am Leben befindlichen Helden von Villiers und Champigny seinen begeisterten Dank auszu­drücken, sondern auch der zahlreichen Helden trauernd zu gedenken, die bei Villiers und Champigny mit ihrem Herzblut das deutsche Reich gründen halfen und die Ehre des schwäb­ischen Namens hoch gehalten haben. Wir Alten wissen noch aus eigener lebhafter Erinnerung, wie das ganze schwäbische Volk eines Teils er­schüttert war durch die Verlustliste aus den Schlachten von Villiers und Champigny, anderer­seits aber auch die Brust sich schwellen ließ von dem Gedanken, daß das Dichterwort sich wieder einmal bestätigt hatte:Wohl manchen Mann und manchen Held, im Frieden gut und stark im Feld, gebar das Schwadenland." Unsere Kinder wollen wir lehren, nicht nur die Thaten der Väter in allzeit lebendiger und dankbarer Erinnerung zu behalten, sondern auch fest zu- sammenznstehen, um das deutsche Reich, welches unsere Helden haben schaffen helfen, vor innerer Erschütterung zu bewahren, und wenn cs not­wendig wird, auch gegen jeden äußeren Feind mit Heldenmut und Begeisterung zu verteidigen.

C a l w , 28. Nov. Auf dem Brühl ist z. Zt. Dölles mechanische Kunstausstellung auf- gestellt, dieselbe bietet des Sehenswerten und Interessanten sehr vieles. In mehreren Serien werden Ansichten aus allen Erdteilen und Länder vorgeführt, so daß der Besucher der Ausstellung ohne Mühe und Kosten eine Reise um die Welt gemacht, fremde Länder, deren Sitten und Ge­bräuche studiert und gewiß manches zur Erweiter­ung seiner Kenntnisse gesehen hat. Sämtliche Ansichten sind an Ort und Stelle ganz natur­getreu photographisch ausgenommen und wurden wegen ihrer außerordentlichen Reinheit und Plastik auf den Weltausstellungen zu Wien, Philadelphia und Paris mit goldenen und silbernen Medaillen gekrönt; auch werden dieselben mittelst eines Rotationsapparates durch Elektrizität in Bewegung gesetzt, so daß der Beschauer seinen Platz nicht wechseln muß.

Pforzheim, 30. Nov. Der letzte Zug von Calw traf gestern Nacht mit einer Ver­spätung von einer vollen Stunde hier ein. Mitreisende brachten die Nachricht, daß bei Wild­berg ein Unfall passiert sei; es sei eine Zugs­abteilung auf einen Langholzwagen aufgefahren und dadurch beschädigt worden. Der Enzthal- zug mußte in Folge des späten Eintreffens des Calwer Zugs ebenso lange hier warten und kam also erst lange nach 12 Uhr Nachts in Wildbad an.

Deutsches Weich.

Aus Anlaß der 25jährigen Wieder- kehr des Tages der Kaiserproklamation zu Versailles wird, wie es heißt, am kommenden 18. Januar vormittags eine Parade der Garnison Berlin und am Abend eine Hoffestlichkeit statt­finden. Zu diesem Tage sollen alle noch leben­den Militärs, welche vor 25 Jahren zur Kaiser- Proklamation abkommandiert waren, seitens des Hofmarschallamts eingeladen werden.

Straßburg, 29. Nov. Der Groß­herzog von Baden ist heute abend 8,20 Uhr von Karlsruhe hier eingetroffen. Er gedenkt der morgigen Erinnerungsfeier an verschiedene Gefechtstage, welche das 8. württ. Infanterie- Regiment Nr. 126 Großherzog von Baden be­geht, beizuwohnen.

Karlsruhe. 28. Nov. Daß General von Schlichting sein Entlassungsgesuch ein­gereicht hat, darüber scheint kein Zweifel zu bestehen; auch soll der General selbst dies ganz offen ausgesprochen haben. Ob diesesEntlassungs- gesuch die Genehmigung des Kaisers erhält, bleibt nach der bisherigen Stellung des Generals von Schlichting als xorsona grutissimu abzuwarten. Ueber die Gründe des anscheinend plötzlichen Entschlusses gehen die Nachrichten zu unbestimmt auseinander, als daß ihm hier publizistische Ge­stalt gegeben werden könnte. Noch sei erwähnt, daß gleichzeitig von der Absicht des Groß- Herzogs gesprochen wurde, von seinem Amte als Generalinspektor der badischen und reichs­ländischen Armeekorps zurücktreten. Dieser Ent­schluß, wenn er in That vorlicgen sollte, würde sich einfach aus dem Umstande erklären, daß der

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Großherzog am 9. Sept. in sein 70. Lebensjahr l eingetretcn ist. '

Karlsruhe, 28. Nov. Die Alb thal­bahn nach Herrenalb gilt der Hauptsache nach als gesichert.

