Die deutsche Kriegerzeitung „Parole" weilt darauf hin, daß am 2. September die Sozialdemokraten in Brandenburg eine „Anti-Sedanfeier" als Verwahrung gegen die offizielle Sedanfeier abhielten, und daß die sozialdemokratische Zeitschrift „Vorwärts" in ihrem Bericht hierüber sich zu der Aeußerung verflieg, aus der Sedanfeier der Nattonalgefknnten spreche ein „Mordspatriotismus"; denn der Feldzug von 1870/71 habe vielen Menschen das Leben gekostet. Die „Parole" ruft ein „Pfui!" über den elenden Kerl, der das geschrieben, und beklagt, daß so etwas gedruckt werden dürfe. Es ist dies aber nicht zu beklagen, denn es wird dadurch mancher National gesinnte, der noch an die Versicherungen der Sozialdemokraten glaubt, sie besäßen eoenso viel Vaterlandsliebe wie die Angehörigen jeder anderen Partei, eines Besseren belehit.
* Hamburg, 22. Sept. Die Beschwerde der Hallenser Assistenzärzte, der Senat habe ihnen Mk. 3.30 täglich als Honorar angeboten, weist die Krankenhausdirektion als unbegründet zurück. Die Verwaltung habe diesen Studierenden das übliche Honorar der Assistenzärzte, 100 Mk. monatlich, nebst freier Station und Beköstigung ausgesetzt gehabt, obgleich damals ärztliche Aushilfe nicht mehr erforderlich gewesen sei.
* (Amtlicher Cholerabericht.) Am 22. September wurden gemeldet: in Hamburg .199 Erkrankungen, 69 Todesfälle; Transporte 114 Kranke und 21 Leichen; in Altona 12 Erkrankungen, 6 Todesfälle; in Magdeburg 2 Erkrankungen, 1 Todesfall; in Berlin am 19. 1 Erkrankung, am 20. 7 Erkrankungen, 2 Todesfälle, am 21. 2 Erkrankungen, 1 Todesfall, am 22. 2 Todesfälle.
* Hamburg, 24. Septbr. Die Cholera nimmt stetig ab.
* „Die Rechnung ohne den Wirt" machten kürzlich zwei „choleraverdächtige" Reisende, die von Hamburg über Osnabrück nach Münster fuhren. Als sie in Osnabrück von den Schaffnern erfuhren, daß sie auch in Münster in den Desinfek tonsapparat marschieren müßten, falls sie sich dort aufhalten wollten, beschlossen sie, der Münsteraner „Empfangskommisston" einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen. Zu diesem Zwecke stiegen die beiden möglichst unauffällig schon in der kurz vor Münster liegenden Haltestelle Mühle, einem beliebten Ausflugsort der Münsteraner, aus, und erkundigten sich angelegentlichst bei dem Haltestellenvorsteher nach dem bequemsten Weg nach Münster. Als der Zug in Münster anlangte und die erwarteten Hamburger nicht darin vorgefunden wurden, erinnerten sich die Schaffner, daß unter anderen auch zwei Herren in Mühle ausgestiegen waren. Sofort wurden per Draht eingehende Erkundigungen bei dem Haltestellenvorsteher eingezogen und dieser beschrieb das Aeußere derselben, sowie den Weg, den er ihnen gewiesen. Kurze Zeit darauf standen Poltzeibeamte am Eingänge jener
Gasse, durch welche die Fremden kommen mußten. Nach einer halben Stunde langten dieselben an und entgingen nun nicht den leidigen Schutzmaßregeln.
* Bremerhaven, 23. Sept. Der gestern nachmittag von Bremen zurückkehrende Lloyddampfer Hannover geriet gegen 6 Uhr infolge ungünstiger Flutverhältnisse in der Nähe von Elsfleth auf den Grund, kam aber nachts durch eigene Kraft frei und traf gegen 6'/^ Uhr morgens wieder in Bremerhaven ein. Die Hannover war der erste große Dampfer, der nach der Korrektion der Unterweser bis nach Bremen gefahren ist.
Ausländisches.
* Budapest, 23. Sept. In Mako wurde das Gerücht verbreitet, daß für die jüdischen Feiertage ein Christenknabe von einer' alten Jüdin umgebracht worden sei. Obgleich der Knabe bereits unversehrt gefunden wurde, mußten dennoch die Behörden einschreiten, um eine Ruhestörung zu verhindern.
