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Mit den illustrierten Beilagen „Feierstunden" „Unsere Heimat", „Die Mode vom Tage".
Bezugspreise: Monatlich einschließlich Trägerlohn <K 1.60; Einzelnummer 10 -Z. — Erscheint an jedem Werktage. — Verbreitetste Zeitung im O.-A.-Bezirk Nagold. — Schriftleitung, Druck und Verlag v. E. W. Zaiser (Karl Zaiser) Nagold
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Mit der landwirtschastlicheu Wochcnbeilage: „Haus-, Garten- und Landwirtschaft"
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Nr. 126 Gegründet 1827 ' Sümstag, Sen 1. Juni 1829 Fernsprecher Nr. 29 103. Jahrgang
Was bedeutet das Pariser Abkommen?
Die Reparationskonserenz hat sich auf das abgeänderte Poung-Abkommen geeinigt. Diese Pariser Maienblüte wird aber ohne Zweifel Früchte zeitigen, die für Deutschland kaum verdaulich sind. Selbst wenn man den Glauben aufbringen will, daß die Räumung der besetzten Gebiete die selbstverständliche Folge der Pariser Vereinbarungen fein werde, ja, daß sie mit dem Inkrafttreten des Toung- Plans am 1. September d. I. sich vollziehen werde, so wird doch die schwere Last der Fronleistungen die deutsche Wirtschaft um weitere 37 Jahre Niederhalten, nachdem bereits 10 Jahre schwerster wirtschaftlicher Bedrückung hinter uns liegen.
Wer die Geschichte der Diktate und Abkommen der letzten 10 Jahre betrachtet, ist nicht im Zweifel, daß jeder dieser Lastenbringer nur deshalb aufgerichtet wurde, weil es unmöglich war, Forderungen der Gläubiger und Leistungsfähigkeit des Schuldners in Einklang zu bringen. Aber weil man am Ende seines Lateins war, fand noch jedesmal jede Ungereimtheit Bestätigung durch die beteiligten Parlamente. Die Politiker in Regierung und Parlament wollen es so.
Der Unterschied zwischen Dawes-Plan und Doung-Abkommen
Man muß den grundlegenden Unterschied zwischen dem Dawes-Plan und dem Tounq-Abkommen, abgesehen von den Zahlen, scharf ins Auge fassen. Nach dem Dawes-Plan stand die deutsche Währung unter dem Sckutz unserer Gläubiger. Das hört nun für einen lehr großen Teil der deutschen Tribute auf. Ferner wird im Gegensatz zum Dawes-Plan die Prüfung der deutschen Wirtschaftslage durch die Gläubiger nicht mehr erfolgen, sondern Deutschland wird, ohne Rücksicht auf se ne Leistungsfähigkeit, gezwungen sein, die vereinbarten Iahreszahlungen zu leisten, Für zwei deutsche Geschlechter soll diese Fron dauern.
Vorübergehende Erleichterung
Bei der gegenwärtigen überaus ungünstigen Finanzlage des Reichs wollen die verantwortlichen politischen Instanzen vor allem fürden Anfang Erleichterung gegenüber der derzeitigen Lage aus dem Pariser Ergebnis ziehen. Diese Erleichterung wird tatsächlich nach dem Unterzeichneten Abkommen eintreten. Die Reichsfinanzen werden eine gewisse Auflockerung erfahren und Deutschland wird für einige Zeit kreditfähig sein, vielleicht wird auch die Wirtschaft eine konjunkturelle Belebung erfahren.
Verschiebung der Warenaustausch-Bedingungen
In einer soeben erschienenen Schrift „International Trade" befaßt sich der amerikanische Professor F. W. Taus- sig von der Harbard-Universität mit der Theorie der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Mit Beziehung auf die gegenwärtigen Verhältnisse Deutschlands sagt nun Taussig: „Im Fall von Tributleistungen verschieben sich die Warenaustausch-Bedingungen zum Schaden des Tribut zahlenden Landes. Diese Zahlungen haben zur Folge, daß mehr Einheiten hei- Mischer Güter hergegeben werden müssen für eine bestimmte Menge fremder Erzeugnisse. Die Tributleistungen haben die Tendenz, einen Ausfuhrüberschuß an Waren, eine sogenannte „günstige" Handelsbilanz sowie finkende Löhne und Inland preise in dem zahlenden Land, aber von alledem das Umgekehrte im Empfangsland herbeizuführen. Sie verschlechtern auch die naturalen Austauschverhältnisse für das zahlende Land, das nicht nur greifbare Güter gratis auszuleihen hat, sondern auch noch dadurch verliert, daß es für die reine Wareneinfuhr weniger Einfuhrgüter erhält." Die Lage der deutschen Wirtschaft ist infolge der Reparations-Verpflich- tungen einem um so größeren Druck ausgesetzt, als vielfach die deutsche Wirtschaft eine Passivbilanz zeigt. Während andere Länder Tributleistungen aus schon vorhandenen Auslandsguthaben (Frankreich 1871) oder aus jährlich auf Grund aktiver Handelsbilanzen sich bildenden Ueber- Ichüsse begleichen konnten, ist Deutschland nach wie vor an Kapital zuschußbedürftig.
