hat bei guter Witterung begonnen; der Roggen ist eingeheimst, und nun komme» Gerste und Dinkel au die Reihe. Körner- und Stroh-Ertrag sind vorzüglich. Die Kartoffeln versprechen nach den Proben zu schließen gleichfalls Gutes. Obst giebt cs wenig, Zwetschgen keine. Dagegen sind die Herbstaussichten zunächst nach Quantität ganz günstig; von dem falschen Mehl- lhau ist keine Spur zu bemerken. Auch an Viehfutter ist kein Mangel.
* (B r a n d f äl l e.) Im Monat Mai l. I. wurden 55 Brandfälle zur Anzeige gebracht. Es brannten ab: 24 Hauptgebäude, 18 Nebengebäude; mehr oder weniger beschädigt wurden: 50 Hauptgebäude, 15 Nebengebäude. Die Gebäudebrandversicherungsanstalt hat an Entschädigungen im Ganzen die Summe von 12! 580 Mark zu bezahlen. Der Mobiliarschaden beträgt 79l85 Mk.
* (Verschiedenes.) In Tuttlingen verunglückte das 9jährige Mädchen eines dortigen Arbeiters, indem ihm die Spitze einer Eß- gabel, die es in der Hand hielt, infolge eines unvorsichtigen Stoßes von seiten seines Schwesterchens durch die Pupille ins Auge drang. — In Ebingen traf ein braves Brautpaar ein empfindlicher Verlust; eben im Begriff, die Aussteuer nach der künftigen Wohnung zu schaffen, scheute, wie es heißt infolge eines Schusses, das dem Wagen vorgespannte Pferd, ging durch und bald flogen die verschiedenen Mobiliarstücke nach allen Seiten hinaus und wurden teils zertrümmert, teils mehr oder weniger stark beschädigt. — In Cannstatt wurde mittels Haussuchung ein erst 16 Jahre altes Dienstmädchen eines frechen Diebstahls zum Nachteil des Dienstherrn überführt. Dasselbe stahl aus dem Sekretär heraus: 1 württ. 3'/r Guldcu- stück vom Jahre 1843, 1 2-Thalerstück zur Erinnerung an die Wiederherstellung des Ulmer Münsters vom Jahre 1869, 1 20-Franksstnck von 1810 und sonstige Münzen im Wert von zufammen 50 Mk. Den Münsterthaler hatte das Mädchen für 2 Mk. verkauft. — In Wäschenbeuren brach am Sonntag nacht in einem Wohn- und Oekonomiegebäude Feuer aus, welches dieses und eine weitere alleinstehende Scheuer zerstörte. Der Gebäudeschaden beträgt ca. 12 000 Mk. — Der schon ziemlich bejahrte A. Köhler von Heiden he im hat sich im Walde der Markung Großküchen erhängt. — An der Hauskammerz der Frau L. Strauß inSont - h e i m sind tiefgefärbte Trauben in seltener Größe zu sehen. — In Simmozheim brach am Dienstag in einer mit Heu ganz angefüllten Scheuer Feuer aus. Der schnell herbeigeeilten Feuerwehr gelang es nicht, das Feuer wieder zu löschen, und es ist die Scheuer mit sämtlichen Vorräten total abgebrannt; dagegen konnte das sehr bedrohte Wohnhaus gerettet werden. — In Rotten acker bei Ehingen ist die Influenza aufgetreten. — In Cannstatt ist der 18 Jahre alte Adolf Mattes aus Stuttgart beim Baden im Neckar ertrunken. — In
Vaihingen wurde der Leichnam eines etwa 30jährigen Mannes aus der Enz gezogen, welcher als der des Metzgers Chr. Dillmann in Pforzheim, gebürtig ans Bärenthal, festgestellt worden ist.
* M ünche n, 30. Juli. Prinz Ferdinand, Fürst von Bulgarien, ist nach Herren-Chiemsee zur Besichtigung der dortigen Schlösser abgereist.
* München, 30. Juli. Auf der zweiten Münchener Jahresausstellung erhielt Maler Hang-Stuttgart die erste Medaille.
