Nr. ^6^.
Amts- und Anzeigeblatt für den Gberamlsbezirk Lalw.
89. Jahrgang.
Lrlcheinungsweise: 6mal wöchentlich. Anzeigenpreis: Im Oberamts- -ttlrk Ealw für die einspaltige Borgiszeile 10 Pfg.. außerhalb desselben 12 Pfg., Keklamen 25 Pfg. Schluß für Jnseratannahme 10 Uhr vormittags. Telefon 9.
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Amtlich« Bekanntmachungen
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Der Stand der Seuche in Eültlingen hat es ermöglicht, die Gemeinden Stammheim, Holzbronn und Decken- psronn aus dem Beobachtungsgebiet herauszuuehmen.
Für diese Gemeinden gelten noch die für den 15-Kilometer-Umkreis getroffenen Maßregeln.
Es bleiben also verboten die Viehmärlte, der Hausierhandel mit Vieh und das Weggebeu von nicht ausreichend erhitzter Milch aus Sammelmolkereien.
cf. das oberamtl. Ausfchreiben vom 16. Juni 1914, Lalwer Tagbl. Nr. 138
La lu>, den 13. Juli 1914
K. Oberamt: Amtmann Rippmann.
Industrie und Säuglingssterblichkeit.
O.I.L. Es ist interessant, auf Grund der Statistiken des soeben erschienenen Statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich festzustellen, daß die Säuglingssterblichkeit in den überwiegend landwirtschaftlichen Gegenden Deutschlands einen bedeutend höheren Prozentsatz beträgt, als in den ausgesprochenen Jndustriegegenden und in der Stadt Berlin. So starben im ersten Lebensjahre von 100 lebend Geborenen in der Provinz Westpreußen 19,1, in der Provinz Ostpreußen 17,8, in Pommern 17, in Posen und Mecklenburg-Schwerin 16,3. In Berlin dagegen 14,2, im Königreich Sachsen 15,6, in Württemberg 13,8, im Rheinland 12,2 und Westfalen 12,1. Besonders stark ist aber der Prozentsatz der Säuglingssterblichkeit in den landwirtschaftlichen Gegenden in bezug auf die unehelichen Kinder. So starben von 100 lebendgeborenen unehelichen Kindern in Posen 34,2, in Westpreußen 33,3, in Ostpreußen 29, in Pommern 24,3, in Mecklenburg-Strelitz 26,1 in Mecklenburg-Schwerin 25,4. Dagegen in Berlin 19,2, in Westfalen 24,9, in Rheinland 23,6, im Königreich Sachsen 21 und in Württemberg 14,4.
Gerade in der jetzigen Zeit, in der die Frage des Geburtenrückganges und die eventuelle Abnahme des Bevölkerungszuwachses die weiteste Öffentlichkeit beschäftigt, sind diese Feststellungen von außerordentlichem Interesse, denn sie zeigen, daß nicht durch die Industrialisierung des Deutschen Reiches der Gesundheitszustand unsrer Bevölkerung, und besonders der Heranwachsenden Jugend gefährdet erscheint, sondern in den industriellen Gegenden, wahrscheinlich in hohem Maße durch die Schaffung von Wöchnerinnenheimen, durch die fortgesetzte Belehrung der jungen Mütter und durch die sorgsame Ueberwachung der Säuglingspflege, die Sterblichkeit der Säuglinge erheblich zurückgeht.
Bezirk und Nachbarschaft.
Calw, den 14. Juli 1914.
Wolkenbruch auf dem Calmcr Wald.
Während des gestrigen Nachmittags ist auch unser Bezirk von einem schweren Wolkenbruch heimgesucht worden. Auch diesesmal wieder, wie bei dem neulichen großen Unwetter, hatte besonders die Waldseite unter dem unaufhörlich bei Blitz und Donner niederströmenden Regenmassen zu leiden, sodaß in einem Fall sogar direkte Gefahr für die Bewohner und ihre Behausungen bestand. In der Oberamtsstadt und drüben auf der Gäuseite verlief das Wetter, das mehrere Stunden anhielt, glimpflich. Daß es heftig gehaust haben mutzte, ersah man hier bald, als die Nagold plötzlich hoch anschwoll mit rotem, lehmigem Wasser und fast ufervoll war. Sie führte massenhaft Holz, Holzstücke, Bäume usw. mit sich; naivem der Regen aber ausgesetzt hatte, war bald ein langsames Zurückgehen zu beobachten.
