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Nagolder Tagblatt »Der Gesellschafter"

Donnerstag, 24. Oktober 1Z2«.

Aus Stadt und Land

Nagold, den 24. Oktober 1929.

Auch ein versklavtes Volk kann steif den Nacken tragen.

Wehe den Freiwilligen der Fron!

Die Kraftfahrzeuge im Oberamt Nagold

In Württemberg gab es am 1. Juli 1929 (1. Juli 1928 in Klammern) insgesamt 56593 (44371) Kraftfahrzeuge. Die Zunahme in einem Jahr beträgt also 12222 Stück oder 27,6 Prozent gegenüber 37,3 Proz. von 1927 auf 1928 und 31,2 Proz. von 1926 auf 1927. Von der Gesamtzahl waren 21162 (17 988) Großkrafträder, 6285 (2979) Kleinkrafträ­der, 21526 (16686) Personenkraftwagen, 6723 (5948) Last­kraftwagen und 897 (770) sonstige Fahrzeuge. In Würt­temberg trifft nunmehr bereits auf je 94 Einwohner ein Kraftrad, auf je 120 ein Personenkraftwagen und auf je 384 ein Lastkraftwagen. Am meisten zugenommen haben die Kleinkrafträder, die seit 1926 auf das achtfache ange­wachsen sind. Ausländische Fabrikate sind am häufigsten bei den Personenkraftwagen anzutreffen, wo sie immerhin 16 Prozent ausmachen.

Im Oberamtsbezirk Nagold gab es am 1. Juli 1929 ohne die Fahrzeuge der Reichspost insgesamt 441 Kraftfahrzeuge. Von ihnen waren 219 Krafträder, 170 Personenkraftwagen, 49 Lastkraftwagen und 3 sonstige Fahrzeuge (Zugmaschinen ohne Eüterladeraum, Kraftwa­gen für Feuerlöschzwecke und Straßenreinigungsmaschi­nen). In unserem Oberamt entfällt jetzt schon auf je 118 Einwohner ein Kraftrad auf je 153 ein Personenkraftwa­gen und auf je 529 ein Lastkraftwagen (Landesdurchschnitt auf je 94 bezw. 120 bezw. 384).

j Unsere Heimat Nr. 1v

Die heutige NummerUnsere Heimat" führt uns eine weitere Gestalt aus dem württembergischen Volksleben vor, Pfarrer Flattich, jenen weisen Menschen und feinsin­nigen Erzieher, dessen Gedächtnis in vielen Geschichten heute noch fortlebt und dessen gerades, überragendes Menschentum heute noch ein Vorbild ist.

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Wildberg, 23. Okt. Ein schönes Verhältnis. Jenseits der Nagold, unmittelbar am Wald, liegt wie in einem Schmuckkästchen eingebettet, das HausSaron", Erho­lungsheim der Gemeinschaft der Süddeutschen Vereinigung Stuttgart, das das ganze Jahr über geöffnet, Erholungs­und Ruhesuchenden köstlichen Aufenthalt bietet, und schon vielen innere und äußere Stärkung und Kräftigung geben durfte. An einem der letzten Samstage war ein eigenarti­ger Festtag im HauseSaron". Der geräumige, gemütliche Speisesaal war ganz gefüllt von den frohgestimmten Ar­beitnehmern der Stuttgarter Firma C. E. Zimmer­mann (Inhaber Eebr. Benzinger), moderne Büroma­schinen, kaufmännische Fachschule, Reparaturwerkstätte etc. Schon seit etlichen Jahren ist es den wohlwollenden, men­schenfreundlichen Geschäftsinhabern ein Anliegen, ihre sämtlichen Angestellten an einem Tage im Jahr zu einem frohen Feste einzuladen, wo sie vollständig frei gehalten werden. Bei strahlendem Sonnenschein kamen sie diesmal in 3 großen Omnibussen an einem Samstag vormittag von Stuttgart her im Hause Saron an. Bei einem feinen Festmahl wechselten heitere und ernste Reden in Prosa und Dichtung miteinander ab, welche alle das schöne, herz­liche Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmern schil­derten. Am Nachmittage ergingen sich die Gäste in der Umgebung des HausesSaron" und freuten sich an der herrlichen Lage desselben und an der romantischen Schön­heit Wildbergs. Als die Dämmerung herabsank, erstrahlte HausSaron" in wundervoller Beleuchtung. Raketen stiegen in die Luft, ein prächtiges Feuerwerk von fast zau­berhafter Schönheit bildete den Abschluß des festlichen Ta­ges. Es war den Arbeitgebern gelungen, ihren Angestell­ten einen Tag voll äußeren und inneren Sonnenschein zu bereiten. Es dürfte mit zu den erfreulichen Zeichen unserer sonst so harten, geschäftlichen Gegenwart gehören, wenn zwischen Geschäftsleitung und Angestellten ein solch har­monisches, ja herzliches Verhältnis besteht, wie es hier einen so erfrischenden Ausdruck fand.