* Berlin, 29. Juli. Fürst Bismarck äußerte sich zu dem Korrespondenten der „Nowoje Wremja" sehr erregt über seine Isolierung. „Man erweist mir schon bei Lebzeiten die Todesehre, man möchte, daß ich sterbe (!) oder wenigstens für den Rest meiner Tage schweige. Ich kann nicht vergessen, daß ich mich vierzig Jahre mit Politik beschäftigt habe. Plötzlich darauf verzichten, ist mir unmöglich. Keiner meiner ehemaligen Gefährten in der Politik besucht mich. Am liebsten würde man mir einen Maulkorb (!) aulegen. Alle guten Freunde atmeten auf bei meinem Rücktritt, schöpften Luft und sagten: endlich (!). Man konnte mir nicht verzeihen, daß ich 28 Jahre erster Minister gewesen; einen solchen frechen Menschen hätte man längst über Bord werfen müssen (!!)." lieber den Sozialismus bemerkte Bismarck, daß er Deutschland in naher Zukunft in den blutigen Kataklysmus (Ueberschwemmung; in figürlichem Sinne soviel wie große Bewegung, in der alles drunter und drüber geht) führen müsse.
* Berlin, 30. Juli. Der „Nordd. A. Z." zufolge läuft der Kaiser bei seiner Rückkehr von England in Helgoland an.
* Berlin, 30. Juli. Die Denkschrift über das deutsch-englische Abkommen wird von den freisinnigen Blättern stark gelobt. Die „National- zeitung" schreibt darüber: Ohne Zweifel wird die Denkschrift in den weitesten Kreisen einen günstigen Eindruck machen und manchen bisher noch Widerstrebenden mit der llebereinkanft anssöhnen, welche im wesentlichen erreichte, was auf dem Wege friedlicher Verhandlungen zu erreichen war. Durch ihre Erörterung über dieselbe wirft die Denkschrift aber auch ein charakteristisches Licht auf den weiten Gesichtskreis, der die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches beherrscht, und giebt der letzteren eine wesentlich vertiefte Bedeutung, welcher sich gänzlich zu verschließen auch den enragierten Gegnern schwerfallen dürfte.
* Erfurt. Ein noch aus der Zeit des Baues der Eisenbahn Erfurt-Ritschenhausen stammender Prozeß gegen den preußischen Eisenbahnfiskus ist nunmehr endgültig entschieden worden. Bei diesem Bahnbau wurde im Jahre 1882 einem Gastwirt durch ein in sein Haus fliegendes Sprengstück die linke Hand zerschmettert. Die von dem Verletzten erhobene Entschädigungsklage ist nun für ihn günstig ent
schieden; es ist ihm eine Entschädigungssumme von 16,000 Mk. ausgezahlt worden.
Ausländisches.
* Der „Franks. Zeitung" wird aus Rom unterm 31. Juli gemeldet: Vatikanische Kreise versichern, betreffs des Sperrgeldergesetzes sei ein Einvernehmen zwischen dem Vatikan und der preußischen Regierung erzielt. Preußen giebt die Hälfte des Kapitals in bar heraus, für die andere Hälfte werden Zinsen gezahlt.
* Laut dem „Avenire" von Novara ist die ganze Bevölkerung von Mont' Orfano (ein kleines Dorf im Novaresischen nahe dem Lago Maggiore) wegen schon seit 8 Jahren andauernder Streitigkeiten mit ihrem Seelsorger vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis über- getreien.
" Paris, 28. Juli. Präsident Carnot hat angeordnet, daß die Korrespondenz seines Großvaters, des Kriegsministers der Revolution, veröffentlicht werde. Mit der Herausgabe ist „Etienne Charavah" beauftragt.
* St. Etienne, 30. Juli. Gestern abend, fand in den Gruben von Pelissier eine furchtbare Explosion schlagender Wetter statt, gerade als die Nachtschicht in der Grube anlangte. Bisher wurden 10 Arbeiter unverletzt, 35 verwundet herausgeschafft. Die Zahl der Toten wird auf 120 geschätzt.
* Saint-Etienne, 30. Juli. Hundert und sieben Leichen und einige vierzig Verwundete, wovon die Mehrzahl nicht am Leben bleiben werden, sind zu Tage gefördert. Der Arbeitsminister Poes Guyot und ein Ordonnanz-Offizier des Präsidenten Carnot sind hieher ab- gcgangen, um die ersten Unterstützungen zu überbringen.
" In Bordeaux ist am 29. Juli nachts in der Sägmühle von Bourges und der Holzniederlage derselben ein Brand ausgebrochen. Dieser dauerte vormittags noch fortp der angerichtete Schaden beträgt nach der „A. Z." 2800000 Fr.
* Am Freitag ist in B r ü s s e l zwischen dem Deutschen Reiche und dem Congostaate ^ ein Vertrag unterzeichnet worden, welcher die Aus- ^ Lieferung von Verbrechern und die Gewährung ^ sonstiger Rechtshilfe in Strafsachen zwischen j den deutschen Schutzgebieten in Afrika und dem i Gebiete des Congostaates regelt.