Weitzenfels. 25. Novbr. Ein von einer Essener Firma an einen hiesigen Schuh­fabrikanten gerichteter Geldbrief über 2300 ^ enthielt bei seiner Oeffnung lediglich Zeitungs­papier.

Württemberg.

Stuttgart, 28. Nov. Angesichts der bevorstehenden 25jähcigen Gedenkfeier der ruhm­vollen Kampfcstagederwürttembergischen Truppen im Kriege von 1870/71 hat die cvang. Oser- kirchenbehörde durch Ausschreibcn an die Pfarr­ämter des Landes den sämtlichen evang. Kirchen­gemeinderäten auf den 2. Adventsonntag, den 8. Dezember, die Anordnung und Abhaltung einer K i r ch e n k o l l e k t e zu Gunsten des Landes- Vereins der Kaiser-Wilhelms-Jnvaliden-Stiftung, dessen jährlicher Abmangel 20 000 ^ übersteigt, dringend empfohlen, geleitet von der Ueberzeug- ung, es werde dem eigenen Bedürfnis der evang. Kirchengemeinden entsprechen, der Pflicht der Dankbarkeit gegen die Streiter jener großen Zeit, vor allem aber gegen Gott, der den sieg, gegeben, dadurch Genüge zu thun, daß sie unseren Invaliden eine möglichst reichliche Gabe zur Linderung ihrer Not aus Anlaß der erwähnten Gedenkfeier zuwenden.

Zum 30. November und 2. Dezember. Dem Vernehmen nach sollen die Aufführungen der Gedenkfeier des GrenadierregimentsKönigin Olga" vom Samstag 30. Novbr. im Zirkus, welche, nach den Proben zu urteilen, Groß­artiges für Auge und Ohr bieten, zu Gunsten wohlthätiger Zwecke am Sonntag 1. Dezember, nachmittags 34 Uhr wiederholt werden. Es kommen u. a. ein Waffentanz und 5 lebende Bilder aus den Tagen deS Krieges von 1870/71, namentlich der Kämpfe bei Villiers Champigny, zur wirkungsvollen Darstellung. Die Regiments­feier hat am 28. abends ihren Anfang genommen, indem im Offizierskasino eine Festlichkeit, be­stehend in Thealeraufführungen und Ball, statt­fand. Die beiden Portale zu dem Kasernenhofe, wie der Hauseingang zu dem Kasino sind schön dekoriert.

Tübingen, 29. Nov. Premierlieutenant Preyer vom hiesigen Bataillon hat als bester Schütze den von Sr. Maj. gestifteten Ehrensäbel erhallen.

Ludwigsburg, 27. November. In Bissingen a. E. hat sich ein in der Kunstmühle dort in Arbeit befindlicher verh. Müller das Vergnügen gemacht sich als Beterane der Kriege von 1866 und 1870/71 auszugeben. Er nahm am 1. Sept. d. Js. an der dortigen Sedansfeier teil und ließ sich auf Kosten der Gemeinde an jenem Tage frei halten, auch hat er wie die übrigen Krieger in Bissingen ein Glas mit Wid­mung als Andenken erhalten. Bei jener Feier trug er die Kciegsdenkmünzen von 1866 und 1870/71; unter den Kriegskameraden in Bissingen wurde nach dem Feste der Verdacht rege, daß jener gar nicht Soldat gewesen sei, was sich auch bei der Nachfrage in seinem Heimatort heraus­gestellt hat. Er wird sich nun wegen Betrugs und Tragens von Ehrenzeichen vor Gericht zu verantworten haben.

Ulm, 29. Nov. Die bürgerl. Kollegien der Stadt Ulm haben gestern für den neugegründeten Schwäbischen Schillervercin" einen erstmaligen Beitrag von 500 ^ bewilligt.

Leonberg, 25. Nov. In der gestrigen Versammlung des Gewerbevereins hielt Finanz- amtmann Schneider einen eingehenden Vortrag über die Weiterbildung der direkten Steuern. Die Vorzüge und Nachteile der seitherigen Be- steuerungssorm, sowie die Notwendigkeit der Einführung einer allgemeinen Einkommensteuer wurden sowohl von dem Redner selbst, als auch von dem zu der Versammlung eingeladenen Landtagsabgeordeten Aldinger eingehend dar­gelegt. Die Versammlung stellte an den Ad - geordneten die Bitte, für eine allgemeine Ein­kommensteuer, verbunden mit einer Vermögens­steuer, unter gleichzeitiger Reform der Amtskörper­

schafts- und Gemeindesteuern einzutreten. Sie stimmt der Festsetzung der Minimalgrenze des steuerfreien Einkommens auf 500 ^ bei. hielt aber eine Belastung des beim Kleingewerbe an­gelegten Kapitals mit5°/o für entschieden zu hoch.

