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Aus Rußland, 1. Aug Von großen Städtebränden wird berichtet: Die eine Meile von der Grenze belegene russische Stadt Gra- jewo ist von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht worden. Mehr als 100 Häuser wurden eingeäschert. Das Elend der obdachlosen Familien spottet jeder Beschreibung. Ferner wurden in der Stadt Sieciechow, Gouverne» ment Radom, von einem fruchtbaren Brande mehr als 200 Wohnhäuser eingeäschert. Das Feuer war an zwei Stellen angelegt. Soldaten aus der benachbarten Festung Jwangorod waren beim Löschen thätig, sonst wäre die ganze Stadt niedergebrannt. Sieben Menschen sind bei der Rettung ihrer Habe verbrannt.
Auf Cuba finden fortgesetzt kleine Treffen statt. Die militärischen Operationen werden indessen durch die beginnende Regenzeit ziemlich beeinträchtigt — so wenigstens meldet der offiziöse Draht aus Madrid.
Ein Telegramm auch Foochow meldet, daß in Kucheng (China) ein schreckliches Gemetzel unter der christlichen Bevölkerung stattgefunden habe. Unter den Opfern sollen sich auch fünf ausländische Damen befinden.
vermischtes.
Epigrammatisches. Die deutsche Einigkeit veranschulicht der steyrische Lehrer Adolf Frankl in folgender humoristischer Weise:
Fünf Männer saßen jüngst beim Weine:
Ein Liberaler war der Eine,
Der And're nannt' sich national,
Der Dritte piepste klerikal,
Auf „Israel" der Vierte schimpfte,
Als Demokrat gab sich der Fünfte.
Des Dankes Pfeil flog hin und wieder . .
Es waren eben — deutsche Brüder!
Sehr zeitgemäß schreibt derselbe Dichter über die Elternfreuden:
„Die Kinder sind der Eltern Stützen!"
Das klingt jetzt oft wie Hohn,
Zu Hause bleibt die Tochter sitzen Und in der Schul' der Sohn.
Aus Frankreich. Man wirft den Deutschen oft „Vereinssimpelei" vor, aber anderwärts blühen nicht minder Vereine, welche mehr als sonderbar erscheinen. So berichtet, „Soleil" von einem Vereine „der zerbrochene Teller" — I'sssiette cassäo" —, der sich im Dorfe Seclin im Norddepartemenl befindet. Hier die Geschichte des Vereins: Vor einigen Jahren hatte sich in Seclin eine Anzahl von Kaufleuten und Industriellen zu einem Abendessen zusammenge- funden. Durch Zufall fiel ein Teller vom Tisch auf den Marmorboden und brach in viele kleine Stücke entzwei. Man kam auf den Gedanken, die Stücke zu zählen, und siehe da, es fanden sich gerade so viele Stücke, als Gäste versammelt waren. In heiterer Weinlaune wurde nun beschlossen, daß jeder der Anwesenden als Andenken an diesen Abend ein Stück erhalte, um auf diese Weise eine Art Bruderschaft zu stiften, zu welcher nur derjenige zugelassen werde sollte, der im rechtmäßigen Besitze eines Stückes des zerbrochenen Tellers wäre. Sobald ein Mitglied des Vereins stirbt, muß das ihm gehörende Stück dem Präsidenten des Vereins übergeben werden, der die von Todesfällen herrührenden einzelnen Stücke zusammenzukleben, hat. Der zuletzt Ueberlebende hat seinen Teil den anderen hinzuzufügen und der auf diese Weise wieder zusammengesetzte Teller wird bei seinem Tode der Erde übergeben, und damit ist der Verein aufgelöst.