Affstätt, 24. Okt. 7«. Geburtstag.Es waren noch gold- dene Zeiten als ich mein Amt antrat", rühmt der alte von Unterjettingen gebürtige Brösamle, der am Montag seinen 70. Geburtstag feierte und nicht zu fern sein 40jähriges Dienstjubiläum begehen kann. Polizeidie­ner, Briefträger, Postagent, weiland Nachtwächter und heilen des rüstigen Siebziger. Wäre er nach Land- und Beamtenrecht zur Ruhe gesetzt worden, man hätte ihm Schuhmacher seines Zeichens, das sind die Dienstobliegen- schon vor Jahren zum Abschied gratulieren müssen. Ans Abschiednehmen denkt aber der alte Brösamle beileibe nicht. Nicht aus seinenAemtlein", nicht aus seinem Handwerk, das er täglich noch ausllbt und erst recht nicht aus dem Leben. Gesund wie der Fisch im Wasser, rüstig wie Dreißiger und arbeitsfreudig trotz einem Jungen so pflegt er zu antworten, wenn man ihm zu denAlten" einrangieren will. Und wer ihn als Ortspolizei in der sauberen Uniform sieht, der haut gewaltig daneben, wenn es ans Schätzen geht. Polizeidiener Brösamle tut seinen Dienst zur vollsten Zufriedenheit seines Vorgesetzten. Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn der Ortsvorsteher ihn auf­sordert, solange Dienst zu machen als es geht. In der Le­bensschule alten Schlags groß werden, stellt er in allen Lagen heute noch seinen Mann. Drei Bauernschultheißen ist erals Auge des Gesetzes" um gar bescheidenen Lohn dienstbarer Geist gewesen. Mit besonderer Freude erinnert er sich noch seines Postens, den er als Rachtwächter aus­füllte. Und so er in guter Stunde zu treffen, so hören wir Jungen mit Aufmerksamkeit noch das Nachtwächterlied oder Strophen desselben.Hört, ihr Leut, und laßt euch sagen, unsre Glock hat Elf geschlagen: Elf der Jünger blie­ben treu; hilf daß wir im Tod ohn Reu! Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muß wachen, Gott muß schützen. Herr durch deine Eüt und Macht schenk uns eine gute Nacht". Wer aus der Suche nach altem Volksspruch, Volks­lied und Volkswitz ist, der kommt hier auf seine Rechnung. Es ist gelungen und erstaunlich, was das Gedächtnis des heiteren Alten festgehalten hat. In fröhlicher Runde aber spielt er seine besten Trümpfe aus. Seine Unterhaltungs­gabe und sein Erzählertalent haben schon manch düstere Wolke verscheucht, die über gewitterschwüler Tischgesell­schaft sich zusammenballte und manche Stunde gekürzt und gewürzt.Der alte Brösamle" ist eine typische charakteri­stische Figur im Dorfbild voller Eigenart und Besonder­heit und vermißt seinen fast täglichen Gang mit der Brief­mappe immer recht ungern. Möge er auch ins Achtzigste rüstig fürder schreiten!

Aus aller Welt

Fünf russische Generale zum Tod verurteilt. Die poli­tische Polizei (Tscheka) in Rußland will entdeckt haben, daß die im Roten Heer dienenden ehemaligen zaristischen Ge­nerale Michailow, Wissotschanski, Dymman, Dechanow und Schuljga mit Russen im Ausland zusammengearbeitet hät­ten. Ohne ordentliches Gericht verurteilte die Polizei sie zum Tode. Das Urteil wurde bereits vollstreckt. Verschieden« andere Angeklagte erhielten Freiheitsstrafen.