* Brüssel, 29. Juli. Ministerpräsident
Beernaert, der Herzog von Chimay, der Kriegsminister Pontus und der Minister des Innern § Depolder begeben sich am Samstag zum Kaiser- i
empfange nach Ostende. Das große Kursaal- i
konzert findet um 4 Uhr statt. An dem Zapfenstreich nehmen 12 Militärkapellen teil. — Angesichts der Drohung der Sozialisten in Ostende, einerepublikanischeGegendemonstrationzu machen, falls die Vlamländer bei der Anwesenheit Kaiser Wilhelms deutschfreundlich demonstrieren würden, verzichten die letzteren auf eine Manifestation.
Die Pflegekinder des Kommerzienrats. AAmck
Novelle von Carl H artm an n-P lön.
(Fortsetzung.)
„Und das Will er mir im Park sagen, abends im Dunkeln? Warum kommt er nicht zu mir in mein Zimmer?"
„Er meint, das könne gesehen werden."
„Das ist ja eigentümlich! Ist es der Kommerzienrat, Martin?"
„Sie werden es ja sehen, Fräulein Katharina."
„Wenn es der Kommerzienrat ist, warum denn diese Heimlichkeit? Der Heinrich wird cs doch nicht sein?"
„Wenn es der Heinrich nicht ist, so ist es eben ein anderer und wenn es der Heinrich nicht wird, kann es vielleicht dieser andere werden."
„Jetzt sprechen Sie in Rätseln, Martin."
Es ist der Onkel, dachte sie, und der Alte hat schon irgend eine Ahnung.
Plötzlich fuhr sie zusammen und leise sprachen ihre Lippen:
„Mein Gott, wenn es der Onkel nicht wäre? Wenn es
Einen Augenblick nur überlegte sie, dann fuhr sie halblaut fort:
„Mag kommen, was will! Einmal nur, nur ein einziges Mal und dann, wenn cs nicht anders sein kann, meinetwegen — sterben?"
„Sagten Sie etwas, Fräulein Katharina?"
„Wollen Sie jetzt die Lichter anzünden?"
„Sogleich!"
Während er eine Schachtel mit Streichhölzern aus seiner Tasche hervorholte und eine Lampe auzündete, sagte er:
„Werden Sie kommen? Bei der großen Eiche am Goldfischteich werden Sie erwartet!"
„Was soll ich machen! Da Sie mir nicht sagen wollen, wer mich
dort erwartet, so muß ich wohl, wenn ich meine Neugierde befriedigen will, selbst Nachsehen."
„So gehe ich und melde Sie an. s
„Lassen Sie nur, Martin, das will ich schon in eigener Person besorgen! Ist es kalt draußen?"
„Nein, so warm, wie an einem Augustabende, es wetterleuchtet sogar und soeben glaubte ich schon ein leises Donnern zu hören — es ist eben ein außergewöhnlicher Herbst."
„Wir gehen zusammen hinab und ich möchte Sie bitten, Vater Martin, sich am Eingänge des Parks aufzustellen und mir ein Zeichen zu geben, sobald irgend jemand mich suchen oder nach mir fragen s
sollte." !
„Sehr gern!" -
Katharina band ein leichtes Tuch um den Kopf und gleich darauf l verließen beide das Zimmer. -
Unter den dichten Baumkronen des Parkes war es schon fast :
völlig dunkel, nur in de: Richtung des Flusses sah man durch die s
Stämme einige lichtere Streifen vom abendlichen Himmel. Die große Eiche in der Nähe des Goldfischteiches war nicht weit vom Eingang entfernt und obgleich Katharina genau wußte, wo sie stand und der i
Kiesweg bis dahin sehr breit war, ging sie doch nur langsam vorwärts.
Es quoll ihr eine warme Luft entgegen, dennoch zitterte sie, als wenn sie vom Frost geschüttelt würde. i
Da sah sie nur wenige Schritte vor sich plötzlich die Umrisse einer i
Gestalt. Sie erschrack doch etwas und blieb unwillkürlich stehen. Die !
Gestalt aber kam jetzt näher und sagte: !
„Ich danke Ihnen, Fräulein Brauer, daß Sie gekommen sind." >
„Sie sind es, Herr Brodersen? Was wollen Sie von mir? Warum haben Sie mich rufen lassen? Scheut das, was Sie mir zu