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Alles lobte den Toni ob des schönen, neuen Liedes und seiner schönen Stimme. Das Oferle strahlte. Des Her- menazis-Bure Andres meinte:Aber jetzt noch eins, Toni! Du allein kannst Lieder singen, die wir nicht kennen!"

Nei, nei," mahnte das Oferle, das sich schon vom Tisch erhoben hatte,wir müssen heim. Bin aber nicht dawi­der, wenn der Toni noch dableibt."

Die letzten Worte waren ihr natürlich nicht ernst.

Noch eins zum Abschied, Toni!" rief der Andres.

Da habt ihr noch eins, ein ganz kurzes," sprach der Toni und sang stehend:

Meidle, hast dei Bettle g'macht?

Nei, i hab's vergesse."

Bist denn du die ganze Nacht

Bei dem Jäger g'sesse?

Wenn du willst den Jäger habe,

Mußt du grüne Schühle trage;

Grüne Schühle, Silberschnalle

Tun dem Jäger wohl gefalle.

Juchhe!

Und jetzt guat Nacht, kommt guat heim mit euere Tän- zerne," schloß der Toni und ging mit seinen zwei Meidle von dannen.

Draußen aber auf der Gasse war's düster und menschen­leer. Die Krämer waren bei Laternenschein schon wieder am Einpacken ihrer Waren. An ihren Ständen zeigten sich nur vereinzelt noch Schiltacher, die untertags wegen der Feldarbeit keine Zeit gehabt hatten zum Kromen.

Die Marien holte die Schüssel mit den Kirschen beim Hafner, und hinaus ging's über die Brücke in den lauen Abend hinein.

(Fortsetzung folgt.)

Die uralte Sievenzaht.

Von Jven Kruse.

Schon in ältester Zeit spielen heilige Zahlen eine be­deutsame Rolle. Sie hatten ihre Lehrzeichen und es wurde eine mehr oder minder tiefe Symbolik auf ihnen aufgebaut. Unter ihnen ist die Siebenzahl besonders ausgezeichnet. Dis Reihenfolge der Namen für die Wochentage nach den sieben Planeten, welche die Chaldäer erkannt und beobachtet hat­ten, ist anscheinend durchaus willkürlich gewählt, sie hat sich aber von Zeit zu Zeit und von Volk zu Volk vererbt und hat noch heute ihre Gültigkeit. Man kannte im Altertum sieben Metalle, von denen das Gold der Sonne, das Silber dem Monde, das Eisen dem Mars, das Quecksilber dem Merkur, das Kupfer der Venus und das Blei dem Saturn gewidmet war. Die Stufentempel der Chaldäer, Ziggurat genannt, hatten sieben Stockwerke.

Von den Chaldäern übernahmen die Siebenzahl die spä­teren Völker. Nach den Vorstellungen der Perser standen sieben guten Geistern sieben böse gegenüber. Ein aus sie­ben Würdenträgern gebildeter Staatsrat leitete unter den persischen Herrschern die Staatsgeschäfte. Aber nicht allein die Perser, sondern auch die Ebräer und die AegyptSr über­nahmen die siebentägige Woche. Und schließlich unterwarf diese Einrichtung alle Kulturvölker und hat noch heute ihre Geltung. Vergebens versuchte die französische Revolution die Planetenwoche abzuschaffen und die zehntägige Woche einzuführen, die auch schon verschiedene Völker des Alter­tums z. V. die Aegypter gekannt hatten. Es blieb beim Alten. Ein Chaldäerknabe würde sich noch heute so­fort in den europäischen Wochentagen zurechtfinden können.

Höchst merkwürdig muß uns aber erscheinen, daß auch alte Kulturvölker von Amerika, von denen man doch nicht annehmen kann, daß sie von Chaldäern oder der chaldä- ischen Kultur irgendwelche Kunde erlangt hätten, die Sie­benzahl verehrten. Wenigstens hat man in Peru und in Mexiko Stufentempel aufgedeckt, die den chaldäischen Zig- gurattürmen sehr ähnlich waren und ebenfalls aus sieben Stufen bestanden. Der im Urwalde von Veracruz verbor­gene Teocalli von Papantla hat bei einer Eesamthöhe von 27 Metern sieben Stufen, deren untere ein Geviert von 38 Meter Seitenlänge bildet. Das Sandstein-Mauerwerk ist mit einem 8 Zentimeter dicken Mörtelputz überzogen.

