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Weihrauchstreuens und einer ab­fälligen. beinahe verletzenden Kritik nebeneinander las. Wir, die wir keine so große Anforderung au die Aufführung gestellt haben, sind der Meinung, man sollte die Anerkennung und den Dank hauptsächlich der lobenswerten Thatsache zuweisen, daß sämtliche Kräfte ernstlich ihren guten Willen wie auch ihre Aus­dauer gezeigt und bereitwillig sich dem Ganzer? eingefügt haben, sowie daß ferner jedes einzelne Mitglied dabei bestrebt war, in seinem Teil dasjenige beizutragen, was seine Fähigkeiten und Naturanlagen zu leisten vermochten.

Nach dem Bericht konnte man sich jedoch nicht ganz des Eindrucks erwehren, als sei die Tendenz der ganzen Kritik vor­wiegend nur dahin gerichtet gewesen, den Dirigenten, dessen Fleiß und Eifer ja ge­wiß jedermann gerne anerkennt, auf Kosten der Mitwirkenden zu belobhudeln. (Zuous gus tancloin Lntilinn? In wie weit die im Bericht ausgesprochene musika­lische Sachkunde des Dirigenten zutrifft, wollen wir dahin gestellt sein lassen.

Zum Schlüsse möchten wir nicht uner­wähnt lassen, daß auch ein in der Ferne weilender Freund unserer «Stadt und der Musik, durch jene Kritik in witzige Laune versetzt, einem der Mitwirkenden folgendes Epigramm widmete:

Du hast mit Deinemkräft'gen Baß" aus Liebenswürdigkeit"

Ein wahrer Retter in der Not" ganz Neuenbürgerfreut".

Wer so wie Du sein Publikum auf's Innersteerquickt"

Verdient, daß ihm ein guter Freund auch einen Glückwunsch schickt.

Anmerkung der Redaktion.

Von der Ansicht ausgehend, es sei um der Abwechslung willen wünschenswert, wenn beurteilende oder andere Artikel auch ans weitern Kreisen verschiedenartige Autorschaft finden möchten, giebt die Redaktion solchen Ansichten stets gerne das Wort, hat aber dabei zu bedauern, wenn einzelne Einsender es zu eilig haben, oder ihre Mitteilungen wie im fraglichen Falle so spät geben, daß ein sachdienliches Einver­nehmen über etwaige Kürzungen oder eine mehr unbefangene Sichtung nicht mehr möglich und die Verantwortung dafür lediglich dem Einsender zu überlaßen ist. Es entstehen hiedurch zuweilen nicht beabsichtigte Auffassungen, welche bei zeitiger llebergabe erfahrungsgemäß leicht zu vermeiden gewesen wären.

KlMllll.

Deutschland.

Berlin, 14. Mai. Der heutige Tag war für die württemb ergis che Eisen- si a h n k o m p a g n i e ein hoher Festtag. Der Kaiser kam nach Abnahme der Bor­stellungen auf dem Tempelhofer Felde zu einer Besichtigung der beiden Kompagnien des Eiscnbahnregimcnts, welche aus nicht­preußischen Kontingenten stammen. Die k- sächsische und die k. württembergische Kompagnie waren im Hofe der Kaserne des Eisenbahnregiments in Linie anfge- stellt und empfingen Se. Majestät mit Präsentirtem Gewehr. Der Kaiser mit hohem Gefolge erschien bald nach 1 Uhr nn Kasernenhofe, woselbst sich die Offiziere des Regiments versammelt hatten und auch die anderen Kompagnien des Eisenbahn- Regiments im Ordonnanzanzuge ohne Ge­wehr angetreten waren. Der Kaiser ver- ueß den Wagen und schritt die Front ent­

lang, jeden einzelnen Offizier grüßend, so­wie jeder Kompagnie einen guten Morgen wünschend. Als Se. Majestät die Be­sichtigung der Kompagnien beendet hatte, stellten sich diese zum Parademarsch auf. Zum Schluß ließ sich Se. Majestät noch eine Anzahl Offiziere des Regiments vor­stellen und unterhielt sich längere Zeit mit denselben. Hierauf kehrte Se. Maje­stät ins kais. Palais zurück, sich im Weg- fahrcn von jeder der Kompagnien mit weithin vernehmlicher Stimme verab­schiedend. Bei dieser Gelegenheit trug zum erstenmale ein geschlossener württ. Truppen­teil die bei den preuß. Korps als Parade­anzug üblichen weißen Beinkleider.

!S. M.)

Berlin, 16. Mai. Die Brannt­weinsteuer-Kommission trat heute gleich in die Spezialberatung ein; in Bezug auf die Steuersätze (50 Pf. und 70 Pf.) dürften sich weniger Schwierigkeiten ergeben, da­gegen wird noch ein Ausgleich in Betreff der gewerblichen Brennereien gesucht. Die Hauptschwierigkeit ruht in der Frage der Nachsteuer. Die Regierungsvorlage, welche 50 bezw. 70 Ps. per Liter festsetzt, wurde mit 19 gegen 6 Stimmen angenommen.

Berlin, 16. Mai. Die Vorlage wegen Mobilisirung eines französischen Armeekorps, wenn auch im Westen Frank­reichs, erregt in hiesigen hohen militäri­schen Kreisen vielfach Bedenken und würde, falls (was zweifelhaft) die Bndgetkommission in Paris dem Kricgsminister Boulanger die Mittel dazu gewährt, sofortige angemessen erscheinende Gegenmaßregeln deutscherseits sehr wahrscheinlich Hervorrufen.

