Rundschau.

Stuttgart, 31. Januar. Dem diesigen Tagblatt zufolge sprach der König, als er am letzten Freilag bei fein-r Ankunft in Berlin den Fürsten Bismarck nicht mehr an- traf, sein Bedauern hierüber in einem nach Friedrichsruh gerichteten Telegramm auS. Fürst Bismarck stattete auf telegraphischem Wege seinen Dank ab.

Ludwigsburg, 31. Jan. Die Genick­starre fordert in der Garnison immer noch ihre Opfer. Diese Krankheit, von der man früher hier gar nichts wußte, erscheint an­steckend; denn vorgestern sah man zwei Sol­daten den Strohsack und die Kleider eines an der Genickstarre verstorbenen Soldaten auf einem Eglosheimer Acker verbrennen.

Gerabronn, 1. Febr. In dem W-iler Hessenau, Gemeinde! ezirks Ruppertshofen, ist ein noch nicht schulpflichtig-» Mädchen beim Schleifen auf einem Weiher mit dem Eis eingebrochen und ertrunken.

Flkudenstadt, 1. Febr. Ein seit kurzem hier angkstellter verheirateter Eisenbahnfchaff- ner wurde verhaft-t, weil er an einem Han­delsmann eine bereits benützte Fahrkarte zur Rückreise nach Stuttgart veräußerte, was vom Fahrpersonal jedoch entdeckt wurde. Seit gestern haben wir teilweise mit Regen ver­bundenen Schneesall. Der allgemeine Wunsch ist, daß solcher anhält, um eine Schlitten­bahn zu erhalten, da Fuhrwerke wegen des stellenweise vorhandenen Glatteises nur sehr schwer verkehren können.

Ein Dampfkessel, der mit Nüssen geheizt wird, war dieser Tage in Frankfurt a. M. im »Goldnen Pfau" zu sehen. Das seltene Heizmaterial bestand in 15 Zentnern Nüssen, die von der Gesundheitöpolizei als verdorben in den Kellern der Markthalle beschlagnahmt worden waren.

Friedrichsruh , 31. Jan. Dem Fürsten Bitmarck wurde heule mittag durch den Flügeladjudanten des Kaisers, Major Grafen v. Moltke, der neue graue Mantel üder- bracht. Der Fürst trug den Mantel heute bei seiner Ausfahrt.

Berlin, 1. Febr. Ahlwardt wird am 3. März au» seiner fünfmonatlichen Haft entlassen werden. Die Antisemiten Berlins wollen eine Ovation darbringen »nd Ahl­wardt vom GesängniS abholen Abends wird Ahlwardt in einer Versammlung sprechen.

29,WO -/A in Wertpapieren und eine größere Summe in bar und Banknoten soll bei einer Leiche vorgefunden worden sein, welche, wie au« Berlin berichtet wird, am Dienstag mittag in die Spree treibend ent­deckt und an der Kirchstraßenbrücke gelandet wurde. Der Tote, ein elegant gekleideter Mann, welcher eine goldene Uhr und wert­volle Ringe an den Fingern trug, muß min­desten» schon zwei Monate im Wasser ge­legen haben; der Verwesungsprozeß war be­reit» sehr weit vorgeschritten. Bei der Leiche Vorgefundene Ausweispapiere deuten darauf hin, daß er ein Bewohner der Stadt Char­lottenburg war, der an der Berliner Börse Geschäfte betrieb. Es erscheint auffällig, daß man von dem Verschwinden eines so wohl­habenden ManneS bisher nicht» vernommen hat.

In Deggeniwrf ist der 74jährige Privatier und ehemaliger Konditor Rehfuß in seiner Wohnung durch Erdrosselung er­mordet worden. Uhr und Kette nebst der Geldbörse mit 5 Inhalt wurden geraubt

und fast sämtliche Behältnisse dnrchwühlt; nur eine schwer zu öffnende Schublade war unberührt geblieben und gerade diese enthielt das Barvermögen, bestehend in 14,000 -/A Wertpapieren und 180 ^ in Gold. Der Thal verdächtig ist ein Handwerksbursche aus Pafsau.

- (Gymnasiallehrer und Wilddieb!) Ein hannoversche» Blatt schreibt:Eine Jagd auf Leben und Tod" entspann sich Dienstag Abend zwischen dem Gymnasiallehrer F-, ein^m Schutzmanne und mehreren Civilper- senen. Genannter Gymnasiallehrer hatte in Hemmingen Wilddiebereien begangen und bei einer solchen Gelegenheit auf den Förster mehrere Schüsse abgegeben, ohne jedoch zu treffen. Um sich in Sicherheit zu bringen, war der Wilddieb nach Hannover entflohen. Der Besitzer der Jagd in Hemmingen hatte nun an die Polizeidirektion in Hannover das Ersuchen gestellt, den Flüchtling festzu- nehrmn. Den festnehmenden Beamten war eine Belohnung von 100 ^ ausgesetzt. Zwei unserer Schutzleute ermittelten bald, daß der Flüchtling in der Helmerdingschen Gastwirtschaft an der Osterstraße logiere. Am Dienstag Abend erfolgte nun durch einen dritten Polizeibeamten die Festnahme des Wilddiebes. Letzterer, eine Hüne von Ge­stalt und Kraft, ging bis nach der Schloß- wache, dann schleuderte er mit wuchtigem Hiebe den Schutzmann und die ihm im Wege stehenden Civilpersonen zur Seite und jagte der Masch zu, dicht gefolgt von dem Beamten und einem leichtfüßigen Hausknecht. In der Nähe von Bella-Vista stürzte sich der Haus­knecht auf den Flüchtling, riß ihn zu Boden, daß die Kämpfenden, sowie der bald hinzu- g-kommene Schutzmann einen unbeschreib­lichen Anblick boien. Nach schwerem Ringen gelang es, den Rasenden zu überwältigen und ihn jetzt allerdings sicher geknebelt nach dem Gefängnisse zu bringen."