Freudenstadt, 29. Nov. Der ledige Sägerknecht G. Theurer von Stutzthal verun­glückte gestern in der Sägmühle seines Dienst­herrn in Gutwöhr, Gde. Hochdorf dadurch, daß er auf bis jetzt unbekannte Weise zwischen die Kammräder geriet. Der Verunglückte wurde buchstäblich in der Mitte durchschnitten.

Wildberg, 26. Nov. Vor einigen Tagen verduftete der hiesige sozialistische Agitator, Schneidermeister Haidle, unter Zurücklassung von Frau und Kindern nebst bedeutenden Schulden. Derselbe soll bereits auf hoher See sein. Da seuie Gesinnungsgenossen, wie scheint, nicht mit ihm teilen wollten, begnügte er sich mit dem von ihm entlehnten Gelde bei Personen anderer politischer Gesinnung.

Anstand.

Aus Italien, 26. Nov. Die Schnee- fälle der letzten Tage in Turin und Umgebung, meldet man derNeuen Freien Presse" aus Turin, sind die stärksten, deren man sich seit Jahren erinnern kann, und bedeuten in dieser Jahreszeit ein ganz ungewöhnliches Naturereignis. Der Schnee lag in der Umgebung von Turin 60 Centimeter, bei Cuneo 1,25 Meter hoch. Die Eisenbahnwagen hatten eine Schneedecke von 30 Centimeter. Ja der Stadt mußte der Straßen» bahnveckehr eingestellt werden, die Telephon- und Telegraphenleitung waren gestört, die elek­trische Beleuchtung ging nicht.

Paris, 27. Novbr. In der Vorstadt Auieuil stürzte heute Nachmittag in der Boileau- straße ein Haus ein. Drei Insassen wurden getötet, mehrere schwer verletzt. Ein Sozialist stellte im Gemeinderat von Toureoing den Antrag, alle Straßen, die den Namen von Heiligen führen, umzutaufen. Den einzigen Heiligen­namen, fügte er hinzu, den er noch zugeben würde, wäre Sankt-Petersburg. Sehr witzig!

WnterHattender Keil.

Das Hrenadierregirnent Königin Olga

(1. Württembergisches) Rr. IIS

im Jeldzuge 1870/71.

Von Frhr. von Rothenburg.

III.

Die Schlacht bei Villiers und Champigny.

Aus verschiedenen Anzeichen wurde schon seit längerer Zeit vermutet, daß demnächst ein Ausfall der Franzosen gegen die Stellung der Württemberger und Sachsen bei Villiers und Champigny stattfinden werde. Schon am 21.Okt. hatte ein solcher im kleineren Umfange stattge­funden, der jedoch durch das Feuer des 2. Jäger­bataillons von Champigny aus zurückgewiesen worden war. Abteilungen des 7. Regiments waren gleichzeitig durch etwa 1200 Mann fran­zösischer Infanterie aus ihrer Stellung bei Le Plant zurückgedrängt worden, der erste Zug der 1. Kompagnie unter Lieutenant Kirn hatte jedoch den Angriff erst zum Stehen gebracht, und alsdann den Rückzug des Feindes auf Pou- langis veranlaß!.

Da durch den Abmarsch der 17. Division und die Wahrscheinlichkeit eines stärkeren An­griffs der Franzosen eine Verschiebung in den Ccrnierungsstellungen notwendig wurde, sollten die Sachsen einen Teil der württembergischen Stellung einnehmen und ihrerseits durch Truppen adgelöst werden. Aber ehe noch diese Beweg­ungen vollständig ausgeführt waren, fand schon der erwartete Angriff statt. Er war ursprüng­lich für den 29. November geplant gewesen, hatte aber eine Verschiebung um einen Tag er­litten , weil die Brücken über die Marne nicht rechtzeitig fertig geworden waren. Das zweite Bataillon des Regiments Königin Olga war durch das erste des 107. Regiments abgelöst worden und befand sich auf dem Marsche nach Ormesson. Das 1. Bataillon erwartete die Ab­lösung im Park von Coeully, als bereits der Angriff erfolgte. General Ducrot ging mit mehr