Heilbronu, 9. Okt. (Gewerbebaukprozeß.) Heute erhielt der Vertreter der Anklage, Ober­staatsanwalt Hartmann, das Wort. Derselbe führte aus : Die Angekl. waren lange an der Arbeit, bis alles vernichtet war. Großes, namen­loses Unglück wurde in viele Familien hinein­getragen ; heute noch giebt es für Viele kummer­volle Nächte, Sorgen und Thränen. Es hat lange gewährt, bis der 14. Sept. 1901 die Angekl. an der Stätte ihres unheilvollen Werks zusammenbrechen ließ. Anstatt die Stellung der Gewerbebank zu erhalten, haben sie ihr ein schmachvolles Ende bereitet. Notpfennige des Alters, Spargroschen der Arbeit, haben sie ge­wissenlos, treulos, ehrlos geopfert. Sie trieben einen Schwindel ohne Gleichen. Von Anfang an mögen Sie sich das Alles scharf einprägen mit Rücksicht auf die Frage der milderen Um­stände: nicht mit einem Treubruch aus Notlage, sondern um der nackten Goldsucht willen, haben wir es zu thun. Ein immer größeres Ver­schleierungsbedürfnis trat für sie ein. Soviel zur Einleitung, m. HH. Geschworenen. Eine schwere Aufgabe wartet Ihrer, aber verzagen Sie nicht, Sie sind nicht vor eine unerfüllbare Aufgabe gestellt. Sie sollen mit Ihrem gesunden Menschenverstand und auf Grund Ihrer Lebens­erfahrungen prüfen, ohne Haß, ohne Ansehen der Person, dann wird die Sonne der Gerechtig­keit hineinleuchten in die Verbrechen der Ange­klagten. Dann wird ein Wahrspruch zu stände kommen zur Ehre der schwäbischen Schwurgerichte und des ganzen deutschen Rechtsbewußtseins. In der Begründung der Anklage stellt sodann der O.St.A. voran die Frage, ob Krug blos Prokurist war oder richtiges stellvertretendes Vorstandsmitglied. Krug sei Teilhaber des ab­sichtlichen oder stillschweigenden Komplotts der Angekl. gewesen, als Stellvertreter eines der beiden andern, wenn gerade einer nicht anwesend war. Sie haben sich gegenseitig ergänzt, ab­gelöst. Das Ganze war ein einheitlicher Plan, an dem alle drei ganz gleichmäßig beteiligt warn. Krug hatte daS gleiche eigene Interesse an all diesen Strafthaten; er war mit allem, was ge- schah, einverstanden. Deshalb sei er bezüglich sämtlicher Anklagepunkte nicht als Gehilfe, son­dern als Mitthäter zu betrachten. Bei den einzelnen Punkten wolle er sich kurz fassen. Die Angekl. haben aus eigene Rechnung speku­liert und dazu die ihnen anvertrauten Bank­mittel benutzt; warum haben sie denn nicht da­zu ihre Privatmittel benützt. Diese haben sie immer recht geschont. Damit können die Angekl. die Rechtswidrigkeit der Spekulationen nicht be­seitigen. Das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit bei den Angeklagten beweisen ihm auch die Fälschungen, Buchungen und Täuschungen des Verwaltungsrats. Nicht anders verhalte es sich mit den Spekulationen, die die Angekl. für zahlungsschwache, spekulierende Kunden machten; der diesen gewährte ungedeckte, hohe Kredit sei wieder ein schwerer Verstoß gegen Statut und Interesse der Bank gewesen. Was waren denn eigentlich die Motive der Angeklagten? Bei den Privatspekulationen reine Gewinnsucht, reine Bereicherungssucht. Bei denen für Rechnung der Bank möge es die Hoffnung des Wett- machens der Verluste anfangs gewesen sein; diese Hoffnungen mußten doch aber immer mehr zurückgehen in den 5 Leidensjahren der Bank ; sie haben aber trotzdem weitergemacht bis zum Schluß. Auf die Privatspekulationen eingehend, stellt der Oberstaatsanwalt fest, daß Fuchs 1600000 Keefer 250000 -/L. und Krug 40000 pri­vatim verspekuliert haben. In der Frage der Betrügereien zum Nachteil der Aktienkäufer Eisenmann, Stötzer und Eberle will er die Be­urteilung den Geschworenen überlassen, in allen anderen Fällen aber handle es sich um offen­sichtlichen Betrug. Der Oberstaatsanwalt berührt dann die Frage der mildernden Umstände. Ob sie bei den Privaturkundenfälschungen in An­wendung zu bringen seien, das überlasse er den Geschworenen, bei allen anderen Reaten aber müsse er aus innerster Ueberzeugung denselben entgegentreten. Angesichts des namenlosen Un­glücks, das die Angeklagten über viele arme Leute gebracht haben, angesichts ihrer unlauteren, verwerflichen und gemeinen Handlungen dürfe