Vermißte kanadische Expeditionen. In Nordwestkanada suchen sieben mit Gleitkuven ausgerüstete Flugzeuge nach einer aus acht Mann bestehenden Expedition, die nach Mineralschätzen forschte und seit sechs Wochen vermißt wird. In den Wäldern von Nordostquebec suchen ferner 5 Regierungsflugzeuge nach 8 Fliegern und Mechanikern, die mitsamt ihren vier Flugzeugen seit voriger Woche ver- schollen sind.

Ein Leonardo da Vinci entdeckt? Aus dem Besitz eines Wiener Kunstsammlers wurde, wieDie Stunde" berichtet, dieser Tage im PfandhausDorotheum" ein Oelgemälde zum Höchstbetrag von 25 000 Schilling (15 000 Mark) be­stehen. Das Dorotheum ließ mit Zustimmung des Ver­pfänders das Bild durch Fachleute wiederherstellen und dabei soll entdeckt worden sein, daß es ein bisher verloren geglaubtes Hauptwerk des berühmten Meisters Leonardo da Vinci (14521519) sei. Sollte sich diese Annahme be­stätigen, so würde das Bild einen Wert von 1 bis 2 Millio­nen Dollar besitzen

Eröffnungssitzung im Württ. Landtag

Stuttgart. 23. Oktober.

Nach einer Pause von mehr als drei Monaten nahm der Landtag gestern nachmittag seine Vollsitzungen wieder auf. Präsident Pflüger gedachte mit Worten größter An­erkennung und herzlichster Glückwünsche der Weltreise des Graf Zeppelin". Ferner widmete er vier verstorbenen früheren Landtagsmitgliedern und dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann warm gehaltene Nachrufe. Nachdem dann drei Kleine Anfragen beantwortet worden waren, er­klärte sich Wirtschaftsminister Dr. Beyerle bereit, die Große soz. Anfrage betr. den Abbau von Bankangestellten am nächsten Dienstag zu beantworten.

Zu der Großen soz. Anfrage betr. Stellung der württembergischen Regierung zum Doung- Plan erklärte Staatspräsident Dr. Bolz, die Regierung sei zurzeit noch nicht in der Lage, zu der Frage Stellung zu nehmen. Sobald eine Vorlage der Reichsregierung da sei, werde sie dem Landtag ihre Stellungnahme Mitteilen. Der Abg. Keil (Soz.) gab seiner Enttäuschung über diese Erklärung Ausdruck. Staatspräsident Dr. Bolz erwiderte, daß die Besprechungen der Länder nur informatorischer Art waren und daß bei einer solchen Debatte nichts Ersprieß­liches herauskäme.

Abg. Scheef (Dem.) bedauerte die Erklärung _ des Staatspräsidenten. Es gab nun eine lange Geschäfts­ordnungsdebatte darüber, ob man in eine Besprechung der Anfrage eintreten könne. Lin sozialdemokratischer Antrag, eine sofortige Besprechung der Erklärung des Staatspräsi­denten betr. die Haltung der Regierung auf der Länder» konferenz vorzunehmen, wurde abgelehnt. Wirtschafts-, minister Dr. Beyerle erklärte sich alsdann bereit, die Große soz. Anfrage betr. die Stellung der württembergischen Regierung zur Reform der Arbeitslosen-« Versicherung in der nächsten Woche zu beantworten.

Hierauf wurde in die allgemeine Aussprache (2. Be­ratung) über das Anerbengesetz und Fidei- kommißgesetz eingetreten. Abg. Dr. Schumacher (Soz.) meinte, das vorliegende Fideikommißgesetz entspreche nicht den Vorschriften der Reichsverfassung-, man vermisse die Unantastbarkeit des Erbrechts. In Württemberg werde jetzt die Auflösung der Fideikommisse um Jahrzehnte ver­

schoben. Abg. Stooß (BB.) erklärte, das Anerbenrecht solle der Erhaltung lebensfähiger bäuerlicher Betriebe die­nen und ihre Zerstückelung verhindern. Abg. Gauß (Z-) bezeichnete das Anerbenrecht als notwendig, um die Schaffung unbrauchbarer Zwergbetriebe zu verhindern.