(S. M.1

Am 13. d. wurde in Weißen see bei Berlin dasPrivatlaboratorium eines Feuer­werkers Namens Bock durch eine Explo­sion gänzlich zerstört und seine darin be­findliche Frau und 2 erwachsene Söhne getötet. Der Schuppen, worin das La­boratorium sich befand, wurde vom Erd­boden weggefegt und die Verunglückten von der Gewalt der Explosion in viele Stücke zerrissen.

Württemberg.

Stuttgart. Zu der bereits ge­meldeten glücklichen Rückkehr Sr. Maje­stät desKönigs berichtet der.Staats- Anzeiger" noch folgendes: Der Extrazug, welcher von Finanzrat Hörner von Nizza aus hieher geleitet wurde, nahm, um die Fahrt durch den Gotthard-Tunnel zu ver­meiden, während deren Seine Majestät nach den früher gemachten Erfahrungen stets besonders unter Atemnot zu leiden hat, den Weg über Marseille, Lyon, Gens, Biel, Aarau, Schaffhansen, Rottweil und legte solchen in ungefähr 28 Stunden zu­rück. Auf das Befinden Seiner Maje­stät hat trotz der ungewöhnlich ungünstigen Witterungsvcrhältniffe auch dieser Winter- anfenthalt wieder einen guten Einfluß ge­habt; doch sind die manchfachen traurigen und aufregenden Ereignisse, von denen der König im vergangenen Winter betroffen wurde, nicht ohne Rückwirkung ans Höchst- dessen Gesundheitsstand gewesen, und Seine Majestät werden sich auch künftig in manchen Stücken noch vorsorgliche Schon­ung aufzuerlegen genötigt sein.

Stuttgart, 17. Mai. Gestern sind die Reservisten, welche bereits drei Jahre

gedient haben, zur 12tägigen Uebung hier eingerückt, in einer Stärke von 7075 Mann per Kompagnie. Dieselben kamen in die Kaserne, während die Aktiven in bürgerliche Quartiere gelegt wurden. Es kamen hiebei namentlich die Neckarstraße bis zur Alkxandcrstraße hinauf an die Reihe. (S. M.)

Der Kapitalistenverein in Stutt­gart kündigt zur Heimzahlung ü 104 °/o aus 18. Aug. d. I. die Serien 15 u. 18. Der Rückzahlungstermin für Serie 19 läuft für die Stücke ü 1000 <46 am 26. Juni und für die Stücke ü 200 <46, 300 <46 und 500 <46 am 8 . Juli d. I. ab.

Hall, 15. Mai. Nach den Wetter­heiligen mit ihren kühlen und heftigen Regenschauer ist heute goldener Frühlings- sonneuglanz ins Land hineingezogen. So recht ein Tag zur Eröffnung unseres Solbads, der nach Kräften von seiten der Stadt, der Badverwaltung und des Ver- sch'önerungsvereins unterstützend und för­dernd vorgearbcitet worden ist. (S. M.)

Rottweil, 12 . Mai. Gestern abend 7^4 Uhr fand in der Pulverfabrik hier die Explosion eines kleinen Werkes statt, welche glücklicherweise ohne Schaden für Menschen ablief, da kein Arbeiter in der Nähe war.

Backnang, 16. Mai. Die Ver­sammlung des Württ. Volksschullehrer- Vereins wird Heuer hier gehalten werden.

Gmünd, 15. Mai. In unserem Barackenlager bei Gotteszell herrscht seit gestern reges Leben. Es sind etwa 300 Ersatzreservisten und Reservisten aus dem Beurlaubtenstand eingetroffen, welche mit dem neuen Gewehr N. 71/84 bekannt ge­macht werden sollen. Die entsprechenden Uebungen dauern 12 Tage. Eine Ein­quartierung in Gmünd findet nicht statt, da das Barackenlager genügend Raum bietet. (S. M.)

Schussenried, 8 . Mai. Ein un­scheinbares Gewitter hat gestern um die Mittagszeit die hiesige Gemeinde in Schrecken versetzt: die brave 20 Jahre alte Tochter achtbarer Bürgersleute von Kürnbach wurde, als sie in der Nähe der Bahnlinie von der Wiese der Heimat zu­ging, vom Blitze getroffen und auf der Stelle getötet. Die in unmittelbarer Nähe gehende Mutter und die Zwillingsschwester waren Zeugen des Vorfalls.

(St.-Anz.)

Leonberg, 15. Mai. In voriger Woche ist die neue Zufahrtsstraße nach Eltingen und zu dem Bahnhof dem Ver­kehr übergeben worden; der Weg ist da­durch fast um ^4 Stunde näher geworden. Gestern ist in einem benachbarten Orte ein Wirt, welcher in Folge Genuffes einer Leberwurst gestorben ist, beerdigt worden. Seine Frau entgicng nur dadurch dem Tode, daß sie ihren genoffencn Anteil der Wurst wieder auswarf. Die Wirtsleute waren vor 8 Tagen bei einer Hochzeit auswärts und hatten von dort 2 Leber­würste mitgebracht, welche dann erst am Mittwoch verspeist wurden. Dieselben waren in dieser Zeit in giftige Versäurung übergegangen, an welcher der Mann nach qualvollen Schmerzen, zu welchen noch der Starrkrampf hinzugetreten war, nach 2 Tagen erlegen ist. (S. M.)