Große Bedeutung hat die Siebenzahl in der christlichen Kirche. Da gibt es sieben Kreuzesworte des Erlösers, sieben Bitten des Vaterunsers und die Offenbarung des Johan­nes hat durch vielfache Hervorhebung der Siebenzahl gera­dezu ein besonderes Gepräge erhalten. Die katholische Kirche hat sieben Sakramente, sie teilt den Tag in sieben kanonische Stunden, sie feiert ein Fest der sieben Schmerzen und der sieben Freuden der Jungfrau Maria. Es gibt sieben Tod­sünden und sieben Werke der Barmherzigkeit; die Fasten­zeit vor Ostern dauert sieben Wochen, das Pfingstfest folgt sieben Wochen nach Ostern. Auch im Aberglauben spielt die Sieben eine Rolle, die Kalenderheiligen Siebenbrüder und Siebenschläfer sind besonders bei den Landleuten be­rüchtigt; regnet es am Sieberschläfertag, so regnet es sieben Wochen lang. Ebenso wichtig nimmt das Märchen die Siebenzahl. Da sind die sieben Schwaben, die sieben Raben, die sieben Eeißlein, die sieben Zwerge Sneewittchens, die Siebenmeilenstiefel, die sieben Freikugeln des Freischütz. Und wer kennt nicht den Kinderreim vom Kuchenbacken: Wer will schöne Kuchen backen, der muß haben sieben Sachen.

Aber bis heute hat die Siebenzahl noch eine besondere Bedeutung. Im alten Deutschen Reiche gab es sieben Kur-

Schrvarzwälder Sonntagsblatt"

I fürsten; der deutsche Kaiser übernahm beim 7. Knaben die l Patenstelle; der französische Präsident wird für die Dauer j von sieben Jahren gewählt. Und Newton stellte sieben Far­ben im Regenbogen fest.

Und selbst die heutige Wissenschaft, die Newton vor­wirft, er hätte leicht mehr Farben im Regenbogen entdecken können, habe sich aber absichtlich auf die volkstümliche Zahl beschränkt, selbst diese heutige exakte Wissenschaft muß zu­geben, daß es mit der Siebenzahl doch eine ganz besondere Bewandtnis habe. Auf einem vor dem Krieg in Wien tagenden Naturforscher- und Aerztetag sprach in der Abtei­lung für Anthropologie ein Redner über die Bedeutung der siebenjährigen Periode für das Vererbungssystem. Er führte aus, daß die durch sieben teilbaren Lebensjahre des Men­schen von besonderer Wichtigkeit seien. Der Glaube ist ja auch unter uns verbreitet. Hebbel erinnert in seinen Tage­büchern an ihn und knüpft tiefsinnige Betrachtungen daran. In ihnen schreitet die Entwicklung des Organismus ruck­weise vor oder zurück: man nannte sie deshalb in der älte­ren MedizinStufenjahre".

Aber diese Jahre haben eine weit größere Bedeutung, als bisher geahnt wurde, besonders für die Vererbung. Der Redner meinte, man könne folgendes Gesetz formulieren: Jeder Mensch setzt die Ahnen fort, von denen er um ein Vielfaches von sieben Jahren im Alter absteht. Hiernach erklären sich alle Aehnlichkeitsbeziehungen zwischen Kin­dern und Eltern. Ein Kind, dasder ganze Vater" ist, stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus dessen 28., 35., 42. usw. Lebensjahr; ein Kind, dasdie ganze Mutter" ist. aus derenSiebenjahren". Es gibt dafür, so legte der Red­ner weiter dar, eine Menge historischer Beispiele. So sind die Philosophen Fichte und Herbart Ebenbilder der Mut­ter in jedem Zuge, in deren 21. Jahre geboren: der Dichter Björnson, seinem Vater zum Verwechseln ähnlich, in dessen 35. Jahre. Siegfried Wagner im 56. Jahre Richards. Durch langwierige und umfassende Nachforschungen war der Red­ner schließlich zu folgendem Vererbungsgesetz gelangt:

Jeder Mensch setzt die Ahnen fort, die ein Vielfaches von sieben Jahren vor ihm geboren sind.

Das Gesetz gilt natürlich auch für das Verhältnis zwi­schen Kindern, Großeltern und ferneren Ahnen, erklärt also die Rückschläge. So hat in einem Falle eine Mutter unter zehn Kindern kein einziges, das ihr gleicht, aber zwei ihrer Enkel, von verschiedenen Töchtern, beide in ihrem 56. Le­bensjahre geboren, sindganz die Großmutter". Hector Berlioz, der Komponist, war das Ebenbild des väterlichen Großvaters und in dessen 56. Jahre geboren. Jakob Grimm hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit seinem väterlichen Urgroßvater und war 112 16 X 7 Jahre nach ihm ge­boren.

