richtete an den König ein Huldigungstelegramm. Nach einer kurzen Morgenandacht leitete Stadt­pfarrer Lamparter die Versammlung ein. Er wies in seiner Rede vor allem darauf hin, daß die evangelischen Arbeitervereine in den letzten Jahren nur um 123 Mitglieder (2,1 Proz.) zugenommen haben und daß dieses langsame Wachstum bezw. der Rückgang der Mitgliederzahl in einzelnen Orts­gruppen auf die in letzter Zeit besonders starke Agi­tationstätigkeit der Sozialdemokratie zurückzuführen ist. Als Wahlparole für die nächsten Wahlen wurde ausgegeben, nicht mehr die Kandidaten der Konser­vativen Partei, sondern die der liberalen Parteien zu wählen. Der Redner forderte sodann noch, daß die evang. Pfarrer sich mehr der sozialen Arbeit zu­wenden möchten, besonders in Schule und Kirche sollte mehr der sozialen Seite Rechnung getragen werden. Nach seiner Rede wurden die Berichte des Sekretärs, des Schriftleiters und des Verbandskassiers erstattet. Hierauf hielt Prof. Dr. Schöll-Fried- berg das Hauptreferat überArbeiterstand und Ar­beiterjugend". Zum Schluß der Tagung wurden noch verschiedene Anträge einiger Ortsgruppen er­ledigt. Um 2 Uhr wurde imBiber" ein gemein­sames Festmahl eingenommen. Am Dienstag unter­nahmen die Versammlungsteilnehmer einen gemein­samen Ausflug an den Bodensee.

Zum Tode der Herzogin von Urach schreibt der Staatsanzeiger u. a.: Dem schwer­geprüften Gemahl der Verewigten, der den Verlust einer ihm innig verbundenen Gattin beklagt, sowie den Kindern der so jäh aus dem Leben Geschiedenen, die eine treubesorgte Mutter verlieren, wendet sich die allgemeine Teilnahme zu. Auch in weiteren Kreisen der Bevölkerung, besonders in Stuttgart und in der Umgebung des Schlosses Lichtenstein, wo die Verstorbene mit den Ihrigen manchen Sommer zu­brachte, wird man der Verstorbenen als einer Für­stin von aufrichtiger Frömmigkeit, edlem Wohl­tätigkeitssinn, ungekünstelter Freundlichkeit und reger Anteilnahme an den verschiedensten geistigen Bestrebungen des Landes ein dankbares Andenken bewahren."

Anläßlich des Ablebens der Herzogin von Urach ist Hoftrauer auf zwei Wochen, die erste in 3., die zweite in 4. Abstufung der Hoftrauerordnung fest­gesetzt worden.

Die Beisetzung der Herzogin findet am Donners­tag mittag 10 Uhr in der Familiengruft des würt- tembergischen Fürstenhauses in Ludwigsburg statt. Die Trauerrede in der Ludwigsburger Schloßkirche wird Bischof von Keppler vornehmen.

Stuttgart, 28. Mai. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr auf den Stuttgarter Bahnhöfen in der Zeit vom Pfingstsamstag bis Pfingstmontag be­tragen 166100 Mk. Gegenüber dem Vorjahr mit eiKrr Einahme von 175 355 Mk. wurden Heuer 9255 Mk. weniger eingenommen.

Plochingen, 28. Mai. Einige Eisenbahnbeamte zogen am Samstag abend kurz vor 10 Uhr aus dem Neckar eine noch lebende Frau, die aber, nachdem sie aufs Trockene gebracht worden war, bald verschied. Es liegt zweifellos Selbstmord vor. Ueber ihre Per-

Tyrann Ehre.

gl) Roman von K. Lubowsti.

(Fortsetzung.)

Hans Weddo gurgelt etwas. Sie verstehen es nicht. Er fährt mit der Hand nach der Wange. Ein feines Blutbächlein, dessen Quelle der spitze Draht gebohrt hat, rinnt ihm über das Kinn auf den Sam­metkragen herab.

Adda ist aufgesprungen. Sie weiß, was hierauf folgen muß. Sie klammert sich an Jürgen fest.