Dortmund. 27. Jan. Der aus Marien­burg stammende Arbeiter Blcnski befand sich im vergangenen Sommer in Geldverlegen­heit, aus der er sich in folgender Weise be­freite: Er ging znm Standesamt und mel­dete den Tod seiner Frau an, die aber noch munter lebte. Die Slerbeurkunde sandte er nach Marienburg an die dortige Arbeiter- Sterbegasse, deren Mitglied er war. Die Kasse zahlte ihm da» satzungsmäßiq Sterbe­geld von 150 ^ au». Jetzt hatte BlenSki Geld, aber die Sache wurde bald bekannt. Da» Schwurgericht verurteilte jetzt den Mann wegen Urkundenfälschung und Betrug» z» neun Monaten Gefängnis.

Hirzfelden, 29. Jan. In unseren Ge- meindewaldungen leben etwa 3000 wilde Kaninchen. Da der Jagdpächter s-iner Ver­pflichtung, dieselben zu vertilgen, nicht nach­gekommen ist, hat der Bezirkkpräsident deren Vertilgung mit allen möglichen Mitteln an- empfohlen.

Paris, 25. Jan. Ein Opfer seiner eigenen Grundsätze ist gestern der Anarchist Sebastian Faure in Marseille geworden, dem auf dem Bahnhofe seine Brieftasche mit 1200 Franken von einem Taschendiebe gestohlen wurde. Erst machte er Lärm, als ihn aber der Lahnhofsvorstand zur Feststellung des ThatbestandeS aufforderte, erklärte der An­archist stolz:Meine Grundsätze erlauben mir nicht, einen Menschen zu verfolgen, der daS Eigentumsrecht nicht anerkennt."

AuS Budapest wird über einen ent­

setzlichen UnglückSfall berichtet, der sich in der gräflichen Familie Zichy in Enyiczke er­eignete. Graf Jakob Zichy kam vor einigen Tagen zu Besuch nach Enyiczke und spielte in Gegenwart der Komtess n Klara und Martha Zichy im Salon mit einem großen Neufundländer Hund. Plötzlich sprang der Hund auf den Grafen und zerfleischte ihm beide Hände. Sodann warf sich das wütende Tier auf die beiden Komtessen und ver­wundete sie gleichfalls. Noch im Salon wurde der Hund niedergeschossen, welcher, wie die Sektion des Kadavers ergab, wut­krank war. Die Wunden ver auf so furcht­bare Weise Verletzten wurden ausgebrannt, und Graf Jakob Zichy begab sich noch an demselben Tage mit den beiden Komtessen nach Paris zu Professor Pasteur.

Dem Standard zufolge hegt man in China Besorgnis wegen der großen Ueber- schwem mungen der Flüsse Peiho und Tung. Peking selbst sei dadurch gefährdet. Die chinesische Regierung wolle die besten euro­päischen Ingenieure engagieren, um weitere Verheerungen zu verhüten, koste eS, was es wolle.

Nach weiteren Berichten über das Erdbeben in Persien wurde die Stadt Roschau gänzlich zerstört. 12,000 (?) Einwohner wur­den gelötet; bisher sollen über 10,000 Leichen geborgen sein.

Sofia, 31. Jan. Infolge der Geburt eines Thronfolgers ist heute nationaler Feier­tag. Der Jubel ist im ganzen Lande über­schwenglich. Zu großen Freudenausbrüchen kam e« gestern vor dem Schloß, als die Fürstin-Mutter auf dem Balkon erschien und der Menge den Neugeborenen zeigte.

Der Roman der Blumenverkiiuserin. Im vorigen Herbst, so erzählt ein Berliner Blatt, kam ein stellen-und obdachloser Kauf­mann in ein Biumengeschäfl der Luifenstadt und bat um ein Almosen. Die jugendliche Verkäuferin erklärte seufzend, ihm nichlk ver­abreichen zu können, da sie selbst nur 15 Mark Monatsgehalt bezöge und zu dem Zwecke kein Geld aus der Ladenkasse ent­nehmen dürfe. Ganz ohne Gabe ließ sie aber den Hilfsbedürftigen nicht Weggehen, sie teilte ihr FrühstückSbrod mit ihm. Kurz vor Weihnachten erhielt die mildthätige Dame einen formellen Heiratsantrag, und zwar von Demjenigen, der ihr einst unter traurigen Ver­hältnissen gegenüberstand. Der Kaufmann, welcher auS wohlhabender Familie stammt, halte inzwischen eine auskömmliche Stellung als Buchhalter in einer hiesigen Fabrik ge­funden und sehnte sich jetzt nach einem eig­enen Heim. DaS Bild der Verkäuferin war aus feinem Herzen nicht geschwunden, die Zierpuppen, mit denen er früher Bekannt­schaft geschloffen und die sich in seiner Not gleichgillig von ihm abgewandt hatten, ließen ihn kalt. Die Blumenfee gab erst einen ausweichenden Bescheid, sie bat um Bedenk­zeit ; nach Ablauf dieser reichte sie aber dem Freier die Hand zum Bunde für das Leben und alle Anzeichen sprechen dafür, daß sie es nicht zu bereuen haben wird.

(Gebirgsdeutsch ) (Fremder zum Hirtenknaben):Junge, gieb hier Obacht I Wenn Du eine Gesellschaft von Damen den Berg heranfkommen stehst, so sagst du mir's gleich; ich bin im Wirtshaus." Bub, (nach einer Weile in das Wirtshaus herein- springend) :Jiaza kimmens sieben Mann, lauter Weibsbilder."