man an mildernde Umstände nicht denken; hier handle es sich um Vergehen und Verbrechen, die begangen worden seien, obwohl die Angeklagten die Lage der Bank schon lange gekannt hätten. Nach seiner Ansicht müßten die Geschworenen bei der Erwägung der Frage betr. mildernde Umstände zu dem Schluffe kommen, daß die An­geklagten ins Zuchthaus gehören. Der Ver­teidiger, Rechtsanwalt Dr. Schmal, sagte sodann: Nach den grassen, einseitigen Darstellungen des Oberstaatsanwalts werde es den Geschworenen angenehm sein, auch die Verteidigung zu hören. Er geht dann auf die einzelnen Punkte der An­klage ein. Betrügerischer Bankerott liege nicht vor, denn Fuchs habe nicht die Absicht gehabt, die Gewerbebank zu schädigen. Wenn die An­geklagten die Bank hätten schädigen wollen, so würden sie vor Ausbruch des Kraches das Weite gesucht haben. Wie wenig von Verleitung zum Börsenspiel die Rede sein könne, das gehe aus dem Falle Schaber evident hervor, der ein ge­wiegter Börsenspekulant sei und der wie andere handeln: Gewinnt er, so ist es recht, gewinnt er nicht, dann versteckt er sich hinter dem Börsen­gesetz und macht den Differenzeneinwand. Zu den Kursspannungen und falschen Buchführungen seien die Angeklagten infolge ihrer vielen Ver­luste genötigt gewesen. Fuchs sei ein Mann, der sich von unten herauf emporgearbeitet habe. Er sei ein Fanatiker des Optimismus, der auf dem Standpunkt gestanden habe, was ja die Anklage selbst sage, die Lage müsse eickknal wie­der besser werden. Er habe sich an einen Stroh­halm angeklammert. Sollten die Geschworenen die Frage der mildernden Umstände bejahen, so sorge das Gesetz dafür, daß Fuchs deshalb noch lange nicht auf freien Fuß gesetzt werde. Nach seiner Ueberzeugung gehöre Fuchs nicht ins Zuchthaus. Es plaidieren sodann die beiden anderen Verteidiger.

Heilbronn, 10. Okt. (Gewerbebank- Prozeß.) Der Andrang zu der heutigen Nach- mittagssttzung war außerordentlich groß. Schon um 2 Uhr hatte sich vor dem Gerichtsgebäude eine große Menschenmenge angesammelt, die um 3 Uhr, wo die Sitzung ihren Anfang nahm, sich in den Schwurgerichtssaal drängte, der sich bis auf den letzten Platz füllte und manchem keinen Raum mehr bot. Der Oberstaatsanwalt Hartmann ergriff zunächst das Wort zu einer Replik, in der er mit kernigen Worten die Aus­führungen der drei Verteidiger zu widerlegen und den Eindruck, den ihre Plaidoyers auf die Geschworenen gemacht haben, zu entkräften suchte. Die einzelnen Fälle besprechend und an das Gerechtigkeitsgefühl der Geschworenen appellierend, schilderte er nochmals in grellen Farben die gemeine Handlungsweise der Angeklagten und das namenlose Unglück, das sie über so viele Familien heraufbeschworen haben. Er verfocht namentlich die Anklage wegen betrügerischen Bankerotts und betonte, daß die Gewährung mildernder Umstände angesichts einer so unver­antwortlichen Geschäftsgebahrung dem Gerechtig­keitsgefühl des Volkes einen Schlag ins Gesicht versetzen würde. Dabn replizierten die drei Ver­teidiger: Dr..Schmal für Fuchs, Dr. Milczewski für Keefer und Dr. Reis für Krug. Sie legten sich alle nochmals warm ins Zeug für ihre Mandanten und bemühten sich, in den Geschwo­renen ein menschliches Rühren hervorzurufen und sie für Milde zu stimmen. Sie führten eine Reihe von Momenten ins Feld, die darthun sollten, daß ein betrügerischer Bankerott nicht vorliege. Ihre Ausführungen gipfelten denn auch darin, daß sie zu beweisen suchten, daß es sich nur um einen einfachen Bankerott handle. Der Vorsitzende erteilte dann noch den Ange­klagten das Wort, von welcher Erlaubnis jedoch nur Fuchs Gebrauch machte, der um eine milde Strafe bat, denn er habe während seiner 13- monatigen Untersuchungshaft doch schon wahrlich furchtbar gebüßt. Als die Verhandlung um Uhr zu Ende war, hatte sich vor dem Gerichtsgebäude eine große Menschenmenge ver­sammelt. Man sieht dem Ende mit Spannung entgegen. Samstag Vormittag wird die Rechts­belehrung der Geschworenen durch den Vor­sitzenden erfolgen.

