wie dies bei seinem Regierungsantritte bereits Bismarck vorausgesagt hatte.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Wegtritt Bismarcks von der politischen Schaubühne eine völlige Neugestaltung unseres Parteiwesens zur Folge haben wird, denn die bisherigen Parteien waren sozusagen alle xro und contra, Bismarck zugeschnitten. Ein System- Wechsel wird sich wohl kaum geltend machen, außer der vom Kaiser eingeleiteten neuen Arbeiterschutz-Politik, welcher Fürst Bismarck bisher ablehnend gegenüberstand. In Verbindung damit dürste auch das Sozialistengesetz gänzlich in Wegfall kommen, an dessen Stelle ein Anarchistengesetz zu treten hätte, das der Zustimmung aller Parteien des Reichstages sicher wäre.
In Bezug auf die Neugestaltung und Neubesetzung der oberen Reichsämter werden uns die nächsten Tage mit bestimmten Thatsachen bedienen.
Laudesaachrichteu.
* Freude n stadt, 16. März. Vorige Woche war eine Vertrauensmänner-Versammlung des 8. Wahlkreises auf Schloß Hohen-Mühringen anberaumt, welche von allen vier Obcrämtern vertreten war. Beschlossen wurde, daß auch in Zukunft solche Vertrauensmänner - Versammlungen von Zeit zu Zeit stattfindcu sollen, um mit dem Rcichstagsabgevrdnetcn, Baron von Münch, in steter Fühlung bleiben und ihm die Wünsche des Wahlkreises vortragen zu können.
Es wurde empfohlen, mit der Gründung von Bezirksvolks-Vereinen vorzugehen. Gleichzeitig wurde eine Eingabe an das Landes-Komite redigiert und unterzeichnet, worin das Befremden ausgcdrückt wurde, warum die Kandidatur von Münch von der Parteileitung keine Unterstützung gefunden habe und gebeten, die Gründe anzn- geben, die diese ablehnende Haltung verursachten.
Ein opulentes Abendessen vereinigte die Teilnehmer zum Schluffe im Speisesaal des Schlosses wieder, worauf sich die Teilnehmer mittelst Fuhrwerken auf den Bahnhof Horb zur Heimfahrt begaben. (N.-Ztg.)
* Stuttgart, 16. März. Wie man aus Hoskreiseu vernimmt, bleibt -Le. Majestät der König bis zu seiner Nebersiedelung nach Friedrichshasen hier. Von einem Aufenthalt in Italien ist ganz abgesehen worden. Die Uebersiedelung nach Friedrichshafen soll am 30. Juni erfolgen, etwa um dieselbe Zeit soll das Münsterfcst in Ulm stattfinden, dem der König anwohnen wird.
Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß der König einen kürzeren Frühlingsaufenthalt in dem reizend gelegenen Kloster Bebenhausen nimmt und gleichzeitig seine Kavaliere zu Jagden in den dortigen Forsten cinladet.
* Stnttgart, 20. März. Vom gemischten Güterzug Nr. 625 entgleiste gestern abends 6 Uhr beim Einfahren nach Schorndorf ein Personenwagen infolge Achsenbruchs der Lokomotive.
Dieser und mehrere Wagen sind umgestürzt.
seine schöne Quälerin, zog ihn in ein langes Gespräch. Sie bot heute alle ihre Künste auf, um Waiden endlich wieder zu gewinnen, denn zu lange schon währte ihr dieses Spiel.
Als die Diener die Thüren des Speisesaales öffneten legte Sylvia ihren vollen Arm ohne Frage in den des Professors. Er zögerte einen Augenblick, hatte er doch bisher stets seine Braut zur Tafel geführt: aber als Sylvia mit schmeichelnder Stimme bat: „Kommen Sie, Her- l ert. Sie sehen, Herr von der Recke hat sich bereits Ihres Bräutchens bemächtigt, lassen Sie die Jugend der Jugend", da zuckte er jäh zusammen und ging neben ihr ohne Widerstreben.
An der langen festlich geschmückten Tafel saß er Erich und Nora gegenüber. Die letztere setzte das begonnene Lpiel fort, sie lachte und sprach mit fieberhafter Heiterkeit und nur zuweilen flog ein Blick zu ihrem Verlobten hinüber. Aber es war nicht der alte Blick von Lieb und Treue, sondern es lag etwas Fremdes, Starres, Verzweifeltes in ihm.
Für den Professor verflossen die Stunden des Abendessens in tiefster Qual; er mußte es geschehen lassen. Daß Sylvia ihn mit ihrem süßesten Lächeln stets: „Liebster Herbert" nannte, ja, daß sie ihm sogar in der unverhülltesten Art und absichtlich laut zu verstehen gab, daß sie ihn stets im Herzen getragen.
