Amtsblatt für den Bezirk Nagold und für Altensteig-LLadL. Allgemeiner Anzeiger für die Bezirke Nagold, Lalw und Hreudenstrdt.

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Uv. 2

Allenstrig, Samstag den 3. Januar

Jahrgang 923

Zur Lage.

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Die zu Ende gehende Woche liegt zwischen den Jahren 1924 und 1925. Sie greift zurück in das alte vergangene ; Jahr mit seinen ungelösten Problemen und reicht noch i hinein in das neue Jahr 1925, Lösung heischend für die schwer zu erfüllenden Aufgaben und Pflichten und nach Licht strebend in dem Dunkel einer verborgenen Zukunft. ! Der Uebertritt ins neue Jahr ist mit vielen Wünschen, teils ! mit mehr Fröhlichkeit denn früher geschehen. Auch in der diplomatischen Welt hat man bei den üblichen Neujahrs- empfängen nach altem Brauch schöne Worte gebraucht über Versöhnung und Verständigung, über Völkerwohlfahrt und Völkerfrieden. In Berlin hat der Reichskanzler und der Reichspräsident jedoch in Abwesenheit der ausländischen Diplomaten die ernste Saite angeschlagen, deren Mißton vom alten ins neue Jahr herüberklingt, die Entscheidung der Botschafterkonferenz in der Räumungsfrage. Reichs- ^ kanzler Marx sprach vom Unrecht, der unerwarteten Ent- ; täuschung, und der Reichspräsident verschärfte noch diese z Ausdrücke. '

Am Sylvesterabend hatte die Botschafterkonfrenz die Ab- sendung einer Note an die Neichsregierung beschlossen, die ! in Berlin dieser Tage überreicht wird. Es soll darin der ! Standpunkt der Verbandsmächte dargelegt werden, bekräf- - tigt durch einen offiziellen Schritt der alliierten Botschafter ^ in Berlin. Was über den Inhalt der Note bekannt wird, ' die als eine vorläufige anzusehen ist, bis der Bericht der : Militärkontrollkommistion über den Rüstungsstand in ! Deutschland vorliegt, kann dahin zusammengesaßt werden: ! Köln wird.zum 10. Januar gegen Recht und Vertrag ^ nicht geräumt. In Paris bleibt man dabei, von einer Per- ! fehlung Deutschlands gegen die Entwaffnungsbestimmun- ; gen zu sprechen, während man in London das letzte Urteil j in dieser Sache bis zum Generalbericht der Militärinspek- s tion Vorbehalten will. In dieser Stellungnahme liegen die ; Differenzen zwischen London und Paris. Aber die Absen- ; düng der Bornote bedeutet immerhin, daß die Alliierten ! sich auf ein Kompromiß verständigten, das auf Kosten i Deutschlands geschlossen wurde, das aber den rechtmäßigen - Vertrag unwirksam macht und die Räumung der ersten ! Zone des Friedensvertrags verzögert. In Paris kalkuliert s man so: Vis zur Erfüllung der gestellten Bedingungen s an Deutschland wird so viel Zeit verrinnen, daß Herriot, j obgleich er sich den Poincaristen und französischen Generalen l willfährig gezeigt hat, gestürzt werden kann und die euro» s päische politische Lage dann vor neuen Problemen steht. s

Allerdings steht dem entgegen, daß die Note an die deut« j sche Regierung auch die Bereitwilligkeit aussprechen wird, l über die Räumung von Köln in Verhandlungen einzutreten. ? Wir werden aber -ul daran tun, uns llar zu machen, daß i die Räumung nach dem Friedensvertrag und dem Dawes- ! plan uns nur zugestanden wird, wenn England und Ame- s rika auf Erfüllung dieser Verträge hinwirken. Mit Neu- i jahrsreden, wie sie der Präsident der französischen Republik ! gehalten hat, erreicht man nichts, solange die Taten in kras- i sem Widerspruch hiezu stehen. Warten wir also ab, bis die ! Note in Berlin übergeben ist. !

