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Umstände mit, welche sich aus eine ge- wisse Periode meines Lebens bezogen. Ich glaube, ich habe ihn damals ersucht, dieselben nicht weiter zu erzählen, was er aber in Abrede zieht.

Gewiß ist, daß er dieselben einem andern Freunde mitgeteilt hat, und noch dazu mit Ausschmückungen, wie ich fürchte. Was dadurch Zuletzt aus der einfachen Wahrheit geworden ist, werde ich wohl nie erfahren; genug, seit ich so schwach gewesen, meine Privatang.-legenheiten einem dritten anznvertrau.'n, werde ich von meinen Nachbarn alsein Mann mit einer Geschichte" angesehen als einer, welcher einen Roman erlebt, den er unter einem äußerlich ganz prosaischen Leben zu verbergen sucht.

Um meiner selbst willen läge mir übrigens nichts hieran. Ich würde ein­fach lachen über die Verquickungen und Entstellungen, welche meine Geschichte dadurch erfahren hat, daß ich so unvor­sichtig gewesen, dieselbe preiszugebcn. Was würde es mich kümmern, daß der eine glaubt, ich sei einst ein Kommunist und Mitglied e ner geheimen Gesellschaft gewesen, daß ein anderer gehört hat, ich sei einmal eines Verbrechens wegen in Anklagezustand versetzt worden, daß ein dritter weiß, ich sei eine Zeitlang Katho­lik gewesen, dem zuliebe ein besonderes Wunder vollbracht wurde? Stände ich allein im Leben und wäre ich jung, so würde ich wahrlich keine Schritte tun, um diesem müßigen Geschwätze ein Ende zu machen, denn die Jugend fühlt sich meist geschmeichelt, wenn sie der Gegen­stand der Neugierde anderer ist.

Aber ich bin kein Jüngling mehr und ich stehe nicht allein. Es gibt jemanden, der mir teurer ist als mein Leben, ein Wesen, aus dessen Herzen glücklicherweise jeder Schatten des Vergangenen zu schwinden beginnt, ein Wesen, welches sein süßes und wahrhaftiges Dasein ohne Geheimnis und ohne Maske zu ver­bringen begehrt und welches weder für besser noch für schlechter gehalten werden will, als es wirklich ist.

Dieses Wesen, sie ist es, welche jene seltsamen und albernen Märchen über unsere Vergangenheit unerträglich findet .und sich über die stets wiederkehrenden Fragen neugieriger Freunde ärgert; und um ihretwillen blättere ich jetzt alte Tagebücher durch, rufe mir frohe und trübe Erinnerungen zurück und erzähle jedem, der es lesen will, alles, was den Leuten über unser Leben zu wissen er­wünscht sein kann. Nachdem dies ge­schehen sein wird, werden meine Lippen über die Sache stumm bleiben für immer. . Hier ist meine Geschichte! Wer neugie- rig ist, möge die Antwort auf seine Fra- gen in derselben suchen, nicht bei mir.

Vielleicht schreibe ich alles dies auch um meiner selbst willen, denn ich Haffe ebenfalls jede Heimlichkeit. Der Umstand, daß ich einst nicht imstande war, ein ge­wisses Geheimnis zu ergründen, mag mich mit Abneigung erfüllt haben gegen olles, was sich nicht leicht erklären läßt.

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Um aozufangen, muß ich um gar manches Jahr zurückgrcisen ich könnte genau angeben wie viele bis auf den Tag und die Stunde. Ich war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. Ich war reich, da ich mit einer Majoren-

nität in den Besitz eines jährlichen Ein­kommens von vierzigtausend Mk. gekom­men war; dasselbe bestand aus den Zinsen eines sicher angelegten Kapitals, so daß ich nicht fürchten mußte, es werde sich jemals vermindern oder versiegen.

Obwohl ich nun seit meinem fünf­undzwanzigsten Jahre mein eigener Herr war, hatte ich doch weder törichte Passio­nen, die mich herabgebracht, noch Schul­den, die mich geniert hätten. Körperliche Schmerzen waren mir fremd und dennoch wälzte ich mich oft schlaflos auf meinem Lager und gestand mir, daß das Leben, welches vor mir lag, nur Qual und Pein sein werde. Hatte mir der Tod ein geliebtes Wesen geraubt? Nein. Die einzigen, die ich jemals geliebt, meine Eltern, waren längst tot. Hatte ich eine unglückliche Liebe im Herzen? Auch nicht. Niemals noch hatte mein Blick liebend in ein Frauenauge geschaut, und sollte es auch niemals. Weder der Tod noch die Liebe waren es, welche mein Leben zu einem elenden machten; war ich doch jung, reich und frei wie der Wind, zu tun was mir beliebte. Ich konnte England in der nächsten Stunde schon verlassen und die schönsten Punkte der Erde be­suchen: alle jene Plätze, welche rch, wie ich wußte, niemals sehen sollte. O na­menlose Qual, welche mir dieser Gedanke verursachte!"

Meine Glieder waren stark und ich konnte Ermüdung und Anstrengung er­tragen, konnte es mit den besten Fuß­gängern und mit den schnellsten Läufern aufnehmen. Die Jagd, der Sport und Kraftproben aller Art waren mir nie zu a. strengend gewesen. Ich faßte meinen! rechten Arm mit meiner linken Hand und fühlte meine Muskeln so stark wie immer. Und dennoch war ich so hilflos wre Sim- son in der Gefangenschaft.