Unser Korrespondent in Bad Teinach schildert folgendes: Auch hier hat der Wolkenbruch seine Spuren hinterlassen. Der Teinachbach stieg infolge der auf dem Walde niedergegangenen Wassermassen in einem kurzen Augenblick um 2 Meter, und nur durch die Achtsamkeit des Wärters vom Schwarzwaldhaus, der telefonisch die
Nachricht vom Hochwasser hieher gelangen ließ, ist es möglich gewesen, in Teinach die Vorbereitungen zum Schutze vor der Hochwassergefahr zu treffen, sonst wäre alles überschwemmt worden. So konnte die Seewiese geräumt und außerdem alle Fallen gezogen werden, sodatz der Vach die gröbsten Hindernisse beseitigt fand und eine größere lleberschwemmung verhütet wurde. Bei den Aufräumungsarbeiten auf der Seewiese fiel einer der Arbeiter ins Wasser, er konnte aber wieder glücklich ans Land gebracht werden.
Aus Neubulach wird uns geschrieben: Mit dem heutigen schweren Gewitter ging um 2 Uhr im sog. Zie- geltäle, oberhalb Oberhaugstett beginnend, ein Wolkenbruch nieder, der eine ungeheure Menge Wasser mit sich führte und alles mitriß, was ihm in den Weg kam. Die sogenannte Lochmühle war in äußerster Gefahr, die Feuerwehr mußte zum Schutze und Ableitung des Wassers herbeigerufen werden, überall in Stall, Scheuer und Wohnung drang das Wasser ein, mit elementarer Gewalt machte sich das Wasser dann weiter talabwärts Bahn, ruinierte das neu angelegte Wegchen zum Wasserfall und kam als reißender Strom in den Weiler Seitzental, wo sich das Wasser trotz der Vachkorrektion seinen ergenen Weg durch die Gärten, Wiesen, Aecker, das ganze Terrain überschwemmend, suchte. Das Nagoldbett war scheints noch im Stande, die Massen zu fassen. Der Schaden an Gewächsen und Wegen ist sehr groß. Seit über 30 Jahren hat der Ziegelbach in so schlimmer Weise nicht gehaust.
Neuweiler berichtet: Bei dem gestrigen Gewitter, das einen Wolkenbruch mit sich brachte, schlug der Blitz in den hiesigen Kirchturm und beschädigte Dach und Uhrwerk. Von da sprang er über auf das Rathaus, schlug dort in die elektrische Leitung, in die Decke einer Kanzlei und verursachte sonst allerlei Schaden. Vom E.E.T. wurde sofort ein Angestellter gerufen, um die Ausbesserungsarbeiten an der elektr. Leitung vorzunehmen.
Wie entstehen Druckfehler?
Wie entstehen die ärgerlichen, unausrottbaren Druckfehler? lieber diese Frage sollten sich Nichtfachleute, insbesondere solche, die für den Druck schreiben, klar werden, ehe sie über „gedankenlose" Setzer und „nachlässige" Korrektoren das übliche Verdammungsurteil ohne Zubilligung mildernder Umstände fällen. Der häufigste Erzeuger von Druckfehlern ist der „Zwiebelfisch", das Kreuz und die Pein eines jeden Setzers. Was ist der Zwiebelfisch? Der Setzer nennt so eine jede Letter, die sich an einem Orte, wo sie nicht hingehört, insbesondere in einem falschen Buchstabenfach des Setzkastens befindet. Wie leicht sie da hineingerät, davon kann sich jeder Besucher der Leipziger Buchgewerbeausstellung mühelos überzeugen, wenn er einen Setzer beim „Ablegen" beobachtet. Die Ausstellung wird, gemäß ihrem Programm, alles lebensvoll und in Tätigkeit zu zeigen, auch die Setzabteilung einer Druckerei im Betrieb vorführen; hier wird man u. a. sehen können, wie der Setzer die einzelnen Buchstaben zu Zeilen und diese wieder zu Seiten zusammensetzt und für den Druck fertig macht („ausbindet"), und wie er dann nach dem Druck den gebrauchten Schriftsatz wieder auseinandernimmt und die Buchstaben auf die betreffenden Fächer des Setzkastens verteilt („den Satz ablegt").
