinlich, daß Botschafter Leger konkret genommen gedacht hat und denkt, durch die französisch-deutsche und italie­nisch-deutsche Entspannung werde so oder so ein Viererpakt Zu­standekommen. Inwieweit sein Gedanke von Minister Vonnet »nd der Regierung geteilt wird, ist schwierig klar sestzustellen. Die Stimmen der halboffiziellen Presse, die mit dem Quai d'Or­say in engem Kontakt stehen, lasten eher vermuten, daß die Pläne des Herrn Leger der Regierung nicht fremd sind. Wichtig ist auch die Tatsache, daß Botschafter Leger an allen Unterredungen mit den Vertretern Deutschlands, die während des Ribbentrop-Ve- suchs stattfanden, teilgenommen hat. Andererseits kann ich jedoch auf Grund einer ausfiihlrichen Unterredung mit Minister Vonnet mit völliger Sicherheit feststellen, daß die französische Seite, wenn sie tatsächlich danach gestrebt hat, die Entspannung mit Berlin auf breiter europäischer Basis zu behandeln, in dieser Hinsicht einen völligen Mißerfolg gehabt hat.

Im Endergebnis muß die Erklärung Bannet-Rib- bentrop vorläufig also als zweiseitiger Akt angesehen werden, dessen Bedeutung die unmittelbaren französisch-deut- schenVeziehungen nicht überschreitet. Von diesem Gesichts­punkt aus betrachtet hat die Deklaration Frankreich die An­erkennung seiner Ostgrenze gebracht wie die Bestätigung, daß es zwischen Deutschland und Frankreich keine territorialen An­gelegenheiten gibt, die sich in der Schwebe befänden. Diese Fest­stellung wird französischerseits interpretiert als Anerkennung der Integrität des kolonialen Imperiums ohne die Mandatsländer. Schließlich hat die Erklärung eine Verbesserung der Atmosphäre in den nachbarlichen Beziehungen gebracht, was wichtig ist im Zusammenhang mir den Abschnitten aus dem BuchMein Kampf", in dem Hitler Frankreich als Hauptfeind Deutschlands betrachtet.

Andererseits hat man jedoch festgestellt, daß die wirtschaftlichen Probleme so kompliziert sind, daß sie längere Verhandlungen er­fordern bezw. daß die Verbesterung der politischen Atmosphäre nicht hinreichend genug war, um die wirtschaftlichen Probleme zu vereinfachen und in schnellem Tempo zu lösen. Was den ersten und den dritten Abschnitt der Deklaration anbeiangt, so sind sie vorläufig eher ein primum desiderium, vielleicht sogar nur eines Partners, und entsprechen nicht der Wirklichkeit. Besondere Auf­merksamkeit verdient die Tatsache, daß die Unterredungen mit Minister Ribbentrop in zwei für Frankreich wirklich wichtigen Angelegenheiten, wie die Beziehungen zu Italien und die spa­nische Frage, nicht nur nichts Positives hervorgebracht haben, sondern, wie es scheint, f"r die Zukunft keine Hoffnungen er­weckt haben.

Wenn man das Obige zusammenfaßt, muß man konstatieren, daß bei der Ausarbeitung und Unterzeichnung der deutsch-fran­zösischen Deklaration die französische Seite, wenn cmch auf dis­krete Weise, danach gestrebt hat, diesem Ergebne größere politische Bedeutung beizulegen, während die deiche Seile es auf einen eminenten zweiseitigen Akt reduzierte. Es iit daber klar, daß das weitere Schicksal der Deklaration völlig von Berlin abhängen wird, denn man kann schwer annehmen, daß die Ab« sichten der französischen Politik einem ernsteren Wandel unter­liegen werden.