* Rottweil, 9. Oktober. Im Gewerbe­verein hielt gestern abend Hr. Oberreallehrer

Baud er von Waiblingen einen Bortrag über .Gewerbliche Buchführung" in der Liederhalle. Derselbe verstand es in klaren, leichtfaßlichen Ausführungen, den hohen Wert einer geordneten Buchführung für jeden Handwerker zu erklären und wies darauf hin, daß die Kenntnis einer solchen ein Prüfungsgegenstand zur Erlangung des Meisterrechts bilde. An der Hand eines jedem Zuhörer übergebenen Formularheftes be­lehrte der Redner über die richtige Führung jedes einzelnen Geschäftsbuches, verband mit seinen theoretischen Belehrungen praktische Bei­spiele, so daß kaum ein Zweifel möglich war. Lebhafter Beifall folgte dem gediegenen Bortrag. In seinem Schlußwort sprach auch der Vereins- Vorstand, Hr. Apotheker Sautermeister, seine An­erkennung aus, knüpfte daran seine besten Wünsche für den Erfolg des Gehörten und empfahl das von Hrn. Bänder herausgegebene diesbezügliche Werk, das in jeder Buchhandlung erhältlich, zur Anschaffung.

Tübingen, 10. Okt. Gestern nachmittag 3.45 Uhr wurde wurde wiederum ein heftiger Erdstoß in verschiedenen Teilen unserer Stadt verspürt, doch war der Stoß nicht so stark wie der am 3. d. M. Ueber dieses Erdbeben schreibt dieTüb. Ehr.", daß der Stoß so heftig war, daß ein Zimmer in dem Schloß sehr stark er­zitterte. Der Stoß ging von Süden nach Norden. Auch in anderen Gegenden der Stadt wurde der Erdstoß deutlich verspürt.

Horb, 10. Okt. Gestern mittag 3^ Uhr verspürte man in der unteren Stadt ein 'starkes Erdbeben, während in den letzten Tagen ein solches in der oberen Stadt in weniger starkem Maße wahrzunehmen war.

Dbstpreiszettel.

Stuttgart, 9. Okt. lMostobstmarkt.s Wil- h'lmsplatz. Zufuhr h-ute 1600 Ztr. einheimisches Obst, welches zu 6 206.60 ^ per Ztr. verkauft wurde. Ferner wurden 600 Ztr. ausländisches Obst zugechhrl, für welches 5.205.60 «16 per Zentner bek zahlt wurde.

Eßlingen, 10. Okt. Die Obstpreise so­wohl am Güterbahnhof für fremdes eingeführtes Mostobst, als auch für einheimisches sind in fortwährendem Steigen begriffen. Während vorgestern auf dem Marktplatz für einheimisches Obst von 6.206.50 -/A per Ztr. für Aepfel, 4.504.80 für Birnen bezahlt wurden

stiegen gestern am Güterbahnhof stie Preise auf

5.20 5.90 «//L per Ztr. (Schweizer Obst kostet

5.20 5.30 Oesterreicher 5 805.90

hessisches 5.70 ^/rk) Obwohl man sich auf einen hohen Obstpreis gefaßt machte, ist man doch über die jetzigen Preise etwas überrascht.

Heilbronn, 9. Okt. Aepfel kosteten 5.405.80 Mark, Birnen 66.30 gemischtes Obst 5.405.80 Mark, gebrochenes Obst 810 «kt je per Ztr.

Vom Hegau, 10. Okt. Die Preise für Mostobst bewegen sich in unserer Gegend für den Ztr. zwischen 3.60 und 4 für Birnen wird etwas mehr gefordert, für Tafelobst: 5 bis 6 pro '/2 Kilo Aepfel, 6 bis 7 pro

Kilo Birnen. Der Ertrag ist zufriedenstellend.

Calw, 9. Okt. Auf dem Obstmarkt hatte keine Zufuhr stattgefunden. Die Eigner in den Bezirks- orten vereinbarten Preise von 5 pro Ztr. und darüber.

Mutmaßliches Wetter am 12. und 13. Oktober.

Für Sonntag und Montag ist ziemlich warme Temperatur, sowie vorwiegend trockenes und heiteres Wetter in Aussicht zu nehmen.

Nachrichten u. Telegramm.

Berlin, 10. Okt. Der Staatsanzeiger veröffentlicht einen königlichen Erlaß vom 21. Sept. wonach bis Ende Sept. 1903 Unteroffi­ziere mit mindestens 6 jähriger aktiver Dienst­zeit im Heere oder in der Marine, und vom I. Okt. 1903 bis Ende Sept. 1905 Unteroffiziere mit mindestens 7 sähriger Dienstzeit im Heere oder in der Marine in die Kgl. Schutzmannschaft eingestellt werden dürfen.

Genf, 10. Okt. Heute wurden hier sämt­liche Führer der Ausständigen verhaftet.

St. Etienne, 10 Okt. In der ganzen Gegend herrschte während der ganzen Nacht vollständige Ruhe. Die Zahl der Ausständigen wird immer größer. Heute kam es zu einigen Zusammenstößen mit Arbeitern, die Kohlenkarren aufzuhalten suchten.

Redaktion, Druck und Verlag von C. Meeh in Neuenbürg.

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