* Cremona, 23. Sept. Der Arbeitsminister Genala besprach auf einem Wählerbankett die wirtschaftliche Lage Italiens. Die Krise des Landes sei die Wirkung einer allgemein austretenden Krise, für Italien verschärft durch die vier Milliarden des Bautenetats. Die Erhöhung des Militäretats sei nicht die Folge der Trippelallianz, sondern die Wirkung der allgemeinen Verhältnisse in Europa; die Schweiz rüste mehr als Italien. Die größte Sparsamkeit sei erforderlich, ohne doch das Vaterland verteidigungslos zu machen. Zur Regelung der Finanzlage seien organische Reformen und De- centralisation erforderlich. Das Kabinet werde das Ziel mit Energie verfolgen.
* Am Donnerstag beging Frankreich die Hundertjahrfeier der Verkündigung seiner ersten Republik mit allerhand Gepränge, Festzügen und Lustbarkeiten. Der offizielle Festakt fand im Pantheon zu Paris statt; die fremden Botschafter und Gesandten hatten keine Einladungen erhalten.
* Der revolutionäre Gemeinderat von St. Denis wählte den 22. September zur Zivil- tause von 9 Kindern. Statt eines Chorals wurde die Marseillaise gespielt. Der Maire Walter hielt eine Ansprache und setzte auseinander, die Ziviltaufe sei eingeführt, um die Kinder dem klerikalen Einfluß zu entreißen. Dann las er die Formel: „Heute, am 1. Vende- maire des Jahres 101 der Republik, find im Rathaus erschienen (folgen die Namen der Eltern und Pathen). Dieselben erklären, daß sie um ihr Kind auf immer von der Vormundschaft der Kirche zu befreien, auf die religiöse Zeremonie verzichten. Die Pathen verpflichten sich feierlich im Fall der Not für das Kind, dessen Name Mathias sein soll, zu sorgen, und es in der Liebe zur Arbeit und zur Freiheit zu erziehen, auch demselben die Gefühle der Brüderlichkeit einzuflößen die geeignet sind, einen
guten Bürger und warmen Republikaner rm§ ihm zu machen." Die Leute Unterzeichneten sodann das Protokoll, und mit dem Ruf: „Hoch die soziale Revolution!" schloß die Handlung.
* Petersburg, 22. Sept. Trotz aller russisch-französischen Freundschaft bezeichnen die hervorragenden russischen Blätter den etwaigen schriftlichen bindenden französischen Vertrag als einen Schritt, der bester unterbliebe. Die „Nowoje Wremja" fügt allerdings hinzu, bei weiterem „Nervösmachen" Rußlands und Frankreichs könne es noch wohl zu einem solchen bindenden Vertrage kommen.
* Die türkische Regierung hat sich eine gründliche Maßregel ausgedacht, um das Gelehrtenproletariat auszurotten, das sich auch in politischen Umtrieben lästig macht. In Kou- stantinopel wurden Samstag und Sonntag über 2000 Studenten verhaftet und an Bord von Dampfern im goldenen Horn gebracht. Zwei derselben gingen mit versiegelten Befehlen ab. Einer amtlichen Kundmachung zufolge wurde diese Maßregel ergriffen, um eine Ueberfüllung der öffentlichen Schulen zu vermeiden. Mittwoch wurden mehrere türkische Zeitungen beschlagnahmt.
* New-Aork, 24. Sept. In der Synagoge, worin gegen 1000 Personen, meist Frauen das jüdische Neujahr begingen, entstand durch Feuerlärm ein panischer Schrecken. Bei dem Gedränge an der Treppe wurden vier Personen getötet, zwölf schwer verletzt.
Handel «nd Berkehr.
* Nagold, 21. Sept. Hopfenpreise: Wtld- berg 110 Mk.; Schietingen 130 Mk. Hier in Nagold lagern etwa 200 Zentner la Qualität. — In Stammheim, OA. Ealw, wurden Käufe in Hopfen zu 120—140 Mk. abgeschloffen.
* Schwetzingen (Baden), 20. September. (Hopfen.) Bet ruhigem Einkäufe lauten die derzeitigen Preise dahier auf 125—155 Mk., in Hockenheim auf 120—140 Mark.
' Stuttgart, 24. Sept. Kartoffelmarkt am Leonhardsplatz: Zufuhr 800 Zentner., Preis per Zentner 2 Mk. 30 Pf. bis 3 Mk. Krautmarkt : Zufuhr 3800 Stück Filderkraut, 16 bis 18 Mark per 100 Stück. Obstmarkt am Wil- helmsplatz: Zufuhr 1400 Ztr. Mostobst (vorherrschend schweizerisches), Preis per Zentner 4 Mk. 80 Pf. bis 5 Mark.