Nicht das nicht das!" wimmert sie in Todes­angst.

Er schüttelt sie ab. Sein Gesicht ist hart und starr. In diesem Augenblick hat er sprechende Ähnlichkeit mit fernem Vater.

Tarenberg setzt die Mütze auf und geht hinaus. Er hat kein Wort gesprochen. Wozu auch? Was sie sich noch sagen müssen, wird schon gesagt werden.

In starrer Ruhe geht er den Bürgersteig entlang. Er kann ganz sachgemäß über die nötigen Schritte Nachdenken. Die Kameraden müssen vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Nicht einen vergißt er. Er überlegt hin und her, mir derselben Gründ­lichkeit, mit der er jedesmal, wenn die neuen Re­kruten eintraten, über neue Mittel und Wege, die etwa zu ihrer Vervollkommnung in ihrer Ausbildung verhelfen konnten, nachgedacht hat, wen er von ihnen bitten soll, sein Sekundant zu sein.

Endlich entschließt er sich für den dicken Haupt­mann Müller von der dritten Batterie, weil er weiß, daß er ein Frühaufsteher ist.

sönlichkeit ist noch nichts bekannt. Sie trug weder ein Portemonnaie noch Geld oder irgendwelche an­dere Wertgegenstände bei sich.

Eßlingen, 28. Mai. Geheimer Kommerzienrat Merkel, früher Präsident des Schwäbischen Sänger­bundes, ist, 75 Jahre alt, gestorben.

Ebersbach a. F., 27. Mai. Eine aufregende Szene spielte sich im Hause desEisenbahntaglöhners F. Wahl ab. Die Nachbarschaft wurde durch mehrere schnell hin­tereinander abgegebene Schüsse in Aufregung ver­setzt. Gleich nach der Abgabe der Schüsse sprang die 19 Jahre alte Tochter des Wahl aus dem Fenster der im ersten Stock gelegenen Wohnung und fiel be­wußtlos nieder. Zunächst wagte sich niemand in das Haus hinein; bald darauf erschien die Polizei und der hiesige Landjäger, die nun mit vorgehaltener Waffe das Haus absuchten. Auf der Bühne wurde der 32 Jahre alte Bruder des Mädchens, der vor kurzem aus Amerika zurückgekehrte Bäcker Friedrich Wahl, mit einem Schuß in der Brust tot aufgefunden. Er hatte mit seiner Schwester Streit bekommen, würgte sie und schoß auf sie, die dann in der Angst aus dem Fenster sprang. Sie war unverletzt, und nur die furchtbare Angst und die Aufregung hatten sie bewußtlos gemacht. Der Selbstmörder war als ein jähzorniger, gewalttätiger Mensch bekannt.

Güglingen OA. Brackenheim, 18. Mai. Das Kin­derfest am Pfingstmontag nahm einen blutigen Aus­gang. In der Wirtschaft zum Rößle war abends Tanzmusik, wo sich die ledige Welt sammelte. Es kam zu Streitereien zwischen Frauenzimmern und hiesigen Burschen. In deren Verlauf zog ein Ur­lauber aus Frauenzimmern das Seitengewehr und verletzte den Metzger Fritz Heidinger von hier ziem­lich erheblich. Die Sache wird den Urlauber teuer zu stehen kommen.

Aalen, 28. Mai. Der Grenadier Weller aus Leinzell OA. Gmünd von der 6. Kompagnie des Ere- nadierregiments Nr. 123 in Ulm hat sich am'Sams­tag früh kurz nach 5 Uhr auf seinem Posten erschossen.

Biberach, 28. Mai. Der hiesige Gemeinderat hatte seinerzeit an das Kriegsministerium das Er­suchen gerichtet, das neu zu errichtende 3. Bataillon in Biberach zu garnisonieren. Das Kriegsministe­rium hat jetzt dem Gemeinderat mitgeteilt, daß die­sem Wunsch nicht entsprochen werden könne, da das Bataillon in den schon vorhandenen Kasernen unter­gebracht werden kann.

Aus Welt und Zeit.

