Yelw.
Erzählung von Th. von Ascheilberg.
(Nachdruck verboten.)
1 .
Winda war eins der zahlreiche» Dörfchen an der Nordsee, die fast nnr von armen Fijchern und zuweilen von reichen Leuten, die sich hier am Strande des Meeres Erholung suchen, bewohnt werden.
Am Ende dieses Dörfchens nun, am Fuße eines hohen Dammes, gegen den brausend die Wogen des Meeres schlugen, und weit weg von jeder andern Wohnung, stand eins jener niedlichen, weiße» Häuschen, welche außer dem Fahrzeug und den Netzen gewöhnlich die ganze Habe einer Fischcrfamilie bilden.
Dieses Häuschen war von dem alten Mathias bewohnt, dem ältesten Fischer des Dorfes, der in der ganzen Umgegend wegen seines rauhen und sonderbaren Wesens bekannt war.
Der alte Mathias hatte in diese» Tagen sein Häuschen neu Herrichten und die wenigen Zimmer desselben neu möbliren lassen und dabei fast Alles ausgcgebcn, was er seit dreißig Jahre» mühsam zusammengespart halte. Wen» ihn dann einige Vettern oder Basen über diesen übertriebenen Luxus zur Rede stellten, so antwortete er gleichmüthig:
„Ihr wißt wohl, daß man einen Engel nicht in einem Stalle einlogirt, und inein guter Engel wird in wenigen Tagen zurückkommen."
Der Engel deS alten Mathias war ein blondes, reizendes Mädchen von siebzehn Jahren, Namens Nclly. Nelly hatte bereits im achten Jahre ihre Eltern durch den Tod verloren, und ihr Großvater, vcr alte Mathias hatte ihre Erziehung übernommen, und sie spater in ein Institut nach Hamburg geschickt. Denn der alte Mathias wollte die schöne und begabte Enkelin zu etwas Besonderem erziehen. Er selbst legte sich die härtesten Entbehrungen auf, um mehrere Jahre den Pensionspreis sür Nelly zahlen zu können.
Einige Tage später kam wirklich Nelly aus der Pension nach einer dreijährigen Abwesenheit zurück. Das ganze Dorf war erstaunt Über Nclly's Schönheit, Anmuth, Bildung und Bescheidenheit, denn anstatt das vornehme Fräulein zu spielen, wie man geglaubt, war sie so zuvorkommend, sanft und freundlich gegen Jedermann, daß man gar nicht daran dachte, die seidenen Bänder ihres Hutes oder den zu großen Luxuö au ihrer sonstigen Kleidung höhnisch zu kritisieren.
Als sie ihr Großvater mit vor Freude und Stolz feuchten Augen in seine Behausung führte, sagte er:
„Nelly, dies Haus, mit Allem was darin ist, gehört Dir; ich schenke es Dir und behalte mir nur ein kleines Plätzchen für mich und meine Netze vor. Du bist unumschränkte Herrin hier; Du kannst hier ganz nach Deinem Belieben schallen und walten, vorausgesetzt, daß ich Dich immer hier oben auf dem Damme sehe, wenn ich vom Fischfang zurückkomme, uuo vorausgesetzt, daß Du mir täglich bei meinem Weggänge eine glückliche Reise wünschest; mehr verlange ich nicht. Ich will nicht, daß Du im Meere arbeitest, denn das Wasser würde Deine schönen Hände verderben, der Wind Deinen Hals röthcn und die Sonne Deine weiße Haut bräunen. So lange ich noch Kraft genug habe, meine Barke zu lenken und mein Netz auszuwerfen, soll es Dir au nichts mangeln . . . . und Gott sei Dank, ich habe noch kräftige Beine und starke Arme, und werde Dir auch wohl ein hübsches baarcs Sümmchen dereinst hintcrlassen, und dann, um — dann wirst Du wohl auch einen passenden Gatten finden, aber das hat ja noch lange Zeit."
Statt aller Antwort warf sich Nclly weinend an den Hals des guten, alten Großvaters und versprach ihm, elle seine Wünsche zu befolgen.
Wie ein herrlicher Sonnenschein erhellte und erwärmte Nelly den Lebensabend des wackeren Greises.
Neben dcni Dorfe Winda lag ein Schloßgnt, welches einem alten, ehemalige» Major von Rottmann gehörte. Major von Noitmann galt sür sehr reich, war Witiwer und bewohnte mit seine»! einzigen Sohne das alte Schloß, dessen Park bis hinab reichte an's Meer. Der Major hatte, wie man zu sagen pflegt, nicht gerade daS Pulver erfunden, doch hatte er von seinen Feldzügen einige Wunde», mehrere Orden und eine tiefe Verehrung für seinen König mitgebracht. Der Major war sonst ein Sonderling. Er lebte nur seine» militärischen Erinnerungen und spielte
seinem Sohne und seiner Dienerschaft gegenüber den unumschränkten Herrn.