Taussig (ährt fort: „Populärerweise pflegt man anzunehmen, daß ein Gläubigerland ganz von selbst passive, Ein Schuldnerland aktive Handelsbilanz haben müsse. Jedoch braucht dem gar nicht so zu sein. (In Deutschland ist Es ganz gewiß nicht der Fall.) In der Wirklichkeit pflegen die Kredite mit einm mäßigen Betrag zu beginnen, dann von Jahr zu Jahr zu steigen. . . . Mit dem Eintritt einer Krise werden sie plötzlich scharf vermindert oder hören sogar ganz auf. Dann sind die Zinszahlungen auf die früheren Kredite nicht mehr ausgeglichen durch neue; sie werden unmittelbar zu einer Nettolast für das Schuldnerland, dessen Zahlungsbilanz eine plötzliche Wendung erfährt. Es hat alle Konsequenzen ohne Uebergang zu tragen: eine hoch gesteigerte Nachfrage nach Devisen, einen Druck auf die Banken, steigende Diskontsätze, fallende Preise. Diese Erscheinungskette kann sich zwei- oder dreimal hintereinander wiederholen. ... Die letzte Stufe ist diejenige, auf der das Schuldnerland mehr zu zahlen hat an Zinsen, als was es an Kredit erhält, und daß die Diffe- ttnz durch einen Ueberschuß der Warenausfuhr über die Einfuhr beglichen werden muß."
Ein Beispiel:
Die Ausführungen des Amerikaners treffen ins Schwarze, und es ist Aufgabe der deutschen Reichsregierung, und der deutschen Wirtschaft, sich auf jene Entwicklungsstufe einzustellen, die von Taussig alsdieletzte gekennzeichnet wird. Denn man soll nicht etwa in den Fehler verfallen, zu glauben, daß unsere Gläubiger sich darauf einlassen würden, den jetzigen Plan etwa nach wenigen Jahren zu unseren Gunsten wieder abzuwandeln. Durch das, was jetztver- einbart wird, wird Deutschland unbarmherzig gebunden. Auf dem Spiel stehen die Freiheit der deutschen Wirtschaft und Unternehmer und die Freiheit der sozialpolitischen Errungenschaften der Arbeitnehmer.
Um ein Beispiel von der Höhe der Leistungen zu geben: Die erste Jahresannuität nach dem neuen Plane beträgt 1707,9 Millionen. Der deutsche Bergarbeiter verdient bei regelmäßiger Arbeitszeit 58,32 Mark die Woche, das sind 262 Mark im Monat und 3144 Mark im Jahr. An der Abtragung der Poung-Last müssen 543 225 Bergarbeiter gratis arbeiten: der Gesamtbestand der deutschen Steinkohlenbergarbeiter beträgt 593 736 Köpfe. Mit anderen Worten: die gesamte Arbeitsleistung fast aller deutschen Steinkohlenbergarbeiter wird für Deutschlands Gläubiger gratis geleistet.
Dieses Beispiel zeigt, daß es undenkbar i st, währungspolitisch auf den bisherigen Wegen fortzuschreiten. Es gilt zu erkennen, was ist. Und jede Illusion wäre fehlerhaft. Das deutsche Volk bezahlt die Reparationen auf die Dauer nicht mit amerikanischem Geld, sondern mit seiner eignen wirtschaftlichen und sozialen Freiheit und mit den sozialen und kulturellen Errungenschaften, auf die wir so stolz waren.