Leipzig, 25. Mai. Das heute morgen um 6 Uhr eingetroffeneParseval-Luftschiff 6 wurde gegen ^11 Uhr von einer Windböe erfaßt, vom Anker losge­rissen und etwa 200 Meter weit geschleift. Das Luftschiff ist vollständig zertrümmert. Ein Soldat wurde verletzt. Der? 6 ist als ein großes Verkehrs­luftschiff gebaut worden und befand sich im Besitze der Lustfahrzeuggesellschaft Berlin. Das Schiff Hatte 6000 Kubikmeter Inhalt und eine Tragfähigkeit bis zu zwanzig Personen. Es war mit 2 N.-A.-G.-Mo- toren ausgestattet und besaß eine Höchstgeschwindig­keit von 15,1 Sekundenmeier. Das Schiff führte im Juni 1910 seine ersten Probefahrten aus und wurde dann am 31. Juli nach München gebracht, wo es

Auf weichen, dunklen Schwingen fliegt die Däm­merung vom Himmel. Alles Scharfe und Kantige gleicht sie aus. Die kahlen Aeste der Eichen be­kommen zarte, verschwimmende Konturen.

Um das Jnspektorhäuschen wallt ein Meer von auf- und niedergehenden Dunstwogen. In dem Hin­terstübchen, auf dem einfachen, altmodischen Sofa mit dem buntblumigen Cretonnebezug sitzt Nora und hält ein Briefblatt mit krausen, schwer zu entziffern­den Buchstaben in der Hand. Sie versteht den In­halt nicht. Ihre Augen irren fragend zu Schwester Ulrike hinüber, die eifrig an ihrem Nähzeug stichelt. Was wollen die Worte des Briefes, dessen Verfasser sich feige im Dunkeln hält, von ihr?

Dem Mann, der ihnen nahe steht, droht Gefahr. Es wird Ihnen daran liegen, dieselbe abzuwenden. Ich weiß nicht, wie weit Sie in Ihrer Abgeschlossen­heit von seinem eigentlichen Leben unterrichtet sind. Ob Sie überhaupt wissen, daß er, bevor Sie hierher kamen, mit der Tochter des Obersten von Wachen­husen heimlich verlobt war. Dies Verhältnis hat natürlich durch Ihr Auftauchen einen Bruch bekom­menmen. Man ist nicht so diskret gewesen, der Braut ihr Vorhandensein zu verheimlichen. Man hat Ihr gesagt, daß Sie ältere Rechte an Ihren Verlobten haben als sie. Denen ist sie denn auch gewichen. Wir Frauen finden das ganz in der Ordnung. Im­mer hübsch der Reihe nach, sonst haben es die feinen Herren zu bequem. Nur die Männer tun, als bil­ligten sie diese einfache Rechnung nicht. Besonders der Bruder der gewesenen Braut soll die Sache etwas tragisch nehmen. Man munkelt allerlei in der Stadt. Auch daß dieser Bruder der beste Schütze des ganzen > Regiments ist. Verstehen Sie, worauf ich hinaus

innerhalb zweier Monate 38 Passagierfahrten unter­nahm. Auch Prinz Ludwig von Bayern und Graf Zeppelin nahmen an einer Fahrt teil. Am 10. Ok­tober fuhr L. T. nach mehr als zweimonatigem Auf­enthalt in München wieder nach Berlin zurück, um im Dienst der Luftverkehrsgesellschaft Passagier- und Reklamefahrten zu unternehmen.

Berlin, 28. Mai. Auf der Havel und der Spree und auf den größeren Seen kamen über die Feier­tage mehr als zwanzig Boote zum Kentern, wobei es bis auf einen Fall jedesmal gelang, die über Bord geschleuderten Insassen den Fluten zu entreißen. Ein 22jähriger Kaufmann, der mit einem Freund eine Ruderpartie unternahm, wechselte während der stür­mischen Fahrt unvorsichtigerweise den Platz. Das kleine Boot kippte beinahe um. Der Kaufmann verschwand in den Fluten und kam nicht mehr zum Vorschein.

