Ferasprecher Nr 11.

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Srgrüsdet 1877

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. Sonntags-Anzeiger und Fannlien-Zeitung für die Bewohner des SchwarzwaLdes. >

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97 .

Ausgabeort Altrusteig-Stadt.

Sonntag, den 86. April

Amtsblatt für Pfalzgrafenweiler.

1908 .

Zeitgemäße Sonntags-Plauderei.

H Es gibt Menschen, die sozusagen ihr Herz auf der Dunge tragen, und andere, von denen man sagt, sie sind .zugeknöpft" bis oben hin. Sowohl die einen wie die nderen haben in dieser Beziehung den goldenen Mittelweg verfehlt. Denn ein Zuviel, sei es des Redens oder Schweigens, chaftet ihnen beiden entschieden an. Welches vorzuziehen, welches zu verwerfen, ist schwer zu entscheiden. Es heißt ^gvar:Reden ist Silber, Schweigen ist Gold"; trotzdem müßten, um recht zu richten, immer noch die besonderen Verhältnisse für jeden einzelnen Fall in Betracht gezogen werden. Ein Wort zu rechter Zeit war gar oft schon eine Erlösung.

Einem Charakter auf sonniger, vertrauensvoller Grund­ige wird das erstere, einen: tiefernsten reflektierenden das letztere gewiß näher liegen. Und beide haben von ihrem Standpunkte aus recht. Fragen wir jedoch nach dem Natürlicheren, so wird entschieden der Offenheit vor der Verschlossenheit dieser Vorzug zuerkannt werden müssen. Denn das Natürliche im erhabensten Sinne soll stets und iberall uns Vorbild sein. Eine gewisse, vertrauende Offen­heit liegt wohl auch mehr oder weniger in jedem Menschen, M> lange nicht in der Jugend falsche Erziehung oder Be­einflussung, im späteren Leben trübe Erfahrungen und Ver­hältnisse das Gegenteil hervorrriefen.

U Sehen wir uns ein Kind an wie unschuldsvoll und .glückselig ist es in seiner unbegrenzten Offenheit, in seinem hrnbedingten Vertrauen zu jedermann. Wie versteht es auch, /-obgleich zwar noch unbewußt, seine kleinen Freuden und ^Leiden zu verdoppeln resp. zu mildern, indem es beides "schnell der lieben Mutter anvertraut. Eine wahre Bergeslast, ^>ie fast das kleine Herzchen zu erdrücken schien, ist dadurch gleich abgewälzt, und frei atmet wieder die kleine Brust. Und welch einen hohen Wert sür Erziehung und Charakter­bildung der Kinder gerade Offenheit derselben einschließt, Iwerden alle diejenigen doppelt empfinden, denen unter anderen Rauch verschlossene, scheue oder gar mürrische Kinder zur Er- Mziehung übergeben wurden. Sie sind ein Buch mit sieben I Siegeln, dessen Inhalt inan jedoch, um Einfluß gewinnen ff zu können, unbedingt kennen muß. Viel Liebe und Geduld erfordert dann solch eine Aufgabe.

Daß also Verschlossenheit in gewissem Sinne wenigstens bei Kindern ein Defekt, sollte jedem einleuchten und sonnt auch die Notwendigkeit, diesen in frühester Jugend schon tunlichst zu beseitigen, damit für das spätere ganze Leben dieser Charakterzug nicht etwa sich ausbildet und so dem armen Menschenherzen Qual und Pein bereitet. Wie wohltuend ja, geradezu entlastend hat wohl schon jeder unter uns eine Aussprache empfunden.Gott sei Dank, nun ist's vom Herzen herunter!" so lautet dann der sich losringende Seufzer. Deshalb sollte jeder, trotz manch bitterer Erfahrung vielleicht, einen gewissen Grad von Offenheit sich zu bewahren suchen. Wie ; angenehm-sympathisch berührt unter allen Verhältnissen ein vorurteilslos-offenes Entgegen­kommen, wie bedrückend und fast atemraubend dagegen oft auffallende Verschlossenheit! Besser schon ein bischen Ver­trauen von vornherein, das auch wieder Vertrauen erweckt und nicht selten dann von Herz zu Herzen eine feste Brücke schlägt.