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Auf eine kommunistische Anfrage wurde von der Re­gierung erklärt, daß sie der herrschenden Arbeitslosig­keit nach Möglichkeit zu steuern suchen wird. Sie hat die Oberämter angewiesen, die Gemeinden auf die dringende Notwendigkeit der Beschäftigung Arbeitsloser bei Notstands­arbeiten hinzuweisen und sie zur beschleunigten Vorbereitung geeigneter Notstandsmaßnahmen anzuhalten. Das Wirt- Ministerium ist bei den zuständigen Reichsstellen in Berstn wegen einer wesentlichen Erhöhung der Reichs­mitt e l für Württemberg nachdrücklich vorstellig geworden und hat auch die Zusage erhalten, daß die Forderung Württembergs Berücksichtigung finde, sofern das Reichs­arbeitsministerium durch einen Nachtragsplan weitere Mittel der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge erhalte. Außerdem werden für das besondere Arbeitsbeschaffungs­programm, nämlich den Ausbau des zweiten Gleises Lei württembergischen NordSüdstrecke, für die Beteiligung am Ausbau der Staustufen Obereßlingen und Horkheim, sowie für die Beteiligung an der zurzeit im Gang befind­lichen Neckarverbesserung in Cannstatt außerordent­lich hohe Mittel ausgeworfen. Mittel zur Förderung des Wohnungs- und Straßenbaus durch besondere Zuschüsse an die Gemeinde^ stehen nicht zur Verfügung. Der Staat wendet für den Straßenbau im laufenden Haushalt­jahr mehr als 14 Millionen RM- auf, wobei für die Amtskörperschaften und die Gemeinden allein gegen­über bisher ein Mehraufwand von 2,7 Mill. RM. vor­gesehen ist. Zur Ergänzung des Wohnungsbaupro­gramms 1929 hat die Wohnungskreditanstalt Anleihe­mittel in beschränktem Umfang zur Gewährung von Bau­darlehen beschaffen können. Für eine allgemeine Herab­setzung der Arbeitszeit bei gleichbleibenden Gesamtlöhnen auf 7 Stunden täglich vermag sich die württ. Staatsregis- rung nicht einzusetzen.

Todesfall. Der frühere bulgarische Ministerpräsident R »« doslawow ist nach langer schwerer Krankheit in der Ver« liner Charit? gestorben. Er war einer der hervorragendstes Staatsmänner des Balkans.

Der letzte Nachkomme des berühmten Malers Luka- Cranach (geb. in Kronach, Oberfranken, daher sein Künstler« nams, 14721553), der Oberburghauptniann der Ward» bürg (seit 1894), Hans Lucas o. Cranach, ist tm Alter vo« 75 Jahren gestorben.

Die gefälschten 50-Vfennigstücke in Nürnberg. Die städti­sche Straßenbahn in Nürnberg nimmt vom 21. Oktober ans keine gelben Fünfzigpfennigstücke mehr in Zahlung. Fa» 80 v. H. dieser Münzen sollen gefälscht sein, so daß deg Straßenbahn ein Schaden von etwa 10 000 Mark entstände» ist. Es war auch unbegreiflich, daß vom Reich seinerzeit! die für den Verkehr immerhin nicht unbedeutende Münz« in einem so geringwertigen Metall herausgebracht wurdet das mußte zur Fälschung anreizen.

Eine Spielwarenfabrik abgebrannt. In der Nacht zum Mittwoch ist in Grümpen (Thüringen) die August Memmlersche Spielwarenfabrik bis auf den Grund nieder- gebrannt. Der Betrieb beschäftigte 70 Arbeiter.

Alkoholvergiftung. In Karlsruhe fand ein Kutscher auf dem Bahnhofsplatz unter einem Speditionswagen einen 12jährigen, über und über mit Straßenschmutz überzogenen Jungen in bewußtlosem Zustand auf. Im städtischen Kran­kenhaus wurde festgestellt, daß sich der Knabe eine Alko­holvergiftung zugezogen hatte.

Unterschlagung. In der Kreissparkasse in Berleburg (Wests.) wurden Unterschlagungen von mindestens 40 000 Mark festgestellt, an denen das ganze Personal beteb ligt ist.

Die Versteigerung Zubkow. Das Gesamtergebnis d«H Versteigerung in Bonn beträgt 500 000 Mark, etwa das; Doppelte besten, was eryartet worden war. Für die aus 548 Büchern bestehende Bibstochek wurden 10 000 Mark er­löst.