In den weiteren Ausführungen des Berichts werden die Unter­redungen des polnischen Botschafters in Paris mit Bannet und damit das französisch-polnische Bündnis behandelt. Es heißt da:

Nr. 7tz

Wenn man die gegenwärtige Situation vom rein politiche« Standpunkt aus analysiert, muß man leider mit ganzer Entschie. denheit konstatieren, daß weder in der Haltung der von Minister Bannet vertretenen Regierung noch in den Aeuherungen der Parlamentspolitiker oder auch in der Presse irgend etwas zum Ausdruck gekommen ist, was auf die Absicht Hinweisen könnte dem Bündnis mit uns irgend welche Lebenskraft zu geben oder es heute als Instrument der französischen Außenpolitik zu behandeln. Dagegen gibt es jedoch keinen Mangel an zahlreichen Hinweisen, die darauf schließen lasten, daß, wenn Frankreich heute aus diesem oder jenem Grunde gezwungen sein sollte, jene Verpflichtungen auszuführen, die sich aus dem Bündnis mit un, ergeben, die Anstrengungen, sich dieser Verpflichtungen zu ent< ledigen, zweifellos größer sein würden als die Aktion, sie zu er­füllen. Meine obige Ansicht scheint mit den Erklärbngen Minister Bonnets, welche ich die Ehre hatte, Herrn Minister mitzuteilen nicht in Einklang zu stehen. Dennoch ist sie aber richtig und gibt die wahre Sachlage wieder. Minister Bonnet ist ein schwacher Mensch, der im allgemeinen keine Sache rimtig zu vertreten im­stande ist, und der dem Hang erliegt, sich der Reihe nach jedem seiner Gesprächspartner anzupassen. Obwohl ich die Aufrichtigkeit seiner Aeußerungen uns gegenüber nicht beurteilen will, so habe ich dennoch nicht die geringsten Zweifel, daß er sowohl vor der Regierung wie der Presse und dem Parlament in der Angelegen­heit des Bündnisses mit uns nicht die Haltung einnehmen wird die er im Gespräch mit mir zum Ausdruck bringt.

Mehrmals habe ich Minister Bonnet schon unmittelbar wie mittelbar auf die gewaltigen Unterschiede aufmerksam gemacht die unsere unmittelbaren Unterredungen von den Auslastungen der halboffiziellen Presse und dem Parlamentsecho scheiden. Bis- her haben meine Bemerkungen nicht den geringsten Erfolg ge- habt. Wollen wir abwarten, was die nächste Diskussion in der Deputiertenkammer bringen wird. Sie wird auf jeden Fall die Fortsetzung dieser Situation erschweren, die zumindest dem Schein nach von einer bewußten Doppelzüngigkeit der Po­litik uns gegenüber nicht weit entfernt ist.

Meritorisch gesehen ist unsere Situation in Frankreich nicht das Ergebnis irgend einer tiefen Aenderung des Verhältnisses zu uns. Eine bestimmte, aber sehr winzige Rolle spielt die Ver­bitterung, die noch aus der tschechischen Krise übrig geblieben ist. Der entscheidende Kern der Sache steckt jedoch bedeutend tiefer, und zwar in der allgemeinen Haltung Frankreichs gegenüber dem Gesamtkomplex der internationalen Situation. Hier befindet sich nämlich Frankreich seit der Münchener Konferenz in der Nolle eines Geschlagenen, der von seinem Feinde, der die Verfolgung fortsetzt, nicht loskommt und der nicht imstande ist, einer Reihe neuer Probleme ins Gesicht zu sehen. Was feine früheren Verpflichtungen internationaler Natur an­geht, so ist Frankreich zu schwach, um mit ihnen zu brechen, aber ebenso auch zu schwach, um sich zu ihnen mit genügender Ent- schossenheit zu bekennen. So bleibt Frankreich gelähmt und ver­harrt in Resignation, wobei es sich von vornherein zu allem was in Ost- und Mitteleuropa geschieht, desaitistisch einftellt.