Damit soll jedoch einer Offenheit, die schon mehr Schwatzhaftigkeit genannt werden müßte, durchaus nicht das Wort geredet werden. Auch die Tugend vertrauender Offen­heit muß ihre Grenzen haben, sowohl in bezug auf die­jenigen Personen, denen wir sie entgegenbringen, als auch aus Umfang, Zeit und Ort. Jedem bei nur oberflächlicher Bekanntschaft sein ganzes Herz auszuschütten, ohne Aufhören vom lieben Ich zu sprechen, während des anderen Gedanken von ihm viel Wichtigerem in Anspruch genommen, wäre

Der Samariter.

Ist noch ein Rest von Lieb' in dir,

O geize nicht und gib ihn her,

Die reiche menschenvolle Welt Ist ja an Liebe gar so leer.

Auf Märkten biete sie nicht seil,

Auch zu Palästen trag sie nicht,

Doch tritt dereinst an deinen Weg Ein still verhärmtes Angesicht,

Dann sprich:Bedarfst du wohl des Oels? Zeig deine Wunde, hier mein Krug,

Und in der Herberg pfleg' ich dein,

Wenn diese Gabe nicht genug!"

Ob Dank, ob Undank dir vergilt,

Du ziehest stillen Danks davon;

Daß du ein innres Wort erfüllt,

Sei deinem Herzen schönster Lohn.

Und was dir noch im Kruge blieb Von Liebe, senk' es nicht ins Meer:

Die reiche, menschenvolle Welt Ist ja an Liebe gar so leer.

Georg Scheuerlin.

zum mindesten leichtsinnig und anmaßend. Ebenso ist es sehr taktlos und unpassend, im Eisenbahnabteil das Woher und Wohin, Hoffnungen und Pläne oder gleich eine ganze Lebensgeschichte zum besten zu geben; noch schlimmer, ja unverantwortlich sei es, wo es sei Anvertrautes, anderer Menschen Angelegenheiten oder Geheimnisse solch einerominösen" Offenheit zum Opfer fallen zu lassen.

Noch weniger darf Offenheit zum Deckmantel unedler Gesinnungen herabgewürdigt werden, unter welchem man anderen frei und ungeniert Unangenehmes odermal ordent­lich die Wahrheit" glaubt sagen zu können. Solch ein Be­nehmen wäre aller sympathischen Offenheit ein Schlag ins Gesicht und würde nicht nur auf Mangel an Bildung und Herzensgüte, sondern auf direkte Grobheit des Betreffenden schließen lassen. Dieser entstellende Schandfleck sollte ihr nie zugefügt, sondern Offenheit von jedem nur in edlem Sinne geübt werden, um dadurch sowohl eigenem Interesse zu dienen, als auch den Mitmenschen ein gewisses, vorurteils­freies Zutrauen zu beweisen. Unter allen Verhältnissen wird dieses stets eher Herzen gewinnen als zurückstoßen.

Lebens-Kapital.

(Nachdruck verboten.)

Wohl dem, der es soweit gebracht hat, daß er über ein baares Kapital verfügt, dessen Zinsen ihn für die Zeit seines Lebens gegen drückende Schicksale schützen! Aber es gibt auch andere Lebens-Kapitalien, mittels deren dank