Sein Sohn Ernst r ar gegenwärtig neunzehn Jahre alt, aber im Charakter und Aussei n das gerade Gegenteil von seinem Vater. Ernst war schüchtern, schweigsam und geriet bei jeder Anrede gleich in Verlegenheit.
Der alle Major hatte schon die größten Anstrengungen gemacht, um diesem „flauen Wesen" seines Sohnes, wie er sich ans- drückte, etwas Energie zu geben; allein die etwas zu martialischen Mittel, welche der Major zu diesem Zwecke anwendetc, dienten nur dazu, den jungen Man» womöglich noch scheuer zu machen.
Denn als der Major umsonst alle möglichen Ermahnungen, Schimpfwörter und selbst Strafen erschöpft hatte, ergab er sich darein, seinen Cohn als einen Dnmmkopf zu betrachten uiid sich nicht mehr mit ihm zu beschäftigen. Soldat wollte Ernst unter keine» Umständen werde», sondern Künstler oder Gelehrter, wozu wieder sein Vater seine Einwilligung versagte. Armer Junge. Warum hatte er doch seine Mutter so früh verliere» müssen? Die Mutter allein hätte ihn verstehen können l
Ernst liebte sehr die Einsamkeit; er ging alle Tage stundenlang am Strande spazieren, starrte dort stumm die Wellen, den Himmel und die Sonne an oder zählte aus lieber langer Weile die Eindrücke seiner Schuhe im Sande.
Sein Vater ließ ihm jetzt alle Freiheit, wenn er nur zur Tisch- und Schlafenszeit pünktlich war; denn als alter Militair war der Major in diesem Punkte unerbittlich streng.
Auf seinen täglichen Spaziergängen begegnete Ernst manchmal Nelly, der schönen Tochter des alten Mathias. Das junge Mädchen, welches wohl wußte, daß der junge Mann der Sohn des Schloßherrn sei, grüßte bei jeder Begegnung ihn höflich; aber der arme Ernst wagte kaum, diesen Gruß zu erwidern und rannte scheu davon.
„O, dieser junge Mensch," dachte Nelly bei sich, indem sie ihm nachsah, „sicht aus, als ob er ein Verbrechen begangen, oder recht unglücklich wäre — ja, unglücklich muß er sein, das isl's —" und ihre großen, dunklen Augen umwölkten sich— „er sieht so sanft aus, so traurig! Ich glaube gewiß, daß er mit Niemand spricht, weil er einen großen Kummer hat, den er Niemand sehen lassen will."
Eines Abends jedoch sah sich Ernst genötigt, Nelly anzu- redm. Diese hatte sich beim Spazierengehen am Meercsufer den Fuß vertrete», konnte vor Schmerz keinen einzigen Schritt gehen und hatte sich bei hercinbrechendcr llöacht weinend auf einen Sandhügel gesetzt, mit Wchmi t des guten Großvaters gedenkend , der sie heute Abend umsonst rwartcn würde.
Auf einmal war N lly etwa zwanzig Schritte seitwärts von ihrem Sitze den jungen Zchloßherrn gewahr, den sein Spaziergang in diese Gcg< nd gef:>,>rt hatte, und Nelly beschloß, den jungen Mann um Hilfe anzuge«. n.
„Herr von Rottma m," rief sic schüchtern.
„Wer ruft mich? antnortete erschrocken der junge Man.
„Ich, gnädiger Her-, Nelly, die Enkelin des alteu Mathias, die sich den Fuß vertreten hat und Sie nun bitten möchte, sie nach Hanse zu führe», da sie nicht allein gehen kann."
Ernst war in der letzten Zeit von seinem Vater zu so steter Unthätigkeit verurteilt, er war ;o sehr gewohnt, nur eine Null in seiner Umgebung zu sein, daß er sich ganz stolz fühlte, von Jemanden um einen Dienst angesprochen zu sein. Er näherte sich dem Mädchen, das bei seinem Nahen aufgestanden war und bot ihr schüchtern mit niedergeschlagenen Angen seinen Arm. Nelly, fast ebenso verwirrt als der junge Mann, wurde rot wie eine Kirsche und legte ebenfalls mit niedergeschlagenen Augen ihre schöne Hand in seinen Arm.
Vor der Hütte deS alten Mathias angekomme», zog Nelly bescheiden ihren Arm aus dem ihres edeldenkenden Begleiters und sagte mit einem tiefen Kuix:
„Herzlichen Dank, gnädiger Herr!" worauf der schüchterne junge Schloßhetr mit zur Erde gerichteten Augen grüßte und in's Schloß zurückkchrte.
Trotz des Uesen Schweigens, das auf dem ganzen Wege zwischen den beiden jungen Leute» geherrscht hatte und trotz der beiderseitigen Verwirrung, trafen sich später Nclly und Ernst, der Sohn des Schloßherrn, auf ihren täglichen Spaziergänge», zuerst nur aus Zufall.
^Fortsetzung folgt.)
Ardaktton, Druck und Verlag von Bernhard Ho >mann in Wildbav.