Immer noch Minenopfer. In Masholm an der Mün­dung der Schlei wurden heute drei Fischer durch eine explo­dierende Mine getötet und einer schwer verletzt. Die Fk- scher hatten die Mine, die auf hoher See treibend aufge­funden wurde, an Bord genommen. Als sie ihr Boot an Land zogen, löste sich die Zündung aus. Es handelt sich bet allen um Familienväter.

Bestechungsskandal in Breslau. Gegen 40 städtische Beamte, größtenteils der Bauverwaltung zugehörig, wurdv ein Verfahren wegen Bestechung eingeleitet. In den Bücher« der inzwischen in Konkurs geratenen elektrotechnischen Großhandlung Wirz wurden die Namen der Beamten ge­funden, die der Firma gegen Geschenke städtische Aufträg« zuschanzten.

Letzte Nachrichten

Die Berliner Presse zur Entscheidung des Staats- Gerichtshofes.

Berlin, 24. Okt. Die Entscheidung des Staatsgerichts­hofes in der Verfassungsstreitfrage zwischen der preuß. Landtagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei und dem Lande Preußen gibt den Blättern Veranlassung zu ausführlichen Stellungnahmen.

DieGermania" sieht daran, daß die Entscheidung der Kernfrage durch den Staatsgerichtshof erst nach Beendi­gung der Einzeichnungsfrist für das Volksbegehren zu er­warten ist, keinen besonderen Nachteil, weil es für das An­sehen des Staatsgerichtshofes nur von Nutzen sei. wenn er seine Entscheidung in genügendem Abstand von den po­litischen Tagesereignissen fälle.

DieDAZ" weist darauf hin, daß damit noch nichts da­rüber gesagt sei ob die Haltung der preußischen Regierung mit den verfassungsmäßigen Rechten der Beamten in Ein­klang stehe. Politisch sei freilich gleichzeitig dadurch eine neue Lage geschaffen, daß der preuß. Landtag durch Mehr­heitsbeschluß das Vorgehen der Preußenregierung gebil­ligt habe. Der Kampf um die Meinungsfreiheit der Be­amten dürfe und könne nicht durch Mehrheitsbeschlüße ent­schieden werden.

DasBerliner Tageblatt" sagt, es sei erfreulich, daß der Staatsgerichtshof den Antrag auf eine einstweilige Verfügung gegen die preußische Regierung zurückgewiesen habe. Weiter meint das Blatt, vielleicht habe dieser Pro­test endlich einmal Veranlassung gegeben, dieZuständigkeit des Staatsgerichtshofes klarer zu begrenzen, als das bis­her der Fall gewesen sei.

DieVossische Zeitung" hält diese Entscheidung für eine solche von weittragender Bedeutung, weil bei der Erörte­rung der Stellung des Staatsgerichtshofes innerhalb der verfassungsmäßigen Organisation des deutschen Reiches wiederholt der Befürchtung Ausdruck gegeben worden sei, daß er durch einstweilige Verfügungen in unerträglicher Weise in den Gang der Regierungsgeschäfte eingreifen könne.

DerLokalanzeigcr" sagt, die preußische Staatsregie­rung sei um denSieg", den sie in Leipzig errungen habe, nicht zu beneiden, ebensowenig, wie um den Mut, mit dem sie es fertig gebracht habe, sich vor dem Staatsge­richtshof um eine ehrliche Auslegung ihrer gegen die Be­amtengeschaft ausgestoßenen Drohungen herumzudrücken.

DieDeutsche Tageszeitung" schreibt, die für die Ver­anstalter des Volksbegehrens gegebenen gesetzlichen Mög­lichkeiten seien durch die Hinausschiebung der Entschei­dung in starkem Maße beeinträchtigt worden, denn, nach­dem erst nach Beendigung der Einzeichnungsfrist die Ent­scheidung des Staatsgerichtshofes erfolgen werde, stünden die Eintragungen weiterhin unter dem Terror aller be­amteten Stellen, sodaß von einer wirklich unbeeinflußten Abstimmung nicht mehr die Rede sein könne. Nach Ab­schluß des Volksbegehrens werde man darauf ausgiebig zurückkommen müssen.

Die österreichische Regierung gegen Panikmache.

Wien, 24. Okt. Amtlich wird mitgeteilt: Durch gewissen­lose und übertriebene Nachrichten in einem kleinen Teil der Tagespresse über Abhebungen von Spareinlagen wurde eine Beunruhigung der Bevölkerung herbeizufüh­ren gesucht, die sich am Dienstag und Mittwoch in Abhe-