Denn ebenso wie Simson war ich blind!

Blind! Wer anders als ein Blinder kann auch nur entfernt die Bedeutung dieses Wortes ermessen? Wer, der dies liest, vermag die Tiefe meiner Verzweif­lung zu begreifen, wenn ich mich auf meinem Lager wälzte und an das lange Leben im Dunkel dachte, welches vielleicht noch vor mir lag ein Gedanke, der mich beim Einschlafen wünschen ließ, daß ich nimmer wieder erwachen möchte?

Blind! Seit Jahren schon Hane der Dämon der Dunkelheit um mich herum­gelauert, bis er endlich seine Hand auf mich gelegt. Nachdem er mich eine Weile fast in Sicherheit gewiegt, überkam er mich, breitete seine Schwingen über mich und zerstörte mein Leben. Schöne For­men, süße Bilder, glänzende Farben, heitere Scenen alles das gab es iür mich nicht mehr. Er raubte mir dies alles und ließ mir nichts zurück als Finsternis, Finsternis, ewige Finsternis. Oh, wie viel besser wäre es, zu sterben und vielleicht in einer neuen, lichtvollen Welt zu erwachen.Besser," rief ich in Verzweiflung,besser selbst der trübe Anblick des rotglühenden Hildes, als die Finsternis der Erde!" Dieser letzte schauerliche Gedanke möge zeigen, wie sehr mein Gemüt verdüstert war.

In der Tat, ich hatte alle Hoffnung aufgegeben. Jahrelang hatte ich die lauernde Nähe meines Feindes gefühlt, und oft, wenn ich etwas Schönes sah, das ich hätte voll genießen, an dem ich

mich hätte erfreuen können, rief mir ein Etwas zu:Es kommt der Tag, wo ich dich abermals treffen werde, und dann ist alles aus." Ich versuchte es, über meine Angst zu lachen, und konnte die­selbe doch nie ganz los werden. Mein Feind hatte mich schon einmal getroffen, weshalb sollte er es nicht abermals?

Ich erinnere mich noch gut seines ersten Angriffs. Ich erinnere mich an einen leichtherzigen Schulknaben, welcher, ganz in Spiel und Studien vertieft, gar nicht merkte, wie seltsam trübe der Blick seines einen Auges wurde und wre eigenartig sich dasselbe veränderte. Ich erinnere mich, daß der Vater'des Knaben ihn nach London führte in ein großes unheimliches Haus in einer stillen, un­heimlichen Gasse. Da warteten wir mit noch andern in einem Zimmer; die meisten derselben hatten Schirme oder Binden über den Augen. Es war ein beängsti­gender Anblrck und ich war froh, als man uns in ein anderes Zimmer führte, wo ein freundlicher Herr saß, welchen mein Vater Mr. Iah nannte. Dieser ausgezeichnete Arzt machte zuerst eine Einspritzung von, wie ich jetzt weiß, Belladonna in meine Augen, was für eine kleine Weile mein Sehvermögen wunderbar verstärkte, und untersuchte dann die Augen mittels scharfer Linsen und Spiegel ich erinnere mich, daß ich damals wünschte, einige dieser Linsen wären mein. Was für prächtige Brenn­gläser würden dieselben abgegeben haben.

(Fortsetzung folgt.)

Telegramme derWildbader Chronik."

Berlin, 7. Febr. Amtliche Depesche aus Swakopmund vom 6. Febr.: Die Kompagnie des Hauptmanns Franke (mit Leutnant Frhr. v. Wöllwarth-Lauter- burg) drang nach heftigem Kampf in Omaruru ein. Der Feind hat große Verluste. Die Deutschen hatten 6 Tote, 11 Verwundete, 7 werden ver­mißt. Der Feind schließt jetzt Omaruru ein. Morgen marschieren das Habicht­korps und das Ersatzkorps Winkler nach Omaruru ab. Die Bahn ist bis Wind­huk wieder befahrbar.

Petersburg, 7. Febr. Eine vom Regierungsboten veröffentlichte Zirkular­depesche an die russischen Vertreter im Ausland besagt: Der japanische Gesandte übergab eine Note, welche die russische Regierung von der Entschei düng Ja­pans in Kenntnis setzt, es feien wei­tere Verhandlungen ein zu st eilen, der Gesandte und das ganze Ge­sandtschaftspersonal seien aus Peters­burg ab zu berufen. Infolgedessen befahl der Kaiser von Rußland, daß der russische Gesandte Tokio mit dem Gesandtschastspersonal unverzüglich ver­lasse. Der japanischen Regierung wird durch diese Handlungsweise die ganze Verantwortung für die Folgen auferlegt. Die diplomatischen Beziehun­gen sind damit abgebrochen und der Kriegszustand zwischen Japan und Rußland ist eingetreten, wenn auch eine formelle Kriegserklärung noch nicht vor­liegt.

Gemeinnütziges.

Bindfaden wird unzerreißbar, wenn man ihn in einer Alaunlösung eine zeitlang liegen läßt; nach dem Trocknen ist er stärker als die beste Hansschnur