Nach diesem Gesetz erfolgt auch die Mischung eines Men­schen aus mehreren Ahnen. Das schönste Beispiel hierfür ist Bismarck. Körperlich war er nach seinem eigenen Zeugnis seinem väterlichen Urgroßvater nachgeraten: die geistige Veranlagung hatte er von seinem mütterlichen Großvater, dem Kabinettsrat Friedrichs des Großen, Menoken. Die beiden Ahnen waren der eine 119 17 X 7, der andere 63 9 Z- 7 Jahre vor ihm geboren.

Mit Hilfe der siebenjährigen Periode läßt sich auch das Problem der Krankheitsvererbung lösen. Von den Kindern eines Tuberkulösen werden die aus seinem 28. u. 35. Jahre z. B. mit größter Wahrscheinlichkeit wieder tuberkulös, wäh­rend umgekehrt, wenn etwa die Frau tuberkulös und der Mann gesund ist, nur die Kinder aus seinem 28. und 35. Jahre Aussicht haben, gesund zu bleiben.

Nach alledem muß man fast glauben, daß die Chaldäer, als sie die Siebenzahl zur Grundlage ihrer Relegion mach­ten, doch wohl etwas mehr von ihren tiefen Geheimnissen gewußt haben mögen und sie nur nach der Zahl der von ihnen beobachteten Planeten gewählt haben, so wichtig ihnen die Sterndeuterei auch gewesen sein mag. Jedenfalls war es ein entscheidender Wendepunkt der Menschheitsge­schichte, an welcheen die Planeten zum erstenmal dem menschlichen Denken einen Anstoß gaben, dessen Wirkungen sich nicht nur jahrtausendlang gehalten haben, sondern im Geheimnis des menschlichen und natürlichen Seins selbst begründet sind.

Aus dem Grunde de» Rheins

Von Ingenieur Alfred Nauck

Vor mir liegt ein Splitter eines marmorähnlichen Ge­steins, auf dessen einer Fläche das Datum steht: 19. Juni 1925. Von diesem Tage will ich erzählen. Der Steinsplitter nämlich hat einige Bedeutung: er stammt vom Grunde des Rheins! Und der Umstand, wie ich ihn an das Tageslicht brachte, ist bemerkenswert genug, wenn auch dabei jedes Abenteuerliche und Gefährliche fehlt.

Um nun auf den Kern der Sache zu kommen, ist es nötig, einige Erklärungen als Einleitung zu geben: Der Rhein bahnt sich durch Gebirgs- und Felsenketten seinen Weg zur Mündung. Diese Felsen werden stellenweise durch den Strom nicht unterbrochen, sondern stehen Mt den jenseitigen Ufer­bergen im Zusammenhang. Dadurch kommt es, daß der Rhein inmitten seines Bettes hervortretende oder auch unter dem Wasserspiegel liegende Felspartien hat, die strek- kenweise, so bei Bingen (Binger Loch), Ahmannshausen und Bacharach, das Befahren des Flusses nur in engen Straßen gestatten. Aber selbst diese Fahrstraßen sind für die Schiffahrt nicht ungefährlich; denn auch der Grund ist felsig und hat schon zu vielen Schiffsunfällen, besonders im Binger Loch, Veranlassung gegeben. Das ist besonders dann der Fall, r enn das Wasserklein" ist.

Um nun das Auflaufen der Schiffe und Kähne möglichst zu verhindern, sind in dem Strombett des Rheines an den gefährlichen Stellen Bojen anaobracht, deren leuchten?

Nr. 6

Rot Warnung und Beruhigung für den Schiffsführer be­deutet. Nun müssen diese Bojen zeitweise daraufhin untersucht werden, ob ihre Verankerung in dem Felsen noch genügend fest ist. Ferner muß der Rheingrund beobachtet werden, ob nicht auf ihm Felsumformungen, Gesteinswan- derungen, Anhäufung von Sand- und Geröllmassen an bis­her unbekannten Stellen u. dgl. eingetreten sind. In diesem Falle müssen neue Bojen angebracht werden. Es kann auch Vorkommen, daß ältere Bojen durch Veränderungen im Flußbett unnötig geworden sind.