Die Wirtschaftsverhandlungen Deutschlands mit Frank- ! reich, Italien und Rußland sind wieder in Fluß gekommen. ! Ls eilt, denn am 10. Januar erhält Deutschland seine Han- ! delspolitische Freiheit wieder. In Paris droht wieder eine r kritische Wendung einzutreten. Die Franzosen wollen durch j eine Atempause mit Schaffung eines kurzfristigen Provi­soriums Zeit gewinnen für weitere Verhandlungen. Die ! deutsche Abordnung soll dies abgelehnt haben. Ein etwa am ^ 10. Januar eintretender vertragsloser Zustand würde die Lage noch verschärfen, die lediglich durch die Unnachgiebig- i keit Frankreichs verschuldet ist. Daß bei der am 6. Januar ! in Paris beginnenden alliierten Finavzministerkonferenz - über die Verteilung der Reparationseinnahmen aus dem i Dawesplan und andere Finanzfragen die größten Schwierig- ! keilen entstehen, ist daraus ersichtlich, daß jeder Staat am > meisten erbeuten will und daß gerade jetzt wieder das Pro- i blem der gegenseitigen Schulden aus taktischen Gründen in ! den Vordergrund gestellt wird. '

Innenpolitisch kommen nun die Tage, in denen die Vil- : düng einer neuen Reichsregierung in Angriff genommen ! werden muß. Man denkt jetzt an ein überparteiliches Ka- ^ binett der bürgerlichen Fraktionen des Reichstages. Der ^ Auftrag zur Regierungsbildung ist aber vom Reichspräfi- s deuten noch nicht erteilt, so daß man auf allerlei Ueber- j raschungen gefaßt sein darf.

Die dunklen Schatten, die auf dem Ausgang des alten Jahres ruhten, sind in den beiden ersten Tagen des neuen Jahres 1926 nicht gewichen. Wir werden aber hindurch kommen, wenn wir nur wollen und das deutsche Voll zum Wollen auch die Kraft des Handelns aufbringt.

Diplomatische Neujahrsempfänge

In Berlin

Berlin, 1. Jan. Beim Reichspräsidenten fand am Neu­jahr der übliche Neujahrsempfang der diplomatischen Ver­treter statt. Im Namen des diplomatischen Korps sprach der päpstliche Nuntius Paccelli dem Reichspräsidenten die Glück­wünsche aus. In seiner Rede wies der Nuntius darauf hin, daß sich im Laufe des letzten Jahres eine erfreuliche Wen­dung zum Besseren in den Beziehungen der Völker voll­zogen habe und daß man das neue Jahr als eine Morgen­röte des Wiederaufbaues und Fortschritts begrüßen dürfe. Der Nuntius schloß seine Rede mit dem Wunsche, daß die großen Erfolge von Wissenschaft und Technik, in denen sich besonders die deutsche Nation auszeichne, das Unterpfand bilden möchten für einen enger«: Zusammenhalt, für eine innigere und herzlichere Brüderlichkeit zwischen den Völkern. Oer Reichspräsident erwiderte u. a.:Möge der Wille zur Gerechtigkeit und der Geist des Friedens auch im kommen­den Jahre die Regierungen bei den noch der Lösung harren­den Entscheidungen beseelen. Auch die Fragen, deren Re­gelung noch offen steht und deren Lösung der nächsten Zeit Vorbehalten ist, sinh von schwerwiegender und weit-' tragender Bedeutung für die-Zukunft nicht nur Deutsch­lands, sondern auch Europas und der ganzen Welt, es wird der Anstrengung aller Regierungen und aller Völker be­dürfen, um auch hier den Geist des Rechts und des Friedens den Weg bestimmen zu lassen, auf dem die europäische Ord­nung endgültig wiederhergestellt werden soll. Nur dann, wenn diese Aufgabe gelingt, wird auch in den Herzen der Völker der Friede tiefe und lebensstarle Wurzeln fasten können, nur dann werden die Vorbedingungen geschaffen sein, die unerläßlich sind für den Wiederaufbau Europas und einer Welt, in der friedliche Völker in edlem Wett­streit gemeinsam arbeiten am Fortschritt der Geistesbildung und einer in den Dienst des Friedens gestellten Technik. Das deutsche Volk ist gewillt, unter Einsetzung aller seiner Kräfte an diesem Wiederaufbau mitzuarbeiten, und wünscht, dazu beitragen zu können, daß für die ganze Welt eine neue Aera des Fortschritts, der Freundschaft und des Friedens anheben möge, die Sie, Herr Nuntius, für die Zukunft mit heißem Herzen erhoffen."