Waiden sah das holde Antlitz seiner Braut bei diesen Worten tätlich erblassen und war froh, als die Dame des Hauses in demselben Augenblicke die Tafel aufhob.
Nun konnte er endlich mit Nora sprechen, aber sein suchender Blick fand sie nicht und Erich teilte ihm mit, daß sie sich fü? einige Augenblicke in ihr Zimmer zurückgezogen habe.
Da trieb es auch Waldcn.fort ans dem fröhlichen Kreise, und er schritt in den Wintergarten, der sich au die Zimmerreihe schloß.
ist auch bereits bei den Großhändlern eine merkbare Ernüchterung eingetreten.
* (Versch ieden es.) In Lu dwigsburg mußte ein Einjährig-Freiwilliger von einem Tanzkränzchen nach Hause gebracht werden, da er sich unwohl und schläfrig fühlte. Zu Bett gebracht, verfiel er in einen tiefen Schlaf, aus dem er biß heute noch nicht erwachte. — Der Kaufmann A. Wörner aus Hcilbronn wurde auf dem von Erlenbach nach der Heilbrouu- Neckarsulmer Landstraße führenden Fußwege von zwei Burschen überfallen, zu Boden geworfen und seines Geldbeutels mit 23 Mk. Inhalt beraubt. — In Balingen ist ein 17 Jahre altes Dienstmädchen plötzlich an Schlafsucht erkrankt. — In Knittlingen holten zwei Söhne des Straßenwarts Fr. Gerlach in einer Scheuer Stroh. Der jüngere, welcher oben in der Scheuer war, rutschte aus, konnte sich aber noch an einem Balken halten und schrie um Hilfe. Schnell eilte der ältere Bruder hinauf, faßte den Schwebenden um den Leib und zog ihn, herein; da brach aber das Brett, der jüngere stürzte nun ganz hinab und schlug unten mit dem Kopf auf einem Spaltklotz auf, während der ältere mit dem Schrecken davonkam. Furchtbar verwundet, mit einem Schenkelbruch, wurde der Verunglückte in das Elternhaus verbracht. — Die Pulverfabrik Rottw eil-Hamburg stellt anscheinend im Aufträge der deutschen Heeres-Verwaltung große Blassen rauchlosen Pulvers her. — In Wangen wurden dem Wundarzt Geier 741 Mk. bar Geld, welche in einer im 3. Stockwerk befindlichen Kommode waren, gestohlen. — Dem Gemeindepfleger in Greuthof wurden ! silberne Cylindernhr, 520 Mk. bar Geld, 1 Ohrbehäng, 1 goldener Ring und 1 Granathalsnuster gestohlen.
* Von der badischen Grenze, 19. März. In Rappenau ist gestern für eine ohnehin mit Glücksgütern ziemlich gesegnete Familie aus Breslau das reiche Erbe von 580,000 Mk. eingetroffen, das unter 8 Geschwistern zu gleicher Verteilung kommt. Der Erblasser ist der vor kurzem verstorbene Direktor Freudenberger der Zuckerfabrik in Breslau und die Erben sind 8 Bruderskinder desselben. Nachdem der badische Staat die lOprozentige Erbschaftssteuer im Betrage von 58,000 Mk. von der Verlassenschaft eingezogen hat und einige besondere Legate ausgelöst sind, kann an jeden der 8 Erben die hübsche Lumme von rund 70,000 Mk. ausbezahlt werden.
* Berlin, 17. März. Die „N. Mg. Ztg." gibt die Notiz eines Hamburger Blattes wieder, wonach die Meldung, daß der Kaiser binnen kurzem sich nach Belgien begeben werde, jeglicher Begründung entbehrt.
- Berlin, 19. März. Obcrpräsident Staatsminister Graf zu Eulenburg wurde aus Kassel telegraphisch hieher beordert.
* Berlin, 19. März. Der Kaiser konferierte gestern zwei Mal mit den kommandierenden
Aufatmend warf er sich in einen Sessel und sah träumerisch in die hochragenden Wipfel stolzer Palmen. Das Rauschen eines Frauen- gewandes ließ ihn plötzlich zusammenfahren, und aufblickend gewahrte er Sylvia.
„So einsam, mein Freund?" fragte sie mit weicher Stimme. „Wo haben Sie denn Ihre holde Braut, tändelt sie wieder mit Vetter Erich?"
Walden erhob sich und bat ernst: „Ich muß Sie ersuchen, gnädige Frau, meine Braut und mich nicht beständig in den Kreis Ihrer Betrachtungen zu ziehen."