Alle diese Arbeiten, Untersuchungen und Beobachtungen werden, wenn es sich um Maßnahmen größeren Umfanges handelt, von der Taucherglocke aus unternommen. Und eine derartige Taucherglocke hat es mir ermöglicht, den Rhein- grund zu betreten und einen Felssplitter als Andenken mit- zu nehmen.

Als wir in den Abendstunden des genannten Tages das ^auchschiff, das inmitten des Rheins verankert lag, betra­ten, wurde uns zunächst von dem Leiter dieser Taucharbei­ten eine Beschreibung der Einrichtung und Wirkungsweise Xr Taucherglocke gegeben: In einem hohen, eisernen Turm von quadratischem Querschnitt wird durch eine Preßlust- anlage, die in der Maschinenstation des Tauchschiffes unter- gchracht ist, Preßluft hineingedrückt. Dann senkt man den Turm langsam auf den Grund des Stromes. Die Preßluft drückt nun das Wasser aus dem Tauchschacht, wodurch die betreff, ude Stelle vom Wasser frei wird und ein unbehin­dertes Arbeiten möglich ist.

Nachdem wir noch den Maschinenraum, die Lichterzeu» g . .anläge, die Vorrichtungen zum Heben und Senken des Tauchschachtes, die Verankerungen des Schiffes, kurz die technischen Einrichtungen besichtigt hatten, schickten wir uns an, den Tauchschachi zu ersteigen und in dessen Inner« den Rheingrund zu betreten, d. h. irgendwelche Vorberei­tungen waren dazu nicht nötig. Vielmehr betraten Wir de« Turm durch eine schwere eiserne, mit Gummi hermetisch abgedichtete Tür, die hinter uns fest verschlossen und ver­schraubt wurde. Wir befanden uns in der sogenannten Vorkammer, in die jetzt durch ein Ventil mit lautem Zische« Preßluft eingelassen wurde. Der Druck machte sich besonders unangenehm auf die Trommelfelle bemerkbar, den man anfangs durch Gegendruck von innen aufzuhöben suchte. Bald hatte sich jedoch der Körper an den hohen Druck der Lust gewöhnt, und jetzt konnten wir durch eine andere Tür de« Tauchschacht betreten. Unter uns schäumte und wirbelte das Wasser, das durch immer höheren Druck immer mehr zurück- gedrängt wurde. Endlich war der Grund wasserfrei, und auf langen Leitern stiegen wir hinab, llebrigens war der Turm durch elektrische Lampen hinreichend erleuchtet. Ich muß gestehen, daß der erste Eindruck ein etwas beklemmen­der war, besonders wenn man durch dicke Glasfenster an den Wänden das Wasser vorbeischießen sah. Doch bald ge­wöhnte man sich daran. Die Verankerung einer Boje, der die heutige Tauchung galt, wurde sorgfältig geprüft. Die Bojen werden auf felsigem Ernud durch starke Eisenkeile, die man in tiefe Löcher durch Preßluftbohrhämmer ge­bohrt schlägt, an langen Ketten angeschlossen. Ist der Grund sandig oder schlammig, so schlägt man lange Essen» stabe in den Boden, an welche man die Bojenketien an­bringt. Auch einen Stellungswechsel des Tauchschachtes machten wir Mt. Zu dieiem Zweck mußten wir allerdings die erwähnte Leiter erfolgen, weil der Turm etwa einen Meter gehoben wird und das Wasser bis zu dieser Höhe em- dringt. Sonst war aber die Sache vollkommen ungefährlich, jedoch anregend und auch ein wenig aufregend.

Mit einem festen Händedruck schieden wir von den Män­nern, die das Tauchschiff bedienten und leiteten. Und als wir auf einem Nachen unserem Wohnort Zufuhren, beschäf­tigten wir uns noch lebhaft mit der Tatsache, den Rhein- zrund betreten zu haben

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Mitternacht.

Um Mitternacht

Hab' ich gewacht

Und aufgeblickt zum Himmel;

Kein Stern vom Sterngewimmel Hat mir gelacht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Hab' ich gedacht Hinaus in dunkle Schranken;

Es hat kein Lichtgedanken Mir Trost gebracht Um Mitternacht.

Um Mitternacht

Nahm ich in acht

Die Schläge meines Herzens;

Ein einz'ger Puls des Schmerzens War angefacht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Kämpft' ich die Schlacht,

O Menschheit, deiner Leiden;

Nicht könnt ich sie entscheiden Mit meiner Macht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Hab' ich die Macht In deine Hand gegeben;

Herr über Tod und Leben.

Du hältst die Wacht Um Mitternacht.

Friedrich Rückert.