Bet dem Empfang waren der Reichsminister Dr. Strese- mann und die Staatssekretäre Dr. v. Schubert und Dr. Meißner zugegen. Im Anschluß an den Empfang des diplo­matischen Korps wurden der Reichskanzler mit den Neichs- ministern und den Staatssekretären empfangen. Der Reichs­kanzler hielt hierbei eine Ansprache, in der es heißt:Leider scheinen die Erwartungen, die wir nach dem Abschluß der Londoner Verhandlungen hegen durften, zu Beginn des Jahres 1925 zunächst nicht verwirklicht zu werden. Nach den uns vorliegenden Nachrichten müssen wir annehmen, daß die alliierten Mächte dem im Versailler Vertrag für die Räumung der ersten Rheinlandzone vorgesehenen Ter­min, den 10. Januar 1925, nicht einhalten wollen, und zwar aus Gründen, die wir nicht anerkennen können. Dieses Un­recht ist für uns eine unerwartete Enttäuschung und schafft zweifellos eine ernste Lage. Ich kann nur dringend lwr Hoffnung Ausdruck geben, daß aus dieser Lage noch ein Ausweg gefunden w'.'X Dies kann aber nur aus dem Wege der gegenseitigen Verhandlung und Verständigung gesche­hen."

Der Reichspräsident erwiderte die an ihn gerichteten Glückwünsche mit Worten des Danles. Daß Fortschritte er­reicht werden konnte, dankt Deutschland in erster Linie der Tatkraft und dem Verantwortungsbewußtsein, mit dem Sie, Herr Reichskanzler, und Ihre Ministerkollegen Ihre hohen Aemter verwaltet haben; es ist mir eine lebhafte Ge­nugtuung, dies hier am heutigen Tage im Gefühl herzliche: Dankbarkeit und aufrichtiger Anerkennung aussprechen zr können. Sie sprachen, Herr Reichskanzler, von der ernster Sorge, mit der das neue Jahr beginnt, von dem wir der Anfang der Befreiung des Rheinlandes erhofften. All« Deutschen, welcher Parteirichtung sie auch angehören mögen, sind hier einig in dem Gefühl bitterer Enttäuschung und dem Bewußtsein eines uns angetanen neuen schmerzlichen Unrechts. Unter einer Begründung, die wir noch nicht ken­nen und noch nicht nachprüfen können, von deren Haltlosig­

keit wir aber alle überzeugt sind, soll uns, dem einzig wirk­lich entwaffneten Volke in einem sonst noch wafsenstarreN- den Europa, das versagt werden, was in dem so unendlich harten Friedensvertrag allein zu unseren Gunsten enthal­ten ist, die Räumung besetzten deutschen Bodens. Unser aller erster Wunsch am heutigen Neujahrstage ist der, daß der Geist der Gerechtigkeit und der Wille zur Verständigung der Völker obsiegen mögen über die Idee der Macht Gewalt, und daß uns und unseren Brüdern am Rhein und Ruhr das werde, worauf wir Anspruch haben: Recht und Freiheit."