Madrid, 28. Mai. In Villareal, Provinz Castel- lon, entstand gestern abend in einem Kinemato- graphentheater während der Vorstellung ein Brand, bei dem achtzig Personen den Tod fan­den und viele andere lebensgefährlich verletzt wur­den. Das Theater befand sich in einem alten Laden und hatte nur einen einzigen Ausgang. In der Nähe dieses Ausgangs war der Projektionsapparat aufgestellt, dessen Explosion alsbald die Türe ver­sperrte. Eins entsetzliche Panik brach aus. Die Zu­schauer bemerkten eine zweite Türe auf der entgegen­gesetzten Seite und stürzten nach dieser Richtung, aber die Tür war verschlossen. Die Menge staute sich, und fast alle kamen um und wurden zertreten, erstickt oder verbrannt. Die meisten Leichen bieten einen schau­derhaften Anblick.

Budapest, 18. Mai. Aus vielen Ortschaften wer­den Hochwasserschäden gemeldet. Im überschwemm­ten Wallfahrtsort Mariaradna im Komitat Arad sind mehrere Häuser eingestürzt. In mehreren Ort­schaften Siebenbürgens hat das Hochwasser einen Schaden von Millionen angerichtet. Mehrere Brllk- ken der Maros sind fortgeschwemmt. Der Bahn­damm ist geschädigt. Der Verkehr ist an vielen Stellen unterbrochen. Es laufen weiter zahlreiche Meldungen ein, daß Häuser eingestürzt und Men­schen in den Fluten umgekommen sind.

Washington, 28. Mai. Senator Smith hielt heute eine Rede, in der er den Senat mit den Ergeb­nissen der von dem Senatskomitee geleiteten Unter­suchung derTitanic"-Katastrophe bekannt machte. Er tadelte das englische Handelsamt, das durch seine Nachsicht für das Unglück stark verantwortlich sei. Kapitän Smith habe sich schuldig gemacht durch seine übergroße Vertrauensseligkeit und dadurch, daß er die Eiswarnungen nicht beachtet habe. Senator Smith verurteilte den Mangel an Disziplin an Bord, nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberge und die ungenügende Bemannung der Rettungsboote. Fast 500 Menschen seien geopfert worden durch denMangel an Ordnung und Dis­ziplin bei der Besetzung der Rettungsboote. Leider müsse er feststellen, daß einige jüngere Offiziere die erste Gelegenheit benützten, das Schiff zu verlaßen. Eine große Verantwortung laste auf dem Kapitän derCalifornia", der er sich nur schwer entziehen

will. Vielleicht gelingt es Ihnen, das Schlimmste abzuwenden.

Eine, die es gut mit Ihnen und Herrn von Tarenberg meint.

Nora ist längst mit dem Lesen fertig. Nachdenk­lich starrt sie vor sich hin. Dann schiebt sie den Brief in Schwester Ulrikes fleißige Hand.

Lesen Sie das hier!" bittet sie. Ich fasse den Sinn der Zeilen nicht."

Ueber das friedliche Gesicht der Schwester fliegt eine leichte Röte. Sie hat mit ihren klaren Augen in manch dunkles, verborgenes Weh hineingeleuchtet, manche köstliche Perle auf dem Grunde scheuer Men­schenseelen, aber auch manche schmutzige Untiefe, in deren Sumpf die Blüten der Reinheit ersticken, her­ausgefunden. Es hätte der bittenden Worte des alten Generalarztes nicht bedurft, die sie auf das aller­dings sonderbare, aber völlig reine Verhältnis der beiden jungen Menschen hinwiesen. Sie hatte diese Reinheit selbst empfunden. Und was er noch später vonNichtfragen und Nichtneugierigsein" murmelte, -war durchaus überflüssig gewesen. Sie hatte das Fragen längst verlernt. Für sie war das mensch­liche Herz ein Buch, in dem nur immer gerade dessen Augen das Recht zu lesen haben dursten, denen Gott dieses Recht verlieh. Ihr Blick hatte sich durch das stille Innenleben vertieft und geschärft. Darum erkennt sie auch sofort, daß dieser Brief etwas unsagbar Schmutziges enthält. Aus dem Wunsch heraus, die Jüngere so lange wie möglich vor der Berührung mit dem Unreinen zu bewahren, schiebt sie ihn in die Tasche und schweigt, j (Fortsetzung folgt.)