Wenn der Laie diese mit blitzartiger Geschwindigkeit ausgeführte Arbeit anstaunt, wird ihm alsbald klar, wie leicht ein Buchstabe „verworfen", d. h. in ein falsches Fach des Setzkastens geworfen werden kann. Wie nun der Setzer beim Ablegen sozusagen blindlings die Lettern in seinen Setzkasten wirft, so „greift" er sie auch beim Setzen blitzschnell und reiht sie unbesehen in seinem Winkelhaken aneinander. Wollte er sich von der Richtigkeit jedes einzelnen gegriffenen Buchstabens über- Mgen, so käme er mit seiner Arbeit nicht von der Stelle. Nur bei Lettern von sehr verschiedener Dicke oder Breite (z. B. m und s) ist das sehr ausgebikdete Tastgefühl
des Setzers sofort imstande, einen Zwiebelfisch ohne Zuhilfenahme des Auges festzustellen. Bei Lettern von gleicher oder annähernd gleicher Dicke liegt diese Möglichkit der Entdeckung durch den Tastsinn nicht vor, und so bekommt der arme Korrektor in der erstenKorrektur beispielsweise zu lesen: Eiergärtnerei statt Ziergärtnerei; Eypsessen statt Zypressen; Kurant statt Kurort; Dämonen statt Domänen; Apfelmus statt Anselmus; „Es fehlte den Truppen an Courage" statt Fourage, „Unsere Begleiterinnen glühten wie Matrosen" statt Matrosen; „Der König trug eine geflickte Uniform" statt einer gestickten; „Attribut des Platon war ein Zwieback" statt Pluton und Zweizack; „Benedeck zog sich zurück und ordnete seine Haare" statt Heere usf. Wohl dem Korrektor, wenn er es nur mit solchen Druckfehlern zu tun hätte! Es gibt deren noch andere, unheilvollere, sogenannte „Hochzeilen" und „Leichen". Eine „Hochzeit" heißt im Buchdruckerdeutsch etwas aus Unachtsamkeit doppelt Gesetztes (unnötige Vermehrung!), während „Leiche" eine Auslassung bedeutet (der schlimme Setzer hat gleichsam einen beiseite geschafft, um die Ecke gebracht.)
Aber die Quelle für die häßlichsten, bösartigsten Druckfehler ist doch das geschriebene Manuskript (der Setzer nennt „Manuskript" jede — auch die gedruckte — Satzvorlage) — „weil das Genie sich meist erfreut unlöslicher Handschrift." Jeder Setzer und jeder Korrektor können bezeugen, daß unter den Autorhandschriften die deutlichen die Ausnahme bilden. Es ist geradezu unglaublich, was in dieser Hinsicht dem Setzer zugemutet wird. Da steht nun der arme „unstudierte" Setzer vor seinem „gelehrten" unlesbaren Manuskript, er versucht es zu entziffern — vergebens: die Runen oder Hahnenfüße spotten der angestrengtesten Leseversuche; ihm bleibt nichts anderes übrig, als auf gut Glück draufloszuraten. Auf alle Fälle weiß er ja, daß der Korrektor hinter ihm steht. Was dieser nun als „erste Korrektur" von solchem Manuskript zu „lesen" bekommt, davon hat
der Laie keine Ahnung, am wenigsten der Autor selbst, der die meisten und schlimmsten Fehler durch seine „Pfote" verschuldet hat. Da hat der Setzer beliebige Wörter zu den sinnlosesten Sätzen zusammengestellt; z. B. las er Kamtschatka für Buttermilch, Hundesteuer für Seelengröße, Jesuiten für Insulten, Scheintod für Schwulst, Nonnenkloster für Nomenklatur, „des duftenden Sokrates" statt Sekretes, „Die Wochenimpfung" statt Dr. Wehrenpfennig usw. Da hat der Setzer ferner aus fremdsprachlichen Wörtern beliebige deutsche Wörter gemacht und umgekehrt, oder Zahlen für Buchstaben gehalten und Buchstaben für Zahlen (z. B. „10 schöne Mädchen" für so schöne Mädchen; 206 statt Lob; 703 statt Tod usf. Die immer allgemeiner verwendete Schreibmaschine bringt zwar den Setzern und Korrektoren unleugbar große Erleichterung durch die leichtere Lesbarkeit der Maschinenschrift, aber die Maschinenschreiber und -Schreiberinnen sind leider nicht immun gegen die verschiedenartigsten „Tippfehler".
Das Gesagte mag genügen, um dem Laien eine Ahnung zu geben von der unendlich schwierigen, verantwortungsvollen, aufreibenden Tätigkeit des Korrektors — kann doch ein vertauschter Buchstabe, ein fortgelassenes oder an falscher Stelle stehendes Komma eine schwere Majestatsbeleidigung zuwege bringen. — Der im Irrenhaus endende, beständig von Druckfehlern verfolgte Korrektor, wie ihn Hackländer in seinem Roman „Dunkle Stunden" schildert, ist eine nach dem Leben gezeichnete Figur. In der Regel hat der Druckfehlerteufel aber nicht so bösartige Abfichten, vielmehr ist er meist ein lustiger, ausgelassener Geselle, der seine Leute nur gerne an der Nase führt. Auch von dieser Seite wird ihn der Besucher der Leipziger Buchgewerbe-Ausstellung kennen lernen, vor allem im „Zunfthaus", dem Heim der buchgewerblichen Fachleute, dessen Wandgemälde ernste und heitere Szenen aus dem Leben des Setzers Druckers usw. darstellen. (A. d. Tägl. Rundschau.)