Später übermittelten Reichstagsprästdent Wallraf sowie die Vizepräsidenten Di. Rießer und Dittmann die Wünsche des Reichstags und der Ministerialdirektor im preußischen Staatsministerium Nobis, ferner der thür. Minister Mun­zel und der bayerische Staatsrat v. Wolfs als Vertreter des Reichsrats die Glückwünsche dieser Körperschaft. Ge­neraldirektor Oeser und die Staatssekretäre Vogt und Kum- bier brachten daran anschließend die Glückwünsche der Haupt­verwaltung und des Personals der Reichsbahngesellschaft zum Ausdruck. Für die Wehrmacht erschienen General Ececkt und Kontreadmiral Kahlert, die dem Reichspräsidenten die Glückwünsche des Heeres und der Marine aussprachen.

In Paris

Paris, 1. Jan. Bei dem Neujahrsempfang des diplomati­schen Korps durch den Präsidenten der Republik, Doumer- gue, hielt der Doyen, Nuntius Ceretti, eine Ansprache, worin er darauf hinwies, daß der Friede eine der wesent­lichsten Bedingungen des Glückes der Völler sei, daß man aber noch mehr als im vorigen Jahr diesen wahren Frie­den hsrbeisehue, einen Frieden, der begründet sei auf Ge­rechtigkeit und auf der Achtung des Rechts eines jeden einzelnen. Nach sechs Jahren sei es nicht überraschend, daß der gute Wille der Menschen, der bis jetzt nicht gefehlt habe, noch nicht den vollkommenen Frieden habe bringen können und der Friede noch nicht in dem Maße, wie es wünschens­wert sei, die Geister und die Herzen beherrsche. Der Prä­sident der Republik, Doumergue, antwortete, indem er er­klärte: Man müsse den Frieden in internationalen Abkom­men befestigen und den so fruchtbaren Gedanken der Schieds­gerichtsbarkeit nutzbar machen, damit die unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen unabhängigen Völkern nicht zu blutigen Konflikten führten. Man müsse allen Na­tionen die unerläßliche Sicherheit für ihre Entwicklung ge­ben und den Respekt vor den Verträgen, die die politische und wirtschaftliche Charta der Welt seien, sicherstellen. Das sei das Ideal Frankreichs.

Zu Wien

Wie«, 1. Jan. Heute war auf der deutschen Gesandtschaft Neujahrsempfang. Die reichsdeutschen Vereine übermittel­ten dem Gesandten Dr. Pfeiffer durch den Vorsitzenden des VereinsNiederwald", Direktor Hirschmann, ihre Glück­wünsche für das Deutsche Reich. Der Gesandte knüpfte in seinen Dankesworten an den Telegrammwechsel zwischen Reichspräsident Ebert und Bundespräsident Hämisch an und sprach den Wunsch aus, daß das neue Jahr dem Deutschen Reich und besonders auch dem stammverwandten österreichi­schen Volk den Wiedsraufstieg, Glück und Segen bringen würde. Mit dem nachdrücklichen Hinweis auf die Einigkeit im Volk als erstes Erfordernis in dieser schweren Zeit der Not schloß der Gesandte.

Neues vom Tage.

Die Regierungsbildung Berlin, 2. Zan. Ueber den Stand der Regierungs­bildung ist «ach Zuformationen der Blätter zu sagen, daß Reichskanzler Marx sowohl am Sylvestertag wie auch heute eingehende Besprechungen mit dem Reichspräsidenten gehabt hat. Abschließende Entscheidungen seien noch nicht getroffen. Es sei auch nicht su erwarten, daß eine Entscheidung unmittelbar bevorstche.

Aufnahme der Reichstagserbeit Berlin, 2. Jan. Im Reichstag sind' für Freitag und Samstag noch keine Fraltionssitzungen anberaumt. Die meisten Reichstagsfraktionen nehmen ihre Arbeit am Mon­tag vor der Plenarsitzung auf. Von den Fraktionen des preußischen Landtages tritt die Fraktion der Deutschen Volkspartei am Sonntag nachmittag 4 Uhr zu ihrer kon­stituierenden Sitzung zusammen. Am Montag um 10 Uhr vormittags versammeln sich die Demokraten, die National­sozialisten und die Deutschnationalen. Um 11 Uhr treten oie Sozialdemokraten zusammen.