ich König von Jerusalem bin." — Diese Antwort überraschte das Kind; eS schwieg still und schien lange Zeit nachzudcnken.
Die außerordentliche Begierde des Prinzen etwas über seine frühere Lage, über die Geschichte seines Vaters, über dessen gegenwärtige Existenz, über die Ursachen seines Falles zu erfahren, setzte überhaupt seine Umgebung täglich in die größte Verlegenheit: die ausweichenden Antworten genügten ihm nicht und jene befand sich bei solchen Gelegenheiten immer auf der Folter. Endlich bat man den Kaiser um bestimmte Vcrhal- tungsbcfehle. Der Monarch antwortet: „Die Wahrheit muß die Grundlage der Erziehung des Prinzen sehn: Sie müssen alle Fragen, die er Ihnen vorlegt, offen beantworten: dies ist das einzige und daS beste Mittel, seine Einbildungskraft zu beruhigen und ihm das Vertrauen einzuflößen, dessen Sie zu seiner Leitung bedürfen." In der ersten Zeit folgte Frage auf Frage und da nun die Umgebung des Prinzen die Erlaubniß hatte, ihm zu antworten; so that sie es mit unumschränkter Offenheit. Was der Kaiser voraukgesehen hatte, traf bald ein, nach einigen Tagen schien der Prinz an dieser Unterhaltung gesättigt; er wurde ruhiger und zurückhaltender über diesen Gegenstand. Merkwürdig ist es, daß er in keinem Alter, bei keiner Gelegenheit ein Bedauern seiner vergangenen Lage laut werden ließ. Als er älter wurde, bemerkte man wohl, daß er die Fehler seines Vaters zu würdigen wußte, aber niemals hat er ein Wort in dieser Beziehung geäußert.
Wer die Lebensweise des Kaisers kennt, weiß, daß seine Häuslichkeit nicht von der eines guten Familienvaters verschieden ist. Wenn er im Sommer auf's Land zog, so begleitete ihn der Herzog überall hin; ihr Verhältniß wurde immer zutraulicher und inniger. Sie aßen immer zusammen und wenn der Kaiser aus irgend einem Grunde allein speisen wollte, so wußte man, daß dieser Befehl niemals dem Herzog von Reichstadt, dem nothwendigen und unzertrennli- chen Begleiter seines Großvaters, galt.
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Uebrigcns bestand kein Unterschied in der Art und Weise, wie man die jungen Erzherzoge und in der, wie man den Herzog von Reichstädt behandelte; von der Familie erhielt er dieselben Beweise der Sorgfalt und Zärtlichkeit und bei Hofe erwies man ihm dieselbe Ehre. Al« er einst zu einem Ball bei dem französischen Botschafter, Marschall Maison, geladen wurde, sagte er: „ ES ist mir unmöglich, mich bei dem französischen Botschafter in einem Augenblicke zu befinden, wo seine Regierung ein Derbannungs- und Proscriptionsdekret gegen mich erläßt."
Bei dem Besuche eines Amerikaners in Deutschland traf er seinen Vetter, der Professor war, gerade über der Schellingschen Philosophie an. auS welcher er sich folgende Stelle vorlesen ließ:
„Das Absolute ist reine Identität, sich selbst Stoff und Form, Subject und Object, das gleiche Wesen des Subjectiven und Ob- jcctivcn, ein Produciren, in welchem es auf ewige Weise sich selbst in seiner Ganzheit als Idee, als lautere Identität, zum Realen, zur Form wird, und hinwiederum auf gleiche Weise sich selbst als Form (insofern als Object) in das Wesen, oder das Subject auflößt."
Halt! rief der Amerikaner, indem er mit beiden Händen nach dem Kopf griff und sich auf dem Versen herumdrehte: bei uns, über dem Meer drüben, schreibt man, was auch der gemeine Mann versteht und^ zu seiner irdischen Wohlfarth nöthig ist, gelehrte Grübeleien aber, die oft von Gelehrten selbst nicht begriffen werden, sind von unserem Boden verbannt.
„Es jcht doch nischt über ein jutes Ilas Schnaps!" sagte ein Berliner Lastträger zu seinem Kameraden, indem er eins hinunter- stürztc. „Ne Boutellge is mir doch noch lieber!" antwortete dieser.