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Mittel und ließ die einzelnen Phasen der­selben Revue passieren. Er begann mit der Reise des Kaisers nach der Newa, von welcher er betonte,daß sie einen sreund- schaftlichen Verkehr mit dem russischen Hofe herbeigeführt habe; Politisches war dort nichts zu besprechen. Von dem Kron- stadter Besuche habe die Presse viel zu viel Aufhebens gemacht. Mit der Be­stimmtheit, des zielbewußten Politikers, welcher sich nicht leicht aus dem Konzept bringen läßt, sprach er die bedeutsamen Worte aus, daß die Kronstadter Entrevue die Eventualität eines deutsch - russischen Konflikts um keinen Zoll näher gerückt habe. In Paris und in St. Petersburg wird man ferner die Erklärung Caprivis nicht überhören, daß man auf deutscher Seite schon Anno 1870 die Möglichkeit eines Krieges mit 2 Fronten ins Auge gefaßt habe. Er sei von der friedlichen Absicht des Kaisers von Rußland felsenfest überzeugt, wie er auch glaube, daß die französische Regierung stark genug sein werde, ihre friedliche Politik durchzusetzen. Die Steiger­ung des Selbstgefühls der Franzosen sei "keine Gefahr für uns. Der Zustand der gegenwärtigen Rüstungen werde freilich noch lange andauern, aber gerade diese Rüstungen steigerten das Verantwortlich­keitsbewußtsein. Der Redner ging dann zu einer Verteidigung des deutsch-englischen Vertrags über. Deutschland könne mit dem, was es in demselben bekomme, durch­aus zufrieden sein. Der deutsche Besitz in Ostafcika sei meist wertvoller als der englische. Betreffs Helgolands deutete er die Möglichkeit an, daß England die Insel einer anderen und weniger nahestehenden Macht tauschweise überlassen haben würde. In einer Rechtfertigung der Aufhebung des Paßzwanges beleuchtete der Kanzler die Zustände in Elsaß-Lothringen, deren all- mählige Verschmelzung mit Deutschland er von der Zeit erwartet. Zur Beunruhigung auf dem Gebiete der auswärtigen Politik sei kein Grund. Nunmehr wandte sich der Redner gegen denMilitärpessimismus", machte seine Bedenken über das Militär- schrislstellertum geltend und gab eine höchst interessante Darlegung seiner Anschauungen über die Kriegstüchtigkeit der Deutschen im Vergleich zu den andern Armeen. Nach seiner festen Ueberzeung werde die deutsche Armee in den nächsten Kriegen die beste Aussicht haben. Nicht die Zahl, sondern die Qualität sei bei der Kriegstüchtigkeil in die erste Linie zu stellen. Aber auch betreffs der Zahl werde die Regierung im nächsten Winter mit einem nenen Plan an an den Reichstag treten. Ueber die russi­schen Truppendislokationen brauche man sich nicht zu beunruhigen. Das deutsche Volk wolle mit allen in Frieden leben. Bis­her sei uns das gelungen, und es sei kein Grund, zu befürchten, daß es uns nicht weiter gelingen werde. Käme es aber zum Kriege, so würden wir demselben ruhig entgegensetzen können, gestützt auf eine Armee wie die unsere, und auf ein Volk, welches Alles für das Vaterland einsetzen würde.

Der Kaiser traf am Donnerstag abend kurz nach 5 Uhr, begleitet vom Prinzen Heinrich von Preußen, in dem freundlichen Saalestädtchen Kahla ein.

^luf dem Bahnhof wurde der Kaiser vom Herzog Ernst und den Prinzen empfangen. Alsdann trat der Kaiser die Fahrt durch Kahla nach Hummelshain an. In dem Städtchen war jedes Haus festlich ge­schmückt und erleuchtet, eine äußerst zahl­reiche Volksmenge begrüßte den Kaiser fortgesetzt mit begeisterten Zurufen, für welche Kundgebungen der erlauchte Mon­arch auf das Huldvollste dankte.

Die im Allgemeinen ziemlich eintönigen Verhandlungen des Reichstages über die Novelle zum Krankenkassengesetz wur­den am Dienstag durch eine lebendige gewerbepolitische Debatte abgelöst, zu welcher die Anfrage des Zentrums an die Reichsrcgierung über die Maßregeln zur Hebung des Handwerks führte. Die Debatte zeitigte durch die hierbei seitens des Staatssekretärs v. Bötticher abge­gebenen Erklärungen recht bemerkenswerte Ergebnisse. Denn ohne Umschweife er­klärte Herr v. Bötticher, daß die Regier­ung trotz ihres aufrichtigen Interesses für das Gedeihen des Handwerkes nicht auf die Wiedereinführung obligatorischer In­nungen und des Befähigungsnachweises eingehen könne, mit welcher klaren Stellungnahme der Regierung diese in den letzten Jahren vielerörterte Frage wohl als entschieden betrachtet werden kann. Da der Rcgierungsvertreter gleichzeitig die möglichste Berücksichtigung einer ganzen Anzahl berechtigter Wünsche aus den Kreisen des Handwerkerstandes und außer­dem eme feste Organisation desselben durch Bildung von Handwerker- resp. Gewerbe­kammern verheißen hat, so dürfen alle wahren Freunde des Handwerkes mit den genannten Erklärungen des Ministers wohl zufrieden sein.