Der Versailler Vertrag bestimmt, daß für den deutschen Kriegstribut ein Tilgungsplan aufzustellen sei, der eine Dauer von dreißig Jahren, gerechnet vom 1. Mai 1921 an, vorsieht. Bei den Pariser Sachverständigenver- handlunaen ist es vom Anfang an als eine Selbstverständlichkeit betrachtet worden, daß die Zahlungen sich über 37 Jahre erstrecken sollen, und ob diese 37 Jahre von 1921 an oder von 1924 von der Annahme des Dawesplans an laufen sollen oder gar erst vom Abschluß der Pariser Konferenz an, darüber ist im Gru.tü kein Wort verloren worden. Sieben Jahre länger Kriegstribut oder zehn Jahre länger oder fünfzehn Jahre, was macht das uns aus, wir haben's ja!
So ganz unmerklich ober sind dann an die Stelle der 37 Jahre, die wir großzügig angeboten haben, ohne dazu
London, 31 Mai. Die Mahlen im englischen Unterhaus haben das Ergebnis gebracht, das man erwartet hatte: Die Liberale Partei hak sehr schlecht abgeschnitten und ihr scharfes Auftreten im Wahlkampf hat nur den Erfolg gehabt, daß die Konservativen schwere Stimmenverluste erlitten haben. Fast durchweg ist auch in den Fällen, wo die konservativen Bewerber gewählt wurden, ein außerordentlicher Stimmenrückgang zu verzeichnen, während Mitbewerber der Arbeiterpartei ihre Stimmenzahl stark erhöhten.
Bezeichnend für die Wahlstimmung des englischen Volks ist besonders die Tatsache, daß der Außenminister von der konservativen Regierung Austen Chamberlain in seinem Wahlkreis nur mit der geringen Mehrheit von 43 Stimmen über den Arbeiterkandidaten siegte. In diesem i Wahlbezirk (Birmingham) gewann die Arbeiterpartei nicht I weniger als 4 Sitze. Der Sohn des Erstministers Stanley Baldwin, Oliver Baldwin, schlug als Arbeiterkandidak den bisherigen konservativen Abgeordneten mit einer Mehrheit von 3041 Stimmen, während der letztere bei der vorigen Wahl eine Mehrheit von 885 Stimmen erlangt hat.
Der Wahltag ist in England kein gesetzlicher Feiertag. Es wurden deshalb von morgens bis 8 oder 9 Uhr abends ohne Pause abgestimmt. Bei der neuen Wahl erschienen 20 828 890 Wähler und Wählerinnen oder rund 7 Millionen mehr als vor 5 Jahren in den Wahllisten. Das Ergebnis der Wahl wurde überall mit der größten Spannung erwartet und die Zeitungen verkündeten alle Viertelstunden die eingelaufenen Waylnachrichten durch elektrische Sichkzeichen.
Freitag mittags war der Stand der Parteien folgender: Konservative 80 Sitze (reiner Verlust 53), Arbeiterpartei 122 (reiner Gewinn 55), Liberale 15 (reiner Berlust 1), Unabhängige S-
Der Arbeiterführer MacDonald erklärte, die Wahlergebnisse seien für die Arbeiterpartei glänzend. Die Regierung habe das Vertrauen des Landes verloren. Zugleich habe die Wahl gezeigt, wie schwach die Stellung der Libe- ralen Partei bei den Wählern sei.
Das bisherige einzige kommunistische Unterhausmitglied, Saklatwala, ein Indier, ist gegen einen Bewerber der Arbeiterpartei unterlegen.
So viel bis jetzt bekannt ist, betrug die Wahlbeteiligung über 77 v. H.
lagesfpiegel
Reichskanzler Müller hat nach der „V. Z." zugesagt, die deukschnationale Interpellation sofort nach Abschluß der Pariser Verhandlungen im Reichstag zu beantworten.
Nachdem die sozialdemokratischen Reichsminister vom Parteitag zurückgekehrt waren, fand am Freitag eine Sitzung des Kabinetts stakt, in der Dr. Skresemann über die bevorstehende Ratstagung in Madrid berichtete und die Abänderung des Gesetzes über Arbeitslosenversicherung besprochen wurde.
König Georg von England ist auf Schloß Windsor aufs neue an Fieber erkrankt. An der alten Operitionswunde an der rechten Seite hat sich wieder ein Eitergeschwür gebildet. das entleert werden mußte.