unserer umfangreichen sozialpolitischen Gesetzgebung, sich un­gefähr dieselben Resultate erreichen lassen, und dieses Lebens- Kapital heißt Kenntnisse. Ob es nun geistige Kenntnisse für Kopfarbeit, praktische für Handfertigkeit, oder aber theoretische nnd praktische für Kopf und Hand sind, das kommt auf die einzelnen Personen und Verhältnisse an. Von der größten» Wichtigkeit ist, daß überhaupt Kenntnisse vorhanden sind die sich in Geld umsetzen lassen, so daß die Abhängigkeit, vom tückischen Zufall, dem Schlimmsten, was sich für den Erwerb denken läßt, vermieden wird. Und diese Notwendig­keit des Vorhandenseins von Kenntnissen gilt für beide Ge­schlechter, denn beiden ist der Lebensweg nicht immer leicht geebnet, und wir finden nur zu oft, daß sich Diodeberufen, um diesen Ausdruck zu wählen, eine Menge männlicher und weiblicher Aspiranten zuwenden, während andere kaum Nach­frage finden. In solchen Fällen ist es dann eben mit dem Umsetzen der erworbenen Kenntnisse in klingendes Geld trübe bestellt, aber wir Menschen haben doch Augen und Ohren, um zu sehen und zu hören, wie die Dinge liegen, und wenn es gilt. Wissen für einen Beruf zu erwerben, so ist ein solcher zum mindesten nicht in erster Reihe ins Auge zu fassen, bei dem es stark auf Glück ankommr. Und Glück kann wieder sehr leicht Geschwisterkind von dem lähmenden Zufall sein, der nicht vorwärts kommen läßt, sondern aus­hält. Das sind Alles unumstößliche Wahrheiten, aber daß sie beherzigt werden in dem Maße, in welchem es wünschens­wert ist, kann man leider nicht sagen.

Vielfach sind schon Verzeichnisse der Berufe veröffent­licht, welche von denjenigen jungen Leuten erwählt sind, die die Schule jetzt verlassen resp. sich darüber entschieden haben, sie zur Erlangung der Befähigung für eine bestimmte Laufbahn weiter zu besuchen. Die Tatsachen, welche sich in den früheren Jahren bei dieser Gelegenheit zeigten, keinen heute verstärkt wieder. Der Andrang zur Laufbahn in den akademischen Berufen, zum Beamten und Kaufmann ist groß, und ein Pendant dazu bildet der Uebergang der Knaben aus den breiten Volksklassen zur schnell bezahlten Arbeit. Bei den Letzteren wird, das ist sehr bedauerlich, auf die Erwerbung eines Lebens-Kapitals an Kenntnissen immer weniger Gewicht gelegt, während doch die wirtschaft­lichen und sozialen Verhältnisse dringend dazu raten, sich eine breitere Grundlage für die praktische Ausbildung zu­sichern. Gewiß gebrauchen wir Fabrik-Arbeiter, aber Streiks und ungünstige Konjunkturen lassen doch dringend ratsam erscheinen, das Uebermaß dieses Andranges zu mindern, statt es zu steigern. Daß in akademischen, Beamten- und Kaufmanns-Berufen sür minder begabte Kräfte die Chancen oft nicht die besten und, ist bekannt, und namentlich ist die Anschauung unrichtig, ein guter, aber sonst nicht hervorragend gescheiter Junge brauche nur Beamter zu werden, um angenehm durch's Leben zu kommen. Alle Kreise müssen die Augen öffnen, um nicht ihren Kindern an sich schätzenswerte Kenntnisse für's Leben zu übermitteln, die heute zum Ballast werden können, sich jedenfalls weniger leicht in baares Geld umsetzen lassen. Enttäuschungen müssen dann kommen, wenn sachverständige Ratschläge unbe­achtet bleiben oder überhaupt nicht ausgesucht werden.

Beim weiblichen Geschlecht gibt der Umstand vor Allem zu denken, daß die Zahl der jungen Mädchen, die Neigung haben, sich der Erlernung des Haushalts zu widmen und eine Stellung als Hausgehilfin zu übernehmen, vielfach auf ein Minimum zusammenschmilzt. Besonders in industriellen Gegenden ist die Verhältnisziffer oft ganz verschwindend ge­worden. Eine Fabrikarbeiterin sollte wenigstens die fundamen­talsten Kenntnisse der Hauswirtschaft in sich aufnehmen, sonst kann auch der hohe Lohn ihres späteren Mannes nicht helfen. Sie hat die Erwerbung eines Lebenskapiials verpaßt.