* Hei den heim, 22. Sept. (Viehmarkt.) Höchste Preise: für 1 Paar Ochsen, 1220 Kilo ledend Gewicht, 782 Mk., für 1 Paar Stiere, 830 Kllo schwer, 385 Mk., für 1 Kuh, 533 Kilo schwer, 325 Mk., für 1 Kalbel zu 470 Kilo 2l0 Mk. Sämtliches Vieh war gut genährt. Trotz der gesunkenen Preise ging der Handel schleppend, nur für Jungvieh wurden inwas bessere Preise (55—165 Mk.) erzielt.
Auflösung des Rätsels in Nro. H2 (Beilage): Macht, Wacht, Nacht, Schacht, Pacht, acht.
Verantwortlicher Redakteur: W. Rieker, Altensteig.
Damit ging er hinaus. Als Gilbert in den Empfangssaal trat, stand Vidocq an einem Fenster und sah hinaus. Sowie er die Tritte des Anlangenden hörte, wandte er sich jedoch schnell um und sah ihn einen Moment starr an, ehe er sich verbeugte.
„Sie machen wir nochmals das Vergnügen, Herr Vidocq," sagte Gilbert mit einem Lachen, das gezwungen klang, „ich hoffe nicht, daß man mir einen neuen Besuch zugedacht."
„Nein, Herr Graf, ich habe Ihnen nur eine Mitteilung zu machen!" antwortete Vidocq ernst, „sind wir allein — bleiben wir ungestört ?"
„Ich denke wohl."
„Darf ich bitten, die Thüren zu verschließen?"
„Weshalb das?" meinte Gilbert stutzig.
„Es wäre mir lieb, Herr Graf."
„Nun, meinetwegen," murmelte Gilbert und ging der einen Thür zu. Während er beide verschloß, ließ ihn Vidocq nicht aus den Augen und senkte seine Hand unter die Rockklappe.
„Jetzt haben Sie Ihren Willen!" meinte Gilbert zurückkehrend.
„Ich danke," sagte Vidocq kalt. „Gilbert Milhaud, ich verhafte Euch im Namen des Königs und des Gesetzes!"
Ein Blitz, der vor Gilbert in den Boden geschlagen, konnte ihn kaum mehr betäuben, wie diese Worte.
Das war nicht mehr der kühne Mann, der tapfere Soldat, welcher jetzt vor Vidocq stand, es war der entlarvte und ertappte Verbrecher.
„Keinen Widerstand," fügte Vidocq ihinzu, indem er ein Pistol zog, „mit Leuten Eurer Art mache ich keine Umstände."
Dem erbleichten Milhaud schoß das Blut wieder ins Gesicht. .„Was, Herr!" rief er, „Ihr wollt einen Obersten der Armee verhaften ?"
„Einen entsprungenen Galeerensträfling, mein Freund, und den verhafte ich in jeder Hülle und an jedem Orte, wo ich ihn treffe."
Vidocqs bekannte Eisenfaust faßte den Arm Gilberts, als wolle sie ihn zerbrechen.
„Wollt Ihr Euch noch einiger Rücksichten erfreuen," sagte Vidocq, „so ergebt Euch gutwillig, sonst schließe ich Euch krumm zusammen, Gilbert Milhaud."
„Ich ergebe mich," sagte dieser schmerzlich bewegt, „aber sagt mir, hieß nicht einer von den kürzlich hier verhafteten Menschen Francois Bennoit?"
„Allerdings."
„Und er hat mich verraten?"
„Ja."
„Der Unglückselige, warum wußte er so an seiner Schwester handeln?"
„An seiner Schwester?"
„Nun ja, seiner Schwester — meiner Frau."
„Ah, nun begreife ich!" rief Vidocq, „aber gleichviel. Eure Frau wird uns begleiten, Milhaud!"
„Meine Julie — auch verhaftet?"
„Darüber mag der Staatsprokurator bestimmen; doch nun hört: ich will Euch hier einen Auftritt und Skandal ersparen, kündigt Eurer Frau und Euren Dienern an, daß Ihr eine Spazierfahrt machen werdet —; wir wollen sie dann weiter ausdehnen. Versucht aber nicht, zu entspringen, denn ich bin nicht allein; dagegen sucht unterwegs Eure Frau zu trösten. Zeit und Gelegenheit dazu will ich Euch gönnen. Ich bin kein Wüterich und Ihr dauert mich, doch seit ich wußte, wer Ihr wart, mußte ich meine Pflicht erfüllen; hadert mit dem Schicksal und Eurem Schwager, doch nicht mit mir, — und nun fort!" (Schluß folgt.)