Ein trauriges Zeichen der Zeit sind die Selbstmordvereine, welche sich in der Stadt New-Dork gebildet haben. Nach den Namen zu schließen, scheinen die Mitglieder dieser Vereine meistens Deutsche zu sein. Letzter Tage ent- deckte die Polizei wiederum einen solchen Verein; er heißt der „Round Robin", und seine Vereins- Mitglieder scheinen gar keinen besonderen Grund zu haben. weshalb sie sich das Leben 'nehmen wollen. Der Klub wurde, im Januar gegründet, der erste Selbstmord fand am 12. März statt. An dem Tage entleibte sich Friedrich Oehmer; am 27. März folgte ihm seine Frau Marie; am 11. April nahm sich Jakob Gumpert das
Leben, und am 26. April verübte Otto Schwernell Selbstmord. Im Mai starben Martha Balmar und Peter Bonderhoffer durch eigene Hand; am 10. Juni entleibte sich Johann Suckfuß. Der nächste Selbstmord war auf den 25. Juni festgesetzt. Jeder dieser Selbstmordklubs scheint 13 Mitglieder zu zählen; nur dann wird ein neues Mitglied ausgenommen, wenn eine Lücke entstanden ist. Nach welcher Reihenfolge die Mitglieder Selbstmord zu verüben haben, wird durch Roulette und Würfel bestimmt; beim Roulette muß z. B. derjenige, dessen Mitgliedernummer herauskommt, sich entleiben. Ein Mitglied des „Round Robin"-jVereins. Heinrich Pflüger, äußerte sich einem Berichterstatter gegenüber folgendermaßen: „Wir haben keine Liebe zum Leben; die meisten von uns sind sehr arm. Martha Balmar war die Geliebte eines unserer Mitglieder, und freiwillig wollte sie sich denselben Regeln beugen, welche für uns gelten. Bald folgte ihr ihr Bräutigam in den Tod. Als wir den Klub gründeten, wollten wir keine Frauen aufnehmen; als es dennoch geschah, waren wir alle darin einig, ihnen zu vergeben, wenn ihnen im entscheidenden Augenblick der Mut versagte. Viele Frauen wollten in den Klub eintreten, weil ihre Geliebten ihm angehörten. 13 ist eine Unglückszahl; dennoch hat unser Roulette noch niemals auf der Zahl 13 gehalten!" — (Kann alles nur in Amerika Vorkommen.)
Aus Amerika, 30. Juli. Diamantringe auf den Fußzehen sind die neueste Errungenschaft amerikanischer Bühnen. In Pliladelphia macht gegenwärtig eine Schauspielerin Aufsehen, die den „hypnotischen" Tanz in dem berühmten Tagesstücke „Trilby" barfuß tanzt und dabei an den blankgescheuerten niedlichen Zehen strahlende Diamanten trägt. Hoffentlich sind die Zehen hübsch und nicht durch die engen Schuhe der Mode verkrüppelt. (So neu diese Errungenschaft der „Kunst" auch gilt, so alt ist sie in Wirklichkeit. Aus der Kunstgeschichte ist ja bekannt, daß die vornehmen alten Perser an den Zehen Ringe trugen. Man kehrt eben immer wieder zu den ersten Dummheiten zurück.)
(Woran man die Diebe kennt.) Der frühere Superintendent der New-Uorker Polizei und langjährige Chef der Geheimpolizei von New- Jork, Byrnes, behauptet,, daß er jeden gewerbsmäßigen Dieb sofort an seinen Füßen erkennen kann. Ganz gleich, was für eine Art Schuhzeug der Dieb trägt, an den Zehen werden die Schuhe bei längerem Tragen stets in in die Höhe gehen. Das kommt daher, daß Diebe sämtlich eine besondere Gangart haben. Sie schleichen nämlich auf den Zehen. Byrnes hat manche Stunde darauf verwandt, die Füße der Verbrecher zu studieren. Er sagt, in einem von zehn Fällen könne er an den Füßen sofort einen Dieb von einem ehrlichen Menschen unterscheiden.
(Millionen - Erbschaften junger Damen) sind jetzt an der Tagesordnung. Eine Holländerin ist kürzlich zu dem besonderen Zweck nach Berlin gekommen, um eine ihr angeblich zustehende Erbschaft mit „sechs Nullen" ausfindig zu machen. Die hübsche junge Dame arbeitet jetzt mit einem Bienenfleiß in der Kgl. Bibliothek, um dort aus Amtsblättern der vierziger Jahre die betreffende Publikation herauszusuchen. Es handelt sich also hier noch um eine „Taube auf dem Dach," und nach den Erfahrungen aller bisherigen Erbschaftssucher wird es wohl auch bei den „sechs Nullen" ohne weitere Zuthaten bleiben.
Die Distanzfexerei treibt immer eigenartigere Blüten. So wird jetzt aus Leipzig von einem Distanzfahren mit Schubkarren gemeldet, welches mehrere Leipziger Herren nach dem zwei Stunden von Leipzig entfernten Liebertwolkwitz unternahmen. Die Schubkarren waren mit je drei Zentnern Steinen belastet. Fünf Herren „starteten", davon erreichten vier das Ziel in 3 Stunden 6 Min. bis 3 Stunden 14'/» Min. Die Preise beliefen sich auf 20. 15 und 10 «ks, sowie ein Bierseidel.