In der Reichstagsdebatte über die Abänderung des Krankenkassengesetzes ist bekanntlich auch sehr ausführlich über die neubeschlossene Krankenversicherung der Handlungsgehilfen beraten worden. Dabei hat der Staatsminister v. Bötticher u. a. auch nachfolgende Worte gebraucht:Ich freue mich, daß der Herr Vorredner nicht dazu übergegangen ist, ein Argument, das vielfach in der Presse gebraucht worden ist, hier anzuführen, daß es nämlich des Handlungsgehilfen nicht würdig sei, in einer Kategorie mit dem Arbeiter rück­sichtlich der sozialpolitischen Gesetzgebung zu erscheinen. Meine Herren, diese Mein­ung würde ich unter keinen Umständen gelten lassen. Es handelt sich hier ledig­lich um die Bedürfnisfrage, und was dem Einen recht ist, das ist dem Anderen billig jede Arbeit hat ihre Ehe, die Arbeit des Handlungsgehilfen keine höhere, als die des gemeinen Arbeiters." Diese Aeußer- ungen sind ursprünglich etwas entstellt wiedergegeben, und haben daher unter den Handlungsgehilfen eine gewisse Bewegung hervorgerufen. Der Minister hat aber offenbar nichts anderes sagen wollen, als das, daß alle Arbeit einander gleich zu achten ist, und daß jeder, der seine Schuldigkeit thut, ein tüchtiger Kerl ist, mag er nun Arbeiter. Handlungsgehilfe oder Minister sein.

Berlin. 24. Nov. Einige Papier­fabrikanten haben ein recht bezeichnendes Bittgesuch an den Kultusminister gerichtet.

Sie wünschen im Hinblick auf die bevor­stehende Neuregelung der Gehälter der Bolksschullehrer in Preußen die Auf­nahme einer Bestimmung in das neue Schulgesetz, wonach den Lehrern jeder Vertrieb von Schulutensilien mit Gewinnbringung untersagt sein soll. Diese Forderung wird manchen Lehrer in Er­staunen versetzen, da nicht allgemein be­kannt sein dürfte, daß von vielen Volks­schullehrern ein Handel mit Lese- und Schreibebüchern, Tinten, Federn und Blei­stiften getrieben wird. Sie verstehen sich gewiß nur dazu, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb. Ihr staatliches Ein­kommen ist bisher so gering gewesen, daß sie förmlich darauf angewiesen waren, sich nach einem Nebenverdienst umzusehen. Daß es nicht zur Erhöhung des Ansehens der Lehrer, den Schülern und den Eltern gegenüber/beitragen kann, wenn die Lehrer mit den Unterrichtsmitteln einen förmlichen Handel treiben, liegt auf der Hand. Es wäre deshalb zu wünschen, daß dem Ge­such der Papierfabrikanten Folge gegeben und den Lehrern dieser Handel ein für allemal streng verboten würde. Aber dann müßte es auch der Staat als eine Ehren­pflicht betrachten, die Lehrer so auskömm­lich zu besolden, daß sie von ihren Ge­hältern leben können und nicht nötig haben, sich nach Nebeneinnahmen umzusehen.

Der fürstliche Haushalt, in dem der verhaftete Kommerzienrat Anton Wolf in Berlin gelebt hat, wird durch die Aultionsanzeigen illustriert, welche im Auf­trag des Konkursverwalters Fischer jetzt veröffentlicht werden. So wird heute, am Freitag, durch den Gerichtsvollzieher der gesamte, reich ausgestattete Wagenpark des Herrn Kommerzienrats öffentlich meist­bietend versteigert werden. Darunter be­finden sich4 hochelegante edle Wagen­pferde" (2 Schimmel, 2 Rappen), eine hochfeine Doppelkalesche aus Gummi, Reuß'sches Patent. 1 Selbstkutschierwagen, 1 Phaeton, 1 Reuß'scher Schlitten kom­plett mit Geläute, 1 Paar gold- und ein Paar silberplattierte Kummetgeschirre, 1 Sielengeschirr, 1 weiße Vorlegdecke, 3 hoch­feine Wagendecken und Stallutensilien in großer Zahl. Mit der Taxierung des ge­samten Vorrats an Gold- und Silber­sachen ist jetzt ein gerichtlicher Sachver­ständiger beschäftigt. Die Aufgabe des­selben ist keine geringe, denn es handelt sich um kostbare Stücke der Goldjchmiede- kunst und so viele Pretiosen und Silber­sachen, daß man einen ganzen Juwelier­laden damit ausrüsten könnte.

In Bunzlau ist die ganze Familie des Hauptmanns a. D. von S. nach dem Genuß eines Pöckelbratens unter Ver­giftungserscheinungen schwer erkrankt, doch gelang es, durch geeignete Gegenmittel jede Gefahr zu beseitigen. Es wurde fest- gestellt, daß der Braten aus Versehen an­statt mit Salpeter mit Kleesalz gepökelt.

(Fortsetzung in der Beilage.)

Mit einer Metkag« von E. O. Moser L Cie.

Königliche Hoflieferanten, Bonbons- und Choco- lade-Fabrik, Stuttgart.

^Redaktion, Druck und Verlag von Chrn. Me eh in Neuenbürg.