Aus Paris wird gemeldet, die Sachverständigen des Verbands wollen das Zahlungsabkommen nicht unterzeichnen, bis die Deutschen sich verpflichtet hätten» an Belgien jährlich 25 Millionen Goldmark für die im Krieg ausgegebenea deutschen Marknoten zu bezahlen. — Die deutsche Abordnung hat diese unberechtigte Forderung, die zu ungeheuer- Lchen Folgerungen fuhren könnte, angesichts der riesige« Reparationslast bis jetzt abgelehnk.
Pariser Blättern ist zu entnehmen, Poincare beabsichtige» die Schuldenabkommen mit London und Washington, die seinerzeit von Laillaux und Berenger abgeschloffen wurden, durch Erlasse zu bestätigen, da auch die Regierungsparteien gegen deren Bestätigung sich ablehnend verhallen-
Der französische Arbeitsminister Loucheur erklärte auf das Drängen aus Arbeikerkreifen. das vor Kurzer Zeit angenommene Sozialversicherungsgeseh solle bestimmungsgemäß am Februar 1930, allerdings womöglich mit einigen Aende- rungen, in Kraft gesetzt werden. Die Beikragsleistung der Landwirtschaft im Gesetz erscheine z. B. zu hoch.
verpflichtet zu sein, die 58 Jahre getreten, Sie die Einheitsfront unserer Tribukgläubiger fordern Wie es scheint, hat man sich in .maßgeblichen' Kreisen auch damit abgclun- den. Nichts anderes hatte die Gegenseite erwartet, und sie war ihrer Sache so sicher, dgß sie dieser Erwartung un- bekümm-"t Ausdruck gab. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit hat man nunmehr die deutsche Leistungsfähigkeit — deren äußerste Grenze ein gewagter Optimismus vorher auf 1650 Mill. angegeben hatte — auf 2050 Millioien .gesteigert'. Und daß Deutschland schließlich 25 50 und auch mehr Millionen jährlich znlegen wird, gilt der Gegenseite auch hier als selbstverständlich.
lieber die Skärkeverhaltnisse der Parteien lagen um 3.Z0 Uhr nachmittags folgende Zahlen vor: konservative 227 Sitze, Arbeiterpartei 268, Liberale 46. Unabhängige 7 Sitze.
Neueste Nachrichten
Sozialdemokratischer Parteitag
Magdeburg, 51. Mai. Der Parteitag überwies eine Reihe von Anträgen der Reichstagsfraktion. Ein Antrag, der sozialdemokratischen Abgeordneten während ihrer Zugehörigkeit zu einem Parlament gewisse geschäftliche Tätigkeiten, wie Uebernahme von Aufsichtsraksposten usw , verbieten will, w'rd abgelehnt. Ueber die Anträge zum Konkordat ging man zur Tagesordnung über. Anträge auf Stellungnahme gegen das .Muckertum' anläßlich der Verurteilungen wegen Gotteslästerung und auf Verpflichtung von Genossen in führender Stellung, bei besonders wichtigen Entschlüssen zuvor Fraktion, Parteioorstand und Par- teiausschuß zu hören, wurden abgelehnt. Angenommen wurde ein Antrag auf Zusammenfassung und Vereinheitlichung der Krankenversicherungen.
Der Parteivorstand wurde in seiner bisherigen Zusammensetzung wiedergewählk. Von insgesamt 386 Stimmen erhielten di« beiden jetzigen Vorsitzenden Wels und Cri- spisn 306 bzw. 273 Stimmen. Der Posten des 3. Vorsitzenden wurde für den Reichskanzler Müller offengelaffen.
Das husumer Urteil "
Husum (Schleswig), 31. Mai. In dem großen Bauern» Prozeß wegen der Kundgebungen vor dem Husumer Ge- richtsgebäude vom 3. Januar wurden von den 57 Angeklagten, von denen nur 27 erschienen waren, 11 sreigesprochen, die übrigen zu je 100 RM. Geldstrafe oder eine Woche Gefängnis verurteilt. Das Verfahren gegen einen Angeklagten war abgetrennt worden. In der Urteilsbegründung heißt es, von Gefängnisstrafen sei abgesehen worden, da die Handlung nicht aus ehrloser Gesinnung erfolgt sei, vielmehr müsse die Notlage der Landwirte berücksichtigt werden.
Großer Erfolg der Arbeiterpartei in England