Wiederum taucht eine Maschine auf, die im Stande ist, eine Anzahl menschlicher Arbeitskräfte zu ersetzen. Es handelt sich um eine Anstreichmaschine, welche das Anstreichen von Häusern und anderen großen Objekten schnell und exakt besorgt. Ein erster Aufsehen erregender Versuch wurde anläßlich der Chicagoer Weltausstellung gemacht, indem man die Riesen- flächen der Gebäude durch Anspritzen von Farbe bemalte. Diese Methode wurde ausgebeutet und nachdem bereits Londoner Firmen solche An- streichapparate in den Handel gebracht haben, werden jetzt auch schon welche von einer nam- Haft deutschen Firma angekündigt.
(Taschentücher aus Papier) bringt die Göp- pinger Papierfabrik auf den Markt und sollen dieselben um Uebertragung von Krankheitskeimen zu verhindern, nach einmaligem Gebrauch vernichtet werden. Diese Tücher bestehen, wie uns das Intern. Patentbureau von Hermann u. Co. in Oppeln mitteilt, aus dünnem, mit Glycerin getränktem Papier, das am geeignetsten mit einem leichten Verbandstoff durch Aufdruck oder Aufkleben versehen wird.
(Pfarrer Kneipps Mittel gegen den Haarschwund.) Auch gegen dieses besonders in Theaterparketts so weit verbreitete Uebel hat Pfarrer Kneipp ein Mittel gefunden: die Brennnessel. Die Pflanze soll dort, wo die Haarwurzeln noch nicht ausgestorben sind, neuen Haarwuchs erzeugen. Das Rezept lautet: 200 Gramm feingeschnittene Brennneffelwurzeln werden in 1 Liter Wasser und einem halben Liter Essig eine halbe Stunde lang „gesoffen", dann der Absud abgegossen. Mit dieser Flüssigkeit wird der Kopf vor dem Schlafengehen gut gewaschen. Um das Sprödewerden der noch vorhandenen Haare zu verhüten, wird der Kopf wöchentlich einmal mit feinem „Salat-Oel" abgerieben. Also: Brennnessel-Salat mit Essig und Oel, bemerkt hierzu die „Pharm. Post." (Der Mann, der wirklich erfolgreich den Haarschwund bekämpfen könnte, würde binnen vier Wochen zum Millionär.)
Schlau! Eine charakteristische Anekdote von sich selber erzählt der neue englische Schatzkanzler, Sir William Harcourt. Eines Tages bemerkte er, daß er einen Hausdieb haben müsse. Ab und, zu verschwanden nämlich aus seinem Zimmer größere oder kleinere Geldbeträge. Ec beschloß nun, seinen Diener auf die Probe zu stellen. „Ich nahm eine Hand voll Goldstücke, legte sie auf den Sekretär und schickte John nun in das Zimmer, um irgend etwas zu holen. Er ging, brachte mir die Sache und ich flugs hinein, um nachzusehen. Da lag noch das Gold; ob aber ebensoviel wie früher — ja, davon hatte ich keine Ahnung, denn ich hatte zu zählen vergessen. Sie sehen daraus, daß ich förmlich zum Schatzkanzler geboren bin."
(Ein oberschlessischer Othello) ist Herr Jakob K. in Kattowitz, der sich mit Fräulein Valeska S. verlobt hat. Seiner Zeitungsanzeige dieser hocherfreuten Thatsache fügte er die dräuende Warnung hinzu: „Ich gestatte Niemanden, meine Braut anzusprechen!" Arme Valeska!"
(Im Atelier.) Maler: „Brauche kein Modell! Stören Sie mich nicht, ich suche eine Idee." — Modell: „Ich habe eine, aber die können Sie nicht sausführen." — Maler: „So? WaS wäre denn das?" — Modell: „Pumpen Sie mir zwei Franken!"
(Ein Berliner Junge.) Mutter (Schutzmannsfrau): „Nu Hab' ich 'ne halbe Stunde nach dir gesucht, Maxe! Woran liegt das eigentlich, Bengel, daß man dich nie find't, wenn man dich braucht!" — Maxe: „Ja, Mutter, ich weeß nich — det muß ich wohl von Vätern jeerbt haben."
(Streng postalisch.) Postsekrctär (von auswärts) einen erkrankten Kollegen besuchend: „Es freut mich, daß Sie sich wieder so gut erholt haben." — Kollege: „Ja, der Arzt hatte mich schon aufgegeben." — Postsekretär: „Aber unser Herrgott hat die Annahme verweigert!"
Redaktion, Druck und Verlag von C. Meeh in Neuenbürg.