Sie lachte kurz und höhnisch auf; plötzlich aber wandelte sich der harte Ausdruck ihres Antlitzes. Sie trat dicht an Walden heran, und indem sie ihre beiden gefalteten Hände auf seine Schulter legte, flüsterte sie innig: „O, Herbert, kannst du denn noch immer nicht vergeben? Du weißt nicht, wie hart ich gebüßt. Hier zu deinen Füßen ist mein Platz, hier will ich um Verzeihung flehen, bis du mich erhörst!"
Sie war zu Boden gesunken, und während das weiße Atlasgewand lang schleppend den Boden bedeckte, hob sie das blonde Haupt mit den wunderbaren mächtigen Augen zu Walden empor, in dessen Antlitz dunkle Röte gestiegen.
Er^ riß die Knieende empor und rief mit harter Stimme: „Ersparen Sie sich die Komödie, gnädige Frau, den Jüngling vermochten Sie einst zu täuschen, aber ein Mannesauge sieht klarer."
Ein Blitz des Haffes brach aus ihrem Auge, aber sie bezwang sich und flüsterte, während ihr Haupt fast sein Antlitz streifte: „O, Herbert, hast du denn unsere alte Liebe ganz vergessen?"
„Sie starb in dem Augenblicke des Verrates."
(Fortsetzung folgt.)
Kein Toter, aber mehrere Leichtverwundete. Das Geleise ist gesperrt.
* Vom Lande, 18. März, läßt sich der „H. B." schreiben: „Die Zeiten sind so schlecht" — an allen Ecken und Enden ertönt der Jammerruf, ausgestoßen von Leuten, die recht tief in der „Wolle" sitzen, und gedairkenlos nachplappern, was sie von andern hören. — Wie ganz anders sieht aber die Sache aus, wenn man an alle die Vergnügungen denkt, welche das ganze Jahr hindurch andauern, lieber die schlechten Zeiten klagt man, ein Auge aber für den stets zunehmenden Luxus, für die sich steigernde Genußsucht und zwar nicht nur der „oberen Zehntausend", sondern gerade der mittleren und unteren Volksklassen hat man nicht. Und was für „Vergnügungen" das oft sind, daß Gott erbarm! Dazu kommt eine Vereinsmeierei, die nachgerade ins Widerwärtige geht. Leute, deren Väter und Großväter sich Sonntags einen Schoppen gönnten, die Woche über aber nach Feierabend zu Hause lebten und durch gewissenhafte Sparsamkeit etwas vor sich brachten, sieht man am Hellen Werktag vor- und nachmittags „vespern" und abends erst recht dem Wirtshausleben fröhnen. Und da soll es einen wundern wenn es nirgends mehr reichen will, wenn Unzufriedenheit mit Gott und der Welt cinreißt, wenn das einfältige Gejammer kommt mit den „schlechten Zeiten". Nicht die Zeiten sind andere geworden, sondern die Leute! Wie lebhaft erinnert unsere Zeit an die Tage der römischen Kaiser, wo der Ruf der Massen widerhallte: „Brot und Spiele!" Und möchten wir mit einer gelesenen Zeitung fragen: ist es notwendig, daß der Familienvater mehr den Vereinen, als den Seinigen angehört? Ist es notwendig, daß der feiernde Turner so lange zecht, bis die schlotternden Glieder der fremden Hilfe bedürfen? ist es notwendig, daß der Sänger so lange Leim Humpen sitzt, bis seiner Stimme Gold zum Kreischen und Brüllen herabgesungen ist? ist es notwendig, daß der Schütze beim Feste so lange tafelt und trinkt, bis sein unsicheres Auge nicht einmal mehr die Hausthüre aufs Korn zu nehmen vermag? ist cs notwendig, daß der Gemeinnützige so lange beim Glase „wirkt", bis nach und nach sein Familienglück verwirkt ist? So lange diese Vereinsmeierei, die am Wohlstände des Volkes als ein wucherndes Parasyt zehrt, fortgeht, werden nicht nur die Klagen über die schlechten Zeiten nicht verstummen, sondern cs ist dringende Gefahr, daß Familie und Gemeinde zerstört werden.
* Die „N.-Ztg." schreibt: Nach den Urteilen der Kauflente, welche auf Landkundschaft angewiesen sind, zeigt sich diese sehr spröde gegen die cingetretenen hohen Preise der Eisenwaren und kauft nur das allernötigste. Die Kaufleute können kaum die Hälfte Ware gegen früher absetzen. Wenn dieser Zustand anhält, muß notwendigerweise ein Rückschlag in den übertriebenen Preisen der Fabrikation eintreten, da die Waren den Produzenten auf dem Halse bleiben. Es