So wie die Dinge heute stehen, stellte Frankreich der koordi­nierten deutsch-italienischen Achse dir Zusammenarbeit mit Eng­land entgegen, eine Zusammenarbeit, in der es eine passive Noll« spielt und der gegenüber es keine Rücksicht darauf nimmt, ob das Bündnis mit Polen wie der Pakt mit Sowjetrußland von diesem Gesichtspunkt ans irgend eine Bedeutung haben könnt«. Dieses geschieht nicht etwa deshalb, daß man eventuell an unserer Entschlossenheit, allzu weitgehenden Versuchungen Deutschlands Widerstand zu leisten, zweifelt, sondern deshalb, weil man ein­fach nicht daran glaubt, daß solch ein Widerstand Erfolg haben könnte. Aus diesem Grunde hat auch die Tatsache, daß die kar- patho-russtsche Frage gemäß den Wünschen Ungarns und Polens nicht erledigt wurde, eine ungeheuer wichtige und negative Nolle gespielt.

Zusammengenommen betrachtet die französische Politik ledig­lich das Bündnis mit England als positiven Wert, das Bündnis mit uns wie den Pakt mit Sowjetrußland dagegen erachtet es als für sich belastend, weshalb es sich auch nur ungern zu ihrem Bestehen bekennt. Diese Situation könnte einer Aende­rung unterliegen, wenn Frankreich entweder unter dom Einsiuß Englands Deutschland und Italien gegenüber zu einer offensiven Politik übergehen würde, was in naher Zukunst völlig unwahr­scheinlich ist, oder wenn die Ereignisse beweisen würden, daß unser Widerstand gegen die deutsche Politik wirksam ist und daß wir in der Konsequenz die Haltung anderer Staaten in Mittel- und Osteuropa beeinflussen können.

Wenn es um die mitteleuropäischen Probleme geht, so verrät die französische Politik gegenüber den ex­pansiven Bestrebungen Deutschlands nicht nur völlige Pas­sivität und Defaitismus, sondern ist ebenso unfähig zu ihnen eine andere Haltung einzunehmen als die, welche sie in den letzten 20 Jahren charakterisiert hat. Ich habe den Ein­druck, daß der von Minister Bonnet Ribbentrop gegenüber ein­genommene Standpunkt hinsichtlich einer Garantierung der tsche­chischen Grenzen analog der Haltung war, die seinerzeit Bot­schafter Leger in seiner Unterredung mit mir vertreten hat. Wenn Herr Ribbentrop nur wünschen sollte, so könnte er die Garan­tierung der neuen tschechischen Grenzen sogar noch vor ihrer Ga­rantierung durch uns und Ungarn erreichen. Wie aus den In­formationen hervorgeht, die mir Minister Bonnet mitteilte, er­hielt Minister Ribbentrop die Versicherung, Frankreich werde sich einer deutschen wirtschaftlichen Expansion im Donaubecken nicht entgcgenstellen. Ribbentrop konnte weiterhin aber auch keines­wegs aus Frankreich den Eindruck mitnehmen, daß eine in dieser Richtung verlaufende politische Expansion aus irgend ein ent­schlossenes Handeln Frankreichs stoßen würde.

In den rein osteurpäijchen Fragen, besonders in den russischen, herrscht in der französisch-englischen Meinung wie m der Poiltik ein völliges Chaos. Das Vertrauen zu Sowjet­rußland oder vielmehr zu seiner Kraft ist ständig im Sinken be­griffen, ebenso nehmen auch die linksbezüglichen Sympathien ab. Die innere Lage der Sowjets wird pessimistisch beurteilt, hier und dort, hauptsächlich aber in Militärkreisen, werden Besorgnisse laut, irgend ein militärischer Umsturz in Moskau könnte zu einer gefährlichen Zusammenarbeit zwischen Berlin und Rußland ühren. JnderurrainischenAagelegenheit trifft man auf ein völliges Mißverstehen der Situation, was wieder zu der t>efaitistischen lleberzeugung führt, die ukrainische Aktion könne -wenn die Deutschen nur wollten jeden Monat wirksam be­ginnen und die Integrität